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"Eine Seuche, diez uns KAPUTT MACHT"

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Steigt die Gewalt in ihren vielen Formen in Gesellschaft und Politik? Der Neuro-Biologe Joachim Bauer macht Zeitnot und die Sucht nach Akzeptanz dafür verantwortlich.

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Steigt die Gewalt in ihren vielen Formen in Gesellschaft und Politik? Der Neuro-Biologe Joachim Bauer macht Zeitnot und die Sucht nach Akzeptanz dafür verantwortlich.

Ist der Mensch ein von Natur aus soziales Wesen oder, wie es manchmal scheint, doch nur ein Mensch dem anderen ein Wolf -oder ein Krokodil. Ein Gespräch mit dem Neurobiologen Joachim Bauer über Aggression in der Politik und im gesellschaftlichen Ganzen im Rahmen des Symposions Dürnstein.

Die Furche: Man kann die Problematik von Kriegen, aber auch von verbaler Aggression, die heute als "Hass im Netz" auftaucht, auf eine Frage zurückführen, die schon oft gestellt, aber sehr unterschiedlich beantwortet wurde: Sind Menschen von Natur aus gewalttätig?

Joachim Bauer: Das ist eine ganz wichtige Frage, weil sie eine anthropologische Grundfrage beinhaltet und die Konsequenzen, die sich daraus ergeben würden, nämlich dass wir wirklich einen spontanen Aggressionstrieb als Menschen hätten, wären natürlich andere Konsequenzen als wenn wir die Aggression als ein Verhaltensprogramm auffassen, das in bestimmten Situationen aktiviert und abgerufen wird.

Die Furche: Lässt sich das wissenschaftlich festmachen?

Bauer: Der große Charles Darwin hat auch einige sehr interessante psychologische Schriften verfasst und kein Wort über den Aggressionstrieb verloren. Trotzdem hat er sehr viel über die Aggression geschrieben. Aber bei Darwin ist die Aggression ein Verhaltensprogramm, ganz ähnlich wie die Angst, das dann abgerufen wird, wenn wir es brauchen. Den Aggressionstrieb hat also nicht etwa Charles Darwin in die Welt gebracht, er ist eine Hypothese von Sigmund Freud, der sie als Reaktion auf den Ersten Weltkrieg entwickelte. Vielleicht auch, weil er schockiert darüber war, dass er selbst einer der vielen war, die diesen Krieg begrüßt hatten. Er hat sozusagen eine biologische Entschuldigung produziert, nämlich dass es in uns einen Aggressionstrieb gäbe, der sich spontan melden würde. Konrad Lorenz hat diese These dann zugespitzt und gemeint, selbst die Liebe zwischen zwei Personen entstünde aus der Aggression gegen einen dritten.

Die Furche: Ist das alles nicht alt und widerlegt?

Bauer: Interessant ist, dass zur gleichen Zeit wie Lorenz John Bowlby in Großbritannien Experimente machte, bei denen er zum Schluss kam, dass Bindung ein primärer Trieb des Menschen ist, da brauche es keine Aggression dafür. Die Neurowissenschaft knüpft da an. Sie hat in den letzten Jahrzehnten gezeigt, dass die Zentren, die uns triebhaft steuern, auf die Erlangung von sozialer Akzeptanz, von Liebe und Bindung gerichtet sind und das diese die primären Motive des Menschen sind.

Die Furche: Historisch gesehen hat Freud mit seiner pessimistischen Sicht, gerade was den Krieg betrifft, aber doch recht behalten. In Ihren Bücher versuchen Sie ja auch zu erläutern, was das System ist, das uns zur Aggression bringt.

Bauer: Ich will Freud nicht angreifen, wir verdanken Freud eine Unmenge an Einsichten über das Unbewusste oder etwa wie wichtig die frühen Bindungen des Menschen sind. Das hat sich ja bewahrheitet. Die Zeitläufe geben Freud aber nicht recht, weil die Motivationssysteme des Menschen nicht durch die Aussicht, jemanden Schmerzen zuzufügen, aktiviert werden. Vereinzelt wird das behauptet, aber das ist falsch.

Die Furche: Wenn das alles stimmt, warum können wir dann nicht auf die Aggression verzichten?

Bauer: Die Ausrichtung des Menschen auf soziale Akzeptanz ist keine Garantiekarte für ein moralisches Menschsein. Die Sehnsucht nach Akzeptanz ist so stark, dass man von einer Sucht nach sozialer Akzeptanz sprechen kann. Wenn der Mensch dieses Grundbedürfnis nicht auf zivilem, moralisch korrektem Weg erreichen kann, dann ist er manchmal bereit, auch Böses zu tun bis hin zum Mord, um einer Gruppe anzugehören.

Die Furche: Das hieße Aggression als einen Akt der gesellschaftlichen Bindung?

Bauer: Thomas Insel, der in den Vereinigten Staaten Chef des größten Hirnforschungsinstituts ist, hat einen Artikel darüber geschrieben, ob soziale Akzeptanz eine Suchtkrankheit ist. Die Antwort ist "Ja". Das heißt, dieses Bedürfnis, zugehörig zu sein, ist keine Garantie für soziale Güte, sondern eine zweischneidige Geschichte.

Die Furche: Wie ist das dann mit diesen Ego-Shooter-Spielen und Ähnlichem? Ist da auch ein Zusammengehörigkeitsgefühl?

Bauer: Junge Männer wollen gute Beschützer werden, weil die Chance steigt, hinterher ein attraktives weibliches Geschöpf zu bekommen. Bevor es Shooter-Spiele gab, haben junge Männer Kampfspiele, Sport oder Optimierungsspiele gemacht. Heute, vor allem in den Städten, ist das nicht mehr so einfach, da kann man froh sein, in einem Sportverein zu sein. Die Shooterspiele sind der Ersatz dafür. Dass die Spiele so angelegt sind, dass es um Krieg und Zerstörung geht, liegt nicht am Verlangen der jungen Männer. Die ersten dieser Spiele wurden von der amerikanischem Armee entwickelt, mit dem einzigen Ziel, über diese Spiele die Soldaten dazu zu bringen, die natürliche Tötungshemmung und den biologischen Pazifismus zu überwinden, damit im Kriegsfall gekämpft werden kann.

Die Furche: Hat es funktioniert?

Bauer: Die Frage ist, was machen diese Spiele mit den Spielern? Ich will es so erklären: Chirurgen müssen Bäuche aufschneiden. Wenn Medizinstudenten zum ersten Mal im OP stehen und zusehen, wird ihnen meistens schlecht. Sie müssen mit der Zeit eine Resistenz entwickeln, einen Abstumpfungseffekt. Und nun ist die Frage, aufgrund welcher Erkenntnis wir annehmen, dass dieser Effekt bei Killerspielen nicht vorhanden ist?

Die Furche: Aber ist nicht das Gewalttätige interessanter für den Menschen? Oder einfach: Only bad news is good news?

Bauer: Das kann man evolutionär erklären: Eine Spezies kann ja nur dann überleben, wenn die Aufmerksamkeit sich dorthin richtet, von wo die grösste Gefahr droht. Dort, wo etwas brennt oder knallt, wo Leute sterben und Blut fließt. Wer solche Signale übersieht, der überlebt in der Regel auch nicht lang. Das ist eben auch das Prinzip der Medien, dass sie den Fokus auf die schlimmen Dinge halten und wenn es die schlimmen Dinge nicht gibt, dannn prodizieren sie sie ja auch in gewisser Hinsicht.

Die Furche: Deshalb sinkt die Auflage der Qualitätsmedien.

Bauer: Genau. Einem privaten Fernsehsender würde das nicht passieren. Wenn es nichts gibt, das einen Skandal ergibt, dann skandalisiert man etwas. Deshalb sind natürlich auch Spiele, die schlimme Szenen beinhalten, so anziehend für die menschliche Psyche.

Die Furche: Und wie kommt nun die Hirnforschung ins Spiel?

Die Forschung stellte fest, dass der präfrontale Cortex im Gehirn bei Jungendlichen noch nicht richtig aktiviert ist. Diese Gehirnregion ist dafür zuständig zu fragen: Was soll das eigentlich und tut mir das gut? Diese Fragen stellt man sich erst mit 30 Jahren, und manche erst mit 50.

Die Furche: Je älter, desto friedlicher?

Bauer: Wir müssen zunächst einmal sagen, dass Aggression nur dann problematisch ist, wenn sie zur Schädigung von Menschen eingesetzt wird. Aber es gibt viele Formen nützlicher Aggression. Wenn wir etwa die Sprache benutzen, um Ärger auszudrücken, ist die Aggression ein hoch wertvolles Korrektiv. Es ist nun einmal so, dass Menschen in einer Welt der knappen Ressourcen zusammenleben, das sind auf dieser Welt nicht nur Wasser und Energie, sondern auch etwa die Zuwendung und Freundschaft, das sind alles knappe Ressourcen. Und um diese gibt es Konflikte. Wir sollten jungen Menschen beibringen, dass wütend zu sein nicht per se schlecht ist. Und ihnen zeigen und vorleben, wie man Streits löst, ohne einander die Zähne einzuschlagen.

Die Furche: Aber wie ist das denn in der Realpolitik. Erleben wir nicht gerade eine Zeit, in der verbale Aggression zum guten Ton in der Politik geworden ist, siehe Trump und Le Pen?

Bauer: Das ist ein wichtiges Thema. Alleine die Verbalisierung von Ärger ist noch nicht die Garantie, dass es zu einer Deeskalation kommt. Ich kann verbal auch eskalieren. Sprache kann beides. Aktuell haben wir Medien, in denen wir anonym unterwegs sein können und Dinge sagen können, ohne dass wir uns dafür rechtfertigen müssen. So wird das Internet zur Multiplikatorenmaschine für aggressive Sprache. Und wenn dann das auch noch überschwappt auf Politiker, die das durch ihre Reden legitimieren, dann ist das eskalierend und aggressionsvorbereitend. Wir sind ja eine Spezies, in der sich ein Individuum an den Emotionen des anderen ansteckt. Das ist das System der Spiegelneuronen, das heißt, wenn ein anderer mit seiner Körpersprache wahrgenommen wird, dann besteht eine hohe Tendenz, dass diese Wahrnehmung zu einer Aktivierung der gleichen Systeme führt, die gerade beim Anderen aktiv waren. So ist es auch mit Aggression.

Die Furche: Wenn wir so funktionieren, wie wir meinen, könnten wir uns denn dann auch selbst steuern? Und wie?

Bauer: Im Wesentlichen durch einen Erziehungsdialog. Wir haben ja nicht nur evolutionär alten Teile des Gehirns in uns, die die Triebe steuern, sondern auch die Möglichkeit, wie von oben auf uns zu schauen und abzuwägen. Das kann außer uns keine Spezies so gut. Diese Möglichkeiten verleihen uns Strukturen im Stirnhirn, die man beeinflussen kann. Es ist bei der Geburt ein unbeschriebenes Blatt, in dem sich die Kommunikation zwischen Eltern und Kind und Kind und Umwelt abzeichnen. Deshalb sind die ersten drei Jahre des Lebens für die Persönlichkeitsbildung so wichtig. Ein Kind, das wir nicht in den Erziehungsdialog hineinnehmen, an dessen Reifung versündigen wir uns. Soziale Erziehung ist ein Teil der Biologie des Menschen.

Die Furche: Wie reagieren denn diese zivilisatorischen Selbstkontroll-Strukturen im Stirnhirn, wenn ein Individuum in Zeitnot gerät? Etwa in einer Gesellschaft, die den Individuen permanent Zeit nimmt?

Bauer: Das trifft einen ganz wichtigen Punkt. Je mehr wir uns selber unter Zeitdruck setzen, oder gesetzt werden, desto weniger können wir diese abwägenden Denkprozesse in Gang setzen. Wir können nur dann abwägen, wenn wir Zeit dazu haben. Wenn wir aber in Zeitnot oder in Gefahr geraten, etwa drohende Arbeitslosigkeit, dann nimmt die Fähigkeit moralische Erwägungen zu machen, auch selbstfürsorgliche Erwägungen zu machen, drastisch ab. Das ist belegt.

Die Furche: Gäbe es Mittel für den Einzelnen, sich dieser Beschleunigungzu entziehen?

Bauer: Ich glaube, wir alle spüren, dass wir gehetzt werden. Und dass vermehrte Aggressivität uns nicht gut tut und dass schlechtes Klima am Arbeitsplatz eine Seuche ist, die uns kaputt macht. Wir sollten unserem Gefühl folgen und in unseren Alltag Momente des Innehaltens implantieren. Notfalls, indem wir uns zu einem Kurs anmelden, wo diese Ruhe Teil der Agenda ist. Das ist auch die Art, wie ich mir seit längerer Zeit helfe. Ich versuche das auch in meiner Arbeit zu einer Kultur zu machen, dass ich mir mit Mitarbeitern Zeit nehme und etwa nicht ans Telefon gehe, wenn ich mit jemandem im Gespräch bin. Das ist eine Kultur der Achtsamkeit.

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