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Kann man Resilienz „erlernen“?

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Nicht nur in der Pandemie müssen Menschen mit Krisen zu Rande kommen. Die Psychologin Leonie Ascone Michelis über (nicht)erlernbare Strategien dabei.

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Nicht nur in der Pandemie müssen Menschen mit Krisen zu Rande kommen. Die Psychologin Leonie Ascone Michelis über (nicht)erlernbare Strategien dabei.

Die klinische Psychologin Leonie Ascone Michelis forscht am Universitätsklinikum HamburgEppendorf, Arbeitsgruppe Neuronale Plastizität, über Möglichkeiten und Strategien seelischer Stärkung, um aus Krisensituationen herauszukommen.

DIE FURCHE: Die Pandemie lehrt uns jeden Tag: Menschen sind in der Krise und müssen damit zu Rande kommen, also Resilienz entwickeln. Kann man das erlernen?
Leonie Ascone Michelis:
Es gibt Studien und Evidenzen, dass man in einem bestimmten Rahmen Strategien erlernen kann, um resilienter zu werden. Und es gibt einen Anteil, der nicht erlernbar ist, der auch mit der Art und Weise zu tun hat, wie wir uns gesellschaftlich und politisch entwickeln. Ein weiterer Faktor verkompliziert das Ganze, denn es gibt Veranlagungen neurologischer und psychologischer Art, die Resilienz einschränken oder begünstigen. Man weiß etwa, dass Neurotizismus, also emotionale Labilität eher ungünstig ist für die Ausbildung von Resilienz. Menschen mit hohen Stimmungsschwankungen haben es schwerer, eine hohe Resilienz zu entwickeln. Ich sehe also eine komplexe Dynamik auf drei Ebenen: Das, was machbar ist, kann vor allem durch die interventionelle Psychologie erreicht werden. Das steht jedem prinzipiell offen. Aber wir müssen zweitens aufpassen, dass wir die Verantwortung für die Widerstandsfähigkeit nicht komplett auf das Individuum delegieren. Und drittens dürfen wir das individuell Machbare auf der Basis der Prägung, insbesondere bei neurologischen Faktoren, nicht aus den Augen verlieren. Zwischen diesen drei Polen bewegt sich Resilienzförderung.

DIE FURCHE: Wenn wir nun auf diese drei Bereiche näher schauen: Was ist im ersten Fall wichtig, um Resilienz zu „erlernen“?
Ascone Michelis:
Aus der Sichtweise der Psychologie ist vor allem der Faktor der Emotionsregulation wichtig, also der Art und Weise, wie Menschen mit Gefühlen und Gedanken umgehen. Wir generieren unsere Realität in unserem Gehirn. Die Art und Weise, wie wir unsere Aufmerksamkeit ausrichten, ist von den Prozessen, die im Kopf laufen, beeinflusst. Deshalb ist der Umgang mit den Gedanken wichtig. Die meisten Menschen nehmen das, was sie denken, für bare Münze. Es geht also erstens ums Schaffen einer Distanz zum Gedankenprozess. Das kann man erlernen – unter anderem mit Achtsamkeits- und Meditationstechniken, wobei ich da hinzufügen möchte, dass das nicht zu einem Lifestyle-Trend verkommen sollte. Das heißt, ich lerne mich in diesem Gedankenprozess als Beobachter wahrzunehmen. Das heißt, ich verstricke mich nicht mit meinem Gedankenprozess. Das schafft ein Stück Freiheit.

DIE FURCHE: Dazu ein Beispiel?
Ascone Michelis:
Ich habe kürzlich voreilig bei einem Projekt zugesagt und musste dann feststellen, dass das zu viel ist. Und ich war in einem gedanklichen Prozess drinnen: Nein, du kannst nicht absagen, weil dann werde ich abgelehnt und Ängste eines Reputationsverlustes kommen hoch. Aber wenn man so stark in diesem Gedankenprozess drinnen ist, kann man nicht mehr von der Realität – zu viel Arbeit übernommen und somit Unmöglichkeit einer verantwortlichen Aufgabenerfüllung – trennen. Wenn man da dann trennt zwischen der Normativität des Faktischen und dem Bewertungsprozess, dann schaffe ich mir Handlungsfreiheit. Und in der Lücke, die durch dieses Abstandnehmen entsteht, sehe ich auf einmal mehr Optionen. Das ist dann das kleine Stückchen Freiheit, das mir hilft, mich in solchen stressigen Momenten nicht impulsiv und reflexhaft zu verhalten. Gedanken und Realität sind zwei unterschiedliche Instanzen. Und das zu erkennen kann man immer wieder üben.

DIE FURCHE: Da geht es um gedankliche Prozesse. Die Gefühle …
Ascone Michelis:
… die Emotionsregulation ist der zweite Prozess, der beim Erlernen von Resilienz wichtig ist. Dabei beziehe ich mich gerne auf den Resilienzforscher Raffael Kalisch, der sagt, da geht es um Neubewertung, Planung, Refokussierung, dass ich also lerne, wenn ich traurig, ängstlich bin etc., meine Aufmerksamkeit auf konstruktive Prozesse zu richten. Wenn Sie beispielsweise eine schlimme Diagnose eines Angehörigen erfahren, dann ist es im ersten Augenblick völlig normal, verängstigt, depressiv, traurig zu reagieren. Unterdrücken negativer Gefühlszustände ist ungünstig. Wenn Sie aber auf Dauer in diesem Zustand bleiben, dann nützt das Ihnen und Ihren Angehörigen nichts. Da sagt Professor Kalisch: Das Entscheidende ist, zu lernen, sich selber wieder herauszuholen, indem man fragt: Was kann ich im Rahmen meiner Möglichkeiten konkret tun? Wie kann ich mich planerisch verhalten und eine neue Rolle für mich definieren? Wo kann ich mich konstruktiv einbringen und Verantwortung übernehmen? Und das kann man lernen.

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