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"Keine Angst vor der ANGST"

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Der Psychotherapeut Philip Streit über die vielen "Angstmonster" an den Schulen - und wie man mit ihnen Freundschaft schließen kann.

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Der Psychotherapeut Philip Streit über die vielen "Angstmonster" an den Schulen - und wie man mit ihnen Freundschaft schließen kann.

Am 5. September beginnt im Osten Österreichs wieder die Schule. Die meisten Taferlklassler wünschen diesen Zeitpunkt sehnlichst herbei, doch ältere Semester begegnen ihm oft mit gemischten Gefühlen - oder gar mit schierer Angst. Diese Emotion bestmöglich aus dem Lernort Schule zu verbannen, gilt vielen als großes Ziel. Philip Streit, Leiter des Grazer Instituts für Kind, Jugend und Familie sowie als Psychotherapeut Anhänger der Positiven Psychologie nach Martin Seligman, sieht Ängste in der Schule hingegen auch als Potenzial. Im FURCHE-Gespräch erklärt er, warum.

DIE FURCHE: Laut Studien reagiert mindestens jeder fünfte Schüler auf die Ansprüche von Schule und Eltern mit Überforderungsgefühlen; fünf bis acht Prozent schwänzen sogar regelmäßig die Schule. Haben die Schulängste aus Ihrer Sicht zugenommen?

Philip Streit: Mit Sicherheit, und zwar aus mehreren Gründen: Zum einen sinkt in unserer Gesellschaft generell die Solidarität - und der Druck auf den Einzelnen, durchzukommen und etwas zustande zu bringen, ist sehr groß. Zweitens wird es in den Familien immer wichtiger, alles für das eigene Kind zu tun, während dafür immer weniger Zeit bleibt. Und schließlich ist auch die Schule selbst als Institution unter Druck und wird ständig kritisiert. Es herrscht also Druck, Druck, Druck - und zugleich fehlt vielfach eine Kultur der Begegnung. Wenn man das alles zusammennimmt, wird klar, dass Schulangst ein zentrales Thema ist.

DIE FURCHE: Es wäre naheliegend, diese Ängste zum Verschwinden bringen zu wollen. Sie hingegen sagen, dass das Phänomen Angst zur Schule gehört - ja dass Schule die Angst sogar brauche. Klingt paradox

Streit: Ja, aber Angst als Phänomen ist eben grundsätzlich sinnvoll, weil sie es uns in uneindeutigen Gefahrensituationen durch einen Erregungsanstieg grundsätzlich ermöglicht, handlungsfähig zu sein. Ohne Angst wären wir als Menschen nicht dort, wo wir heute sind. Doch man muss die Energie der Angst richtig nutzen - und es kommt auf die richtige Dosis der Herausforderung an: Man kann in eine unkontrollierte Stressreaktion geraten, die eine Abwärtsspirale auslöst und etwa dazu führt, dass man vermeidendes Verhalten an den Tag legt und immer mehr Versagensangst spürt. Oder es gelingt, eine Aufwärtsspirale in Gang zu setzen, die Herausforderungen zu nutzen und die Ängste in Stärken zu verwandeln.

DIE FURCHE: Sie beschreiben in Ihrem neuen Buch, wie Eltern solche Aufwärtsspiralen in Gang setzen können. Die Grundvoraussetzung sei, für das Kind "Hafen" und "Anker" zu sein, damit es emotionale Stabilität entwickeln könne, sowie einen klaren Rahmen mit Regeln vorzugeben und selbst gelassen bzw. "deeskaliert" zu bleiben. Klingt schwierig

Streit: Natürlich darf es auch einmal sein, dass jemand die Nerven verliert. Aber im Kern ist eine solche Haltung der Deeskalation erlernbar. Es geht darum, die Signale der Angst zu erkennen und einen Schritt zurückzugehen, um einen klaren Kopf zu behalten. Durch Achtsamkeit und Aufeinanderzugehen wird der Angstimpuls dann zum Auslöser einer konstruktiven Reaktion.

DIE FURCHE: Machen wir es konkret anhand einiger "Angstmonster", die Sie in Ihrem Buch beschreiben. Da wäre etwa die Trennungsangst, eine Urangst, die gerade Erstklässler -auch im Gymnasium -belasten kann. Wie sollen Eltern damit umgehen?

Streit: Sie sollen vor allem zwei Dinge nicht tun: Erstens bagatellisieren, indem sie sagen: "Du brauchst keine Angst zu haben!" Und zweitens, wie die so genannten "Helikoptereltern" alles tun, damit diese Angst gar nicht erst entsteht. Wichtig wäre hingegen, dem Kind zu sagen: Ich verstehe, dass du aufgeregt bist, aber ich weiß, du wirst es schaffen. Ich kann dich gerne begleiten, aber ich kann dir nichts abnehmen. Das schafft einen zusätzlichen Anreiz, die Energie der Angst beim Betreten einer neuen Welt als Autonomie und Stärke zu erleben.

DIE FURCHE: Ein weiteres klassisches "Angstmonster" in der Schule ist die Versagensangst. Wodurch wird sie verstärkt?

Streit: Das Problem entsteht dann, wenn die Grenze zwischen positiver Herausforderung und Überforderung überschritten wird. Das kann sich schon in einem Kindergarten zuspitzen, wo Kinder neben Englisch und einer weiteren Fremdsprache auch noch Ballett und zwei Instrumente lernen sollen. Ein Problem ist auch, dass Eltern oft unbewusst an den Kindern das zu verwirklichen versuchen, was sie selbst nicht erreichen konnten und in ihnen ein Gefühl der Unzufriedenheit hinterlassen hat. Als Folge entsteht bei den Kindern eine mächtige Angst, es nicht zu schaffen. Das heißt nicht, dass man Kinder nicht mehr fordern darf, aber es bedeutet, dass man achtsam mit ihnen umgehen soll und sie bei Herausforderungen begleitet, ihnen diese aber auch nicht abnimmt.

DIE FURCHE: Eine Form der Angst, die auf den ersten Blick überrascht, ist die "Erfolgsangst". Was ist darunter zu verstehen?

Streit: Es ist eine Tatsache, dass Erfolg oft zu Veränderung und deshalb auch zu Unsicherheit führt. Vor allem aber macht Erfolg sichtund angreifbar, man kann sich nicht mehr in der Masse verstecken. Zu viel Erfolg und Vornestehen macht oft riesige Angst, nicht mehr dazuzugehören. Erfolg und Leistung führen ja wirklich oft zu Neid und Konkurrenz.

DIE FURCHE: Sollte man als Elternteil einfach sagen: Tu Dir nicht so viel an, passt schon?

Streit: Nein, das genau nicht. Solche Kinder brauchen aber Strukturen im elterlichen Zuhause oder auch in der Schule, die es ermöglichen, Erfolge angemessen zu feiern - also sie nicht zu einsamen Superstars zu machen, sondern zu unterstreichen, dass außergewöhnlicher Erfolg sie nicht nur selber stimulieren soll, sondern auch ein Beitrag für die Gemeinschaft ist.

DIE FURCHE: Kommen wir zu einer Urangst, die Sie schon angesprochen haben: nämlich jener, ein Außenseiter zu sein. Tatsächlich kommt es gerade im Pubertätsalter oft zu Mobbing. Was kann man dagegen tun?

Streit: Das erste und wichtigste ist, eine Haltung der stetigen, wachsamen Sorge zu entwickeln und sofort Widerstand zu leisten, wenn jemand ständig abgewertet wird. Wenn man Mobbing feststellt, sollte man es sofort öffentlich machen - aber ohne Namen zu nennen. Man kann etwa einen Brief an alle Eltern schreiben, indem man erklärt, was vorgefallen ist - und alle um konstruktive Mithilfe bittet, um das abzustellen. Das hat oft unglaubliche, positive Effekte.

DIE FURCHE: Wie eingangs erwähnt, kommt es aber auch vor, dass sich Schülerinnen und Schüler in Folge von Ängsten sogar weigern, weiter in die Schule zu gehen. Wie sollten Eltern darauf reagieren?

Streit: Auch hier kann ein Brief helfen. Die Eltern sollten darin formulieren, dass sie ihr Kind vorbehaltlos lieben und durchaus seine Angst verstehen, aber auch beschlossen haben, dieser Angst nicht nachzugeben und sich für einen konstruktiven Umgang damit Unterstützung zu holen. Für ein solches Schreiben können sie auch Hilfe bekommen, etwa an unserem Institut. Wir können unsere Kinder zwar nicht zwingen, in die Schule zu gehen - wir können sie zu gar nichts zwingen. Aber sie können uns auch nicht dazu zwingen, keine Maßnahmen zu setzen.

DIE FURCHE: Gehe ich richtig in der Annahme, dass Sie der neuen Ausbildungspflicht bis 18 positiv gegenüberstehen?

Streit: Im Prinzip ja. Ich halte es für eine Pflicht unserer gesamten Gesellschaft, Verantwortung zu übernehmen und den Eltern eines klar zu vermitteln: dass es zu einer gelingenden Erziehung dazugehört, in wachsamer Sorge darauf zu achten, dass ihr Kind etwas aus sich machen kann.

Ich will nicht in die Schule

Ängste verstehen und in Motivation verwandeln

Von Philip Streit

Beltz 2016

159 Seiten, kartoniert, € 15,40

Das Gespräch führte Doris Helmberger

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