Wenn Kinder gedanklich wegtreten

Unaufmerksame Kinder, überforderte Eltern und Lehrer: Erziehung ist zum Problem geworden. Ines Maria Breinbauer, Vizedekanin der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft an der Universität Wien, fordert mehr Konsequenz und eine stärkere Kooperation zwischen Elternhaus und Schule.

Die Furche: Viele Eltern sehen in der Schule eine Art Ersatz-Erzieher. Wer ist heutzutage für die Erziehung der Kinder zuständig?

Ines Maria Breinbauer: Sowohl Schule als auch Eltern haben ihre Verantwortlichkeiten. Da gibt es kein gegenseitiges Sich-den-Ball-Zuspielen. Die Eltern müssen darauf achten, dass das Kind alle in der Schule gestellten Erwartungen einlöst, dass es pünktlich erscheint, die Aufgaben macht, höflich und ehrlich ist. Daher ordnet man normalerweise den Eltern die Erziehungsverantwortung, der Schule die Unterrichtsverantwortung zu. Allerdings kommt kein Unterricht ohne Erziehung aus, da viele Themengebiete einfach nicht wertgleichgültig vermittelt werden können. Hier haben die Lehrer einen Erziehungsauftrag. Ich habe den Eindruck, dass Eltern und Lehrer sich in einer Grundhaltung ähnlich sind: Sie treten Zumutungen, die unbequem sind und sie überfordern könnten, gerne ab und spielen sie dem anderen zu.

Die Furche: Lehrer klagen häufig über steigende Unaufmerksamkeit der Schüler. Nimmt dieses Phänomen tatsächlich zu?

Breinbauer: Ich bin vorsichtig gegenüber der Zuschreibung, dass ein Kind unaufmerksam ist. Man muss das im Kontext sehen. Viele Lehrer bauen eine Aufmerksamkeitsstimmung in der Klasse auf, zerstören sie aber aus irgendeiner Gedankenlosigkeit heraus wieder. Man darf also nicht alles auf die Kinder schieben. Auch viele moderne Unterrichtsformen sind nicht geeignet, Aufmerksamkeit zu erhalten. Man polemisiert heute gegen den Frontalunterricht, den man nahezu völlig durch jenen in der Gruppe ersetzen will. Es stimmt schon, dass Gruppenarbeit auch soziale Aspekte abdeckt, aber eine Frage stellt sich dann doch: Wer soll in der Gruppe aufpassen, ob das Kind wirklich konzentriert ist? Der Frontalunterricht hat den Zwang, sich soweit zu disziplinieren, dass man gedanklich nicht wegtritt - und das ist positiv.

Die Furche: Und wenn die Kinder trotzdem gedanklich wegtreten?

Breinbauer: Aufmerksamkeitsstörungen fallen nicht vom Himmel, sie haben ihre Ursachen. Dazu gehören die ständigen Störungen, denen Kinder unterworfen sind: Fernsehen, Spiele, Sport. Da sollten Eltern und Kinder einvernehmlich und gemeinsam eine Zeitstruktur erarbeiten und so den Nachmittag planen. Dann wird sich auch alles ausgehen, was man sich vorgenommen hat. Die Kinder müssen begleitet werden, um zu lernen, wie man sich selbst ordnet. Dann ist auch Platz für Freizeit.

Die Furche: Es braucht also nach wie vor Autorität?

Breinbauer: Autorität ist so ein gewichtiges Wort. Wenn sie darin besteht, dass man weiß, was man von einem Kind verlangt und das auch konsequent verfolgt - also nicht einfach den starken Mann oder die starke Frau herauskehrt - ist Autorität weiterhin am Platz. Es ist aber relativ schwer, das auch zu leben. Der erste Schritt, nämlich etwas zu verlangen, wird gerne getan. Der zweite Schritt, nämlich geduldig am Ball zu bleiben, damit das Verlangte auch erbracht wird, ist schon heikler. In schwierigen Situationen werden Eltern und Lehrer oft inkonsequent. Wer aber dranbleibt, ist ein gutes Vorbild. Ein Kind lernt ja gerade an solchen scheinbar kleinen Erfahrungen, wie es später mit Herausforderungen umgeht.

Die Furche: Ist Erziehung in der pluralistischen Gesellschaft schwieriger geworden?

Breinbauer: Das kann schon sein, vor allem, weil die Konventionen fehlen und sich Eltern und Lehrer nicht mehr einig sind, was richtige Erziehung bedeutet - da flattern die Vorstellungen ziemlich weit auseinander. Im jüngeren Lehrkörper ist es nicht selbstverständlich, dass man Schüler ermahnt, wenn sie beim Zielschießen in den Papierkorb danebenwerfen. Ein Blick oder ein Grinsen würde doch genügen, und der Schüler kapiert es. Jüngere Lehrer sagen, da greife ich nicht ein, ich fühle mich nicht verantwortlich. Genau diese Konventionen brechen in allen Bereichen weg - und das hat sicher mit der Pluralität unserer Gesellschaft zu tun, mit der Vielfalt der Auffassungen, die praktiziert werden können. Hier sollten Lehrer und Eltern eine gemeinsame Konventionsbasis erarbeiten und mehr kooperieren.

Die Furche: Was halten Sie von Elternbildungskursen oder einer Art "Elternführerschein"?

Breinbauer: Gerade bei jungen Eltern kommt es häufig zu einer erheblichen Entfernung von dem, was man Erziehungskultur nennt. Vielen ist es fremd geworden, zu ihren Kindern eine innige, warme Beziehung aufzubauen, andere wiederum kommen mit der Kanalisierung ihrer Affekte und Aggressionen nicht klar. Manchmal sind Erziehungsfehler so grob, dass eine Mindestschulung für mich schon Sinn macht. Wir können nicht darauf warten, bis Kinder so auffallend werden, dass sich die Kinderpsychiater oder die Fürsorge einschalten müssen. Junge Eltern sind für Schwangerschaftskurse und Babyturnen sehr aufgeschlossen, warum also nicht für einen Erziehungsführerschein. Wenn man es gut verkauft, kann das funktionieren.

Das Gespräch führte Astrid Schweighofer.

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