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Unfähig, mit Krisen umzugehen

1945 1960 1980 2000 2020

900.000 Kinder sind gesundheitlich beeinträchtigt, viele davon psychisch. Ein Kinderpsychiater analysiert Ausmaß und Ursachen dieser Erscheinung.

1945 1960 1980 2000 2020

900.000 Kinder sind gesundheitlich beeinträchtigt, viele davon psychisch. Ein Kinderpsychiater analysiert Ausmaß und Ursachen dieser Erscheinung.

DIEFURCHE: Man hört, heute gäbe es eine nie dagewesene Zahl psychisch gestörter Kinder. Haben sich die Zahlen in der letzten Dekade stark erhöht' Max Friedrich: Nein, es sind nicht mehr Kinder. Rund 18 Prozent sind betroffen. Zum überwiegenden Teil -15 Prozent - handelt es sich um leichte psychische Störungen. Es gibt den Begriff „von stärkeren psychischen Erkrankungen bedroht”. Dann gibt es einen harten Kern von drei Prozent, Kinder, die Nerven-, Geistes- und Gemütserkrankungen haben.

DIEFURCHE: Um welche Erscheinungen handelt es sich vor allem? friedrich: Die häufigsten Warnzeichen sind Bauchschmerzen, oft begleitet von Kopfweh, Fieber, Blässe. Jedes Symptom kann auf Schwierigkeiten in der Schule, aber auch in der Familie deuten. Ein Kopfschmerz kann bedeuten, daß das Kind sich Kopfzerbrechen macht. Und Kopfzerbrechen tut weh. Oder das Kind, das morgendlich ewig Übelkeit verspürt und erbricht, mag in Wirklichkeit eigentlich sein Leben zum Speiben finden. Wir erleben mehr Tickerkrankungen bei den Kindern, unwillkürliche Muskelzuckungen, die sehr wohl Ausdruck der Seele sind. Wir erleben mehr Zwänge, Denk- und Hand-lungszwänge: Handlungen, Gedanken müssen ununterbrochen wiederholt werden, weil man sich seiner nicht sicher ist. Wir erleben mehr und mehr Ängste. Sie enflpringen zum Teil, ähnlich wie die Aggressionen, dem Streß. Und wir erleben mehr und mehr Depressionen, zum Teil maskierte. In der Wohlstandsgesellschaft gibt es keinen Platz für Krankheit...

DIEFtlRCHE: Hat sich die Situation Ihrer Meinung nach verschlechtert' friedrich: Die Symptome sind gleichgeblieben, aber in der Behandlung müssen wir intensiver arbeiten, weil wir schwerer an die Patienten herankommen. Wir brauchen heute nicht mehr nur den Gesprächs- oder den Spielpsychotherapeuten, sondern sehr oft einen Ergotherapeuten, einen Logopäden, eine Psychotherapeutin, die mir hilft, das Kind zu entspannen. Ein Beispiel: Eine zwölfjährige Anorexia-nervosa-Patientin magert auf unter 30 Kilo ab, hat ein völlig gestörtes Kör-perwahrnehmungs- und Selbstbild. Waren wir noch vor zehn Jahren imstande, so ein Mädchen ambulant zu betreuen und durch die Pubertät zu begleiten, sind wir heute gezwungen, auch Maßnahmen der Ernährung zu ergreifen, die wir nicht nach Hause delegieren können, müssen künstlich oder mit Sonde ernähren, einen genauen Ernährungsaufbau beginnen.

DIEFURCHE: Wie hilft man belasteten Kindern?

Friedrich: Da geht's um eine sehr genaue die Diagnostik. Man muß schauen: Wo kann der Schularzt präventiv einfach nur die Fitem darauf auf: merksam machen, etwas zu ändern? Wo kann der Schulpsychologe helfen? Wo helfen Gruppenmaßnahmen (Pfadfinder, Bote Falken), wo Elternschulung und -beratung bis hin zur Selbsthilfegruppe für Eltern? So setzen wir immer mehr Eltern von magersüchtigen Mädchen zusammen. Als Ärzte geben wir nur den Anstoß, stehen aber zur Verfügung, wenn Not am Mann ist. Ich mache das häufig auch mit Eltern von geisteskranken Kindern und Jugendlichen.

DIEFüRCHE: Worauf führen Sie die besondere Not der Kinder heute zurück? friedrich: Es fehlt der Dialog, primär in der Familie. Das beginnt beim Frühstück und beim morgendlichen Sich-Verabschieden und endet beim Gute-Nacht-Busserl. Wenn aus Statistiken hervorgeht, daß Eltern in 24 Stunden jedem Kind nur drei bis fünf Minuten persönliche Zuwendung geben, dann stimmt etwas nicht... Ich bin ein Workaholic, habe aber mein Leben umgestellt: Wochenendseminare gibt es nicht mehr. Ich beginne auch zu schauen, daß wir von Freitag am Abend bis Sonntag am Abend zusammen sind. Ich meine: Jedes Kind hat ein Anrecht, nicht nur im Kollektiv der Familie zu leben, sondern mit Mutter und Vater unter vier Augen zu sprechen. Ich gehe mit jedem meiner Kinder einmal im Monat alleine essen.

DlEFliRCHE: Sind die schlechten Beziehungen zu Hause also schuld? friedrich: Ein Tamagotchi zeigt's uns ja auch. Nicht nur, daß ich tote Materie belebe - das tut man im ma-gisch-animistischen Alter als Kind auch, sondern daß ich auch Trauer simuliere und Trauerarbeit. Ich glaube, daß solche Tamagotchis letztlich ein Ausdruck unserer beziehungsarmen Welt sind und daß wir sogar das Trauern als ein wesentliches Element des Menschseins zuzudecken versuchen.

DIEFURCHE: Sie haben gesagt, es gebe heute keinen Platz für Krankheit, können Sie das etwas ausführen' friedrich: Krankheit stört unser Alltagsleben. So wie wir nicht wissen, wo wir die Alten hinschieben sollen - am besten ins Haus der Barmherzigkeit mit genauer Besuchszeit einmal in der Woche am Samstag zwischen fünf und f sechs, länger soll's nicht sein, weil sonst sieht man die Nachrichten nicht —, so gehen wir auch mit den Kindern um.

Krankheit paßt nicht in die pseudoheile Wohlstandswelt, und so beginnt man, sie zu unterdrücken. Ich erlebe immer mehr Kinder an der Klinik -wenn wir sie durchuntersuchen - mit einem katastrophal schlechten Gebiß. Auf die Frage: „Warum geht ihr nicht zum Zahnarzt?”, hört man: „Ich trau mich nicht, das der Mama zu sagen, dafür hat sie keine Zeit, denn da ist ein ganzer Nachmittag weg.” Das Unterdrücken von Symptomen führt zur Steigerung des'Krankheitsgeschehens.

DIEFURCHE: Sie sagten, Ängste und Depressionen nehmen zu Ängste Wovor? friedrich: Mir fällt ein ganz neues Phänomen auf. Wir unterscheiden zwischen lebensaltertypischen, normativen und pathologischen Ängsten. Normative sind: 8. Lebensmonat -Fremdeln, 18. Lebensmonat - Trennungsangst, zweites Lebensjahr -Dunkelangst, drittes Lebensjahr -Tier- und • Gespensterangst, viertes Lebensjahr - soziale Einpassungsangst, sechstes Lebensjahr - erstmalige Leistungsangst, Pubertäts-, Rei-fungs-, Existenz-, Todesangst - um das 30. Lebensjahr. Diese Ängste hat jeder in einer bestimmten Lebenszeit. Sie sind zu bewältigen. Wir erleben aber immer mehr Kinder, die diese Ängste nicht bewältigen, weil der entsprechende Dialog fehlt. Sie schleppen die Ängste in ein Lebensalter, wo sie längst bewältigt sein sollten, Weiter. Wenn sich dann eine Angst auf die andere draufsetzt, werden sie stärker, immer schwieriger zu bewältigen.

DIEFURCHE: Ein Kumulationseffekt' friedrich: Das sind die Ängste und die Depressionen, zum Teil in Panik. Wir erleben mehr und mehr Kinder, die kaum Trauerbewältigungsstrategien beherrschen und nicht mit Krisensituationen umgehen können Jeder von uns hat seine Strategie: Der eine beißt in den Kopfpolster und heult, der andere sucht Freunde auf, der nächste trauert allein. Zunehmend mehr Kinder haben keine Strategie gelernt.

DIEFtlRCHE: Ist das Gespräch in der Familie also der entscheidende Hebel zu Vzrbesserung der Situation? friedrich: Ich glaube, es ist etwas mehr, als den Dialog zu fördern. Wir brauchen gesellschaftlich einen höheren Zusammenhalt. Dieser ist gegeben, wenn wir wieder etwas mehr Bescheidung lernen, auszuhalten, wenn dieses oder jenes nicht gelingt. Ich möchte haben, daß meine Kinder Bei-fe erlernen. Ich habe mich einmal bemüht, Beife nach fünf Punkten zu definieren: Als Endziel Selbst- und Fremdverantwortung, Glücks-, Liebes- und Toleranzfähigkeit. Soll heißen: Ich muß irgendwann für mich Verantwortung übernehmen können und für den anderen - sei er vorgesetzt oder untergeben; Glücksfähigkeit auch im Kleinen: daß ich mich freue, wenn die Sonne scheint; Liebesfähigkeit: im partnerschaftlichen Du Glück zu finden. Und an der Toleranzfähigkeit werde ich bis zu meiner letzten Stunde arbeiten...

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