Vermisst - © Foto: iStock/Halfpoint (Bildbearbeitung: Rainer Messerklinger)
Gesellschaft

Abgängigkeit: "Suchen wird zum Sinn des Lebens"

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Warum laufen Kinder und Jugendliche weg? Was durchleben die Angehörigen? Und was brauchen sie? Der Psychologe Christian Szabady von der „Hotline für vermisste Kinder“ im Gespräch.

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Warum laufen Kinder und Jugendliche weg? Was durchleben die Angehörigen? Und was brauchen sie? Der Psychologe Christian Szabady von der „Hotline für vermisste Kinder“ im Gespräch.

Rund 8500 Mal pro Jahr werden in Österreich Minderjährige bei der Polizei als abgängig angezeigt – einzelne Jugendliche aus Betreuungseinrichtungen bis zu 100 Mal. Der Psychologe Christian Szabady ist durch seine Tätigkeit bei der „Hotline für vermisste Kinder“ (Rufnummer 116 000) – ein Angebot des Beratungsservices „Rat auf Draht“ – mit solchen ­Fällen konfrontiert. Im FURCHE-Interview spricht er über die Hintergründe dieses Phänomens.

DIE FURCHE: Herr Szabady, ganz grund­sätzlich gefragt: Warum laufen Kinder und Jugendliche überhaupt von zu Hause weg?
Christian Szabady: Wenn Kinder weglaufen, stellt sich zuerst immer die Frage: Laufen sie von etwas weg, oder laufen sie eher zu etwas hin? Einer der häufigsten Gründe für das Weglaufen sind familiäre Konflikte: wenn Eltern zum Beispiel Regeln aufstellen oder etwas verbieten. Manchmal laufen sie auch vor emotionaler, körperlicher und in einigen Fällen auch vor sexueller Gewalt, also vor Missbrauch, weg. Oft geben die Kinder auch an, dass es zu Streitsituationen gekommen ist. Aber es gibt auch Fälle, in denen Jugendliche zu etwas hinlaufen: Das könnte eine Beziehung sein – zur Freundin, zum Freund, den sie sehen wollen, und wo vielleicht Eltern die Beziehung einschränken wollen. Oder sie laufen zu einer Gruppe von gleichaltrigen Freunden. Es kann auch vorkommen, dass sie zu einer Gruppe hinlaufen, bei der Rausch-substanzen konsumiert werden.

DIE FURCHE: Wie erklären Sie sich das Phänomen der „Mehrfachabgängigkeiten“, bei denen Jugendliche aus Betreuungseinrichtungen 50 bis 100 Mal pro Jahr abgängig gemeldet werden?
Szabady: Es handelt sich hier oft um Jugendliche, die in ihrer Lebensgeschichte sogenannte Bindungstraumatisierungen erlebt haben. Das passiert, wenn enge Bezugspersonen, meistens die Eltern, vom Baby­alter an nicht feinfühlig auf Bedürfnisse des Kindes reagiert haben. Oder wenn Kinder nahe Bezugspersonen als ängstigend oder als Gefahr erlebt haben. Oder wenn sie ­Gewalt unter den Eltern beob­achtet haben. Eine Folge ist, dass Jugendliche im späteren Leben auch von heftigen Emotionen überwältigt werden. Wenn zum Beispiel in einer Betreuungseinrichtung relativ kleine Anlässe zu starken emotio­nalen Reaktionen bei den Jugendlichen führen und sie das Gefühl haben, dass sie das nicht aushalten – dann müssen sie raus.

DIE FURCHE: Wie ist im Gegensatz dazu das „Weglaufen“ bei Erwachsenen zu erklären?
Szabady: Einer der häufigsten Gründe, ­warum Erwachsene abgängig sind, sind Demenzerkrankungen. Ältere Personen finden nicht mehr nach Hause, weil sie die Orientierung verlieren. In jenen Fällen, in denen Erwachsene freiwillig untertauchen und einfach verschwinden, kommt oft viel zusammen: eine Beziehung, die in die Brüche gegangen ist; oder auch finanzielle Schwierigkeiten. Manchmal gibt es auch die Hoffnung, irgendwo anders ein neues Leben zu beginnen, wo man vielleicht durch alte Beziehungen nicht eingeschränkt ist. Es kann auch eine suizidale Absicht dahinterstecken. Manchmal spielen auch Scham- und Schuldgefühle gegenüber Angehörigen mit: dass man zum Beispiel bestimmte Ziele nicht erreicht oder jemanden enttäuscht hat.