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Kinder zwischen den Fronten

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Wenn die Liebe verblaßt, endet die Ehe oft vor dem Scheidungsrichter. Leidtragende sind auch und vor allem die Kinder.

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Wenn die Liebe verblaßt, endet die Ehe oft vor dem Scheidungsrichter. Leidtragende sind auch und vor allem die Kinder.

Die meisten Ehen beginnen mit dem schönsten aller Gefühle -der Liebe. Aber mit der Zeit werden die Schmetterlinge im Bauch müde, die anfängliche Zuneigung erlischt, und ein erbitterter „Rosenkrieg” endet vor dem Scheidungsrichter.

Erhöhte Scheidungsziffern deuten auf veränderte Einstellungen hin: Galt die Scheidung bisher als Versagen, so sehen manche Soziologen nun darin einen Entwicklungsprozeß beider Partner, der neue Möglichkeiten der Lebensgestaltung eröffnet. Da von der Scheidung aber oft auch Kinder betroffen sind, müssen nicht nur die Entwicklungschancen der Erwachsenen, sondern ebenso die der Kinder berücksichtigt werden. Meistens können sie die Ursachen der Beziehungsunzufriedenheit ihrer Eltern nicht nachvollziehen und auch die Konsequenzen nicht abschätzen. Gewöhnlich entwicklen Sprößlinge und Eltern in der Scheidungsphase entgegengesetzte Bedürfnisse: während die Erwachsenen dazu neigen, die Beziehung abzubrechen, wollen die Kinder sie erhalten und den verlorenen Elternteil noch sehen. „Mama und Papa wohnen nicht mehr zusammen”, murmelt das verunsicherte Mädchen unter Tränen im Kindergarten. „Wann kommt die Mami wieder?”, fragen erwartungsvolle Kinderaugen den sorgengeplagten Papi. Szenen des Alltags. In Osterreich sind jährlich rund 17.000 Kinder und Jugendliche von einer Scheidung der Eltern betroffen. Aktuelle Forschungsergebnisse geben Anlaß zur Sorge: Wenn Kinder nicht unterstützt werden, ist die Gefahr groß, daß ein beträchtlicher Teil von ihnen mit Verhaltensproblemen antwortet.

Beziehungschaos

Kommt es zur Trennung der Ehepartner, beginnt für die Kinder eine schwierige Phase der Neuordnung ihrer sozialen Beziehungen. In der Regel werden sie der Mutter zugesprochen. Das erzieherische Engagement der Väter verringert sich, und oft erlischt die Beziehung zum getrennt lebenden Partner völlig - aus den unterschiedlichsten Gründen. Als Konsequenz dieser Konstellation sieht der Schweizer Familienwissenschaftler Meinrad Perrez' einen Identitätskonflikt: „Der desertierte oder vorenthaltene Vater erschwert besonders den Buben die Identitätsfindung, da ein väterliches Vorbild für den Aufbau ihres Selbstbildes und für ihre Rollen-findung von zentraler Redeutung ist. Aber auch bei Mädchen wird die Entwicklung ihres Bildes vom Mann, Vater und Partner wesentlich durch die Erfahrung mit ihrem Vater geprägt.”

Weiters ergeben sich oft Schwierigkeiten durch einen Umzug in neue Wohngegenden und den Verlust des vertrauten Beziehungsumfeldes. Einer deutschen Studie über Leistungsverhalten von Scheidungskindern zufolge, erhielten diese von ihren Lehrerinnen eine deutlich schlechtere Beurteilung. Scheidungskinder fehlen häufiger krankheitsbedingt und haben auch deutlich mehr Unfälle als Kinder aus intakten Familien. Meist neigen Buben zu sozial auffälligem Verhalten wie Lernschwierigkeiten, Verhaltensstörungen. Mädchen hingegen reagieren eher introvertiert, ängstlich und depressiv.

Eine Scheidung gehört zu den traumatischsten Erfahrungen eines Kindes. Das Auflösen der gewohnten Familienform bringt eine ganze Beihe von Veränderungen mit sich. Das Trennungserlebnis selber löst zunächst kurzfristig Trauer, Niedergeschlagenheit und Verunsicherung aus. Die Kinder fühlen sich hilflos, und es fällt ihnen oft schwer, ihre Gefühle auszudrücken. Familienexperte Meinrad Perrez: „Kinder trauern genauso wie Erwachsene. Sie tun dies entweder im Verborgenen oder verhalten sich unbewußt auffällig, um auf sich aufmerksam zu machen. ... Kritisch wird es ..., wenn dieses Verhalten anhält.” Da Alleinerziehende eine Doppelfunktion erfüllen, also Haushaltsführung, Kindererziehung und finanziellen Erhalt der Familie meistern müssen, kommt es oft zu Unsicherheit und einem inkonsequenten Erziehungsstil.

Beratung für einen neuen Anfang

Meist verhalten sich alleinverantwortliche Elternteile zum einen autoritär, zum anderen aber - aufgrund von Schuldgefühlen - übertrieben nachsichtig. Beratungsmodelle sollen Kindern und Eltern helfen, schwierige Situationen besser zu meistern. So beispielsweise das Modell Trennung-Scheidung-Neubeginn (TSN) der Familien- und Jugendberatungsstelle der Stadt Linz. Es setzt sich aus einer Kindergruppe und einer parallel laufenden Gruppe für sorgeberechtigte Elternteile zusammen. Die Ziele der Arbeit mit den Kindern sind:

■ Identitätsstützung und Selbstwertstärkung; das Erlebnis „nicht nur ich ...” wirkt normalisierend, soziale Scham und Isolation können in der Gleichaltrigengruppe überwunden werden;

■ Enttabuisierung: die Kinder lernen, über die Trennung der Eltern offen zu sprechen und merken, daß dies kein Makel ist;

■ Entwicklung neuer Bilder: „Wir sind eine Familie, auch wenn die Eltern getrennt sind.”

■ Verarbeitung dramatischer Ereignisse;

■ Kennenlernen von Bewältigungsformen und Handlungsmöglichkeiten: Umgang mit Abschiednehmen sowie Orientierung in unklaren Beziehungskonstellationen;

■ Wahrnehmung einzelner positiver

Aspekte der Scheidung: „Was ist jetzt leichter ...?”

Durch Trennung ergibt sich auch für den sorgeberechtigten Elternteil eine völlig neue Lebensperspektive. Er muß nicht nur mit dem Verlust des Partners zurechtkommen, sondern auch mit der neuen Familiensituation, die eine Neuorganisation verlangt. Dazu gehört beispielsweise, Kindern zusätzliche Aufmerksamkeit und eine starke verläßliche Autorität zu bieten, auch wenn man selbst geschwächt ist. Oft kommt es auch durch die neugewonnene Alleinverantwortung für das möglicherweise - als Beaktion auf die Scheidung - verhaltensauffällige Kind zu Krisensituationen. Ziel der Elterngruppe ist daher:

■ Aktivierung des Selbsthilfepotentials durch Austausch und Diskussion mit Erwachsenen in ähnlichen Lebenslagen;

■ Unterstützung bei der Gestaltung der neuen Lebenssituation: Organisation und Rollenverteilung der Familienmitglieder;

■ Information über die Weckung des Verständnisses für die kindliche Perspektive der Scheidung: Erarbeitung der Sicht des Kindes und der grundlegenden Redürfnisse der Kinder in dieser Phase.

Aus der Praxis berichten die Berater, daß die Erfahrung, über heikle Themen zu sprechen, für alle etwas Befreiendes hat. Obwohl es in der Gruppe nicht immer konfliktfrei zugeht, gehen die Kinder erstaunlich wertschätzend miteinander um. Hohe Bedeutsamkeit messen die Familienberater dem klaren und eindeutigen Umgang mit Kindern bei Befragungen vor Gericht und ähnlichen Situationen bei. Damit ist gemeint, daß man mit ihnen offen darüber spricht, welchen Stellenwert ihre Äußerungen haben und daß ihnen eine getroffene Entscheidung erklärt wird.

Hilfe für Kinder

Auch das aus Chicago stammende „Bainbows-Programm für Kinder in stürmischen Zeiten” wird in Österreich praktiziert. Das religiös orientierte Programm unterstützt Kinder und Jugendliche zwischen sechs und vierzehn Jahren nach einer Scheidung/ Trennung der Eltern oder dem Tod eines Elternteils. Bainbows bietet den Kindern einen Rahmen, in dem sie in Kleingruppen über ihre Gedanken und Gefühle sprechen und von Erfahrungen anderer lernen können. Einem ähnlichen Aufbau folgt das im Herbst in Vorarlberg startende Projekt „Gigagampfa” des Ehe- und Familienzentrums der Diözese Feldkirch. Grundlage bildet das Freiburger Modell eines Gruppentrainings mit Kindern aus Trennungs- und Scheidungsfamilien. Das Modell versteht sich nicht als reine Spieltherapiegruppe, sondern als Kindergruppe mit festgelegten Themen. Das bedeutet, daß sich das Thema Trennung als Grundthema durch alle 14 Sitzungen zieht und die Leiter jeweils ein spezifisches Thema pro Sitzung einbringen. Die Auseinandersetzung erfolgt sowohl verbal als auch im Umgang mit projektiven Materialien, im Spiel und in der Bewegung.

Weniger die Scheidung, als dauernde Streitigkeiten der Eltern während der Ehe, des Scheidungsprozesses und danach, schädigen die Entwicklung der Kinder. Am wenigsten Schaden erleben die Kinder, wenn sie nach der Scheidung weiterhin zu beiden Elternteilen gute, enge und unkomplizierte Beziehungen pflegen können. „Kinder, die zu Vater und Mutter unterschiedlich gute Beziehungen haben, leiden unter einem starken Loyalitätskonflikt. Die Eltern-Kind-Beziehung ist in den Fällen wesentlich besser, in denen Mutter und Vater in Kontakt sind”, so Elisabeth Sander vom Institut für Psychologie in Koblenz. Sie plädiert für eine Sensibilisierung des Verantwortungsgefühls. „Unter vorbeugenden Maßnahmen verstehe ich solche, die im Rahmen der Sexualerziehung auf verantwortungsvolle Partner- und Elternschaft vorbereiten - aber nicht nur auf Geburtenkontrolle. Schließlich müßten junge Leute in ganz besonderer Weise auf die Verantwortung beider Eltern für ihre Kinder im Falle des Scheiterns einer Ehe vorbereitet werden.”

Auf das Wichtigste darf man nie vergessen: Das Kind muß spüren, daß es weiterhin geliebt wird - mehr denn je zuvor. Die schlimmste Tragödie, die Scheidungskindern passieren kann, ist das Gefühl, beide Eltern verloren zu haben.

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