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Warum leiden die Kinder so stark unter einer Scheidung?

Kinder leiden immer bei einer Scheidung. Sie verlieren einen von zwei Schutz- und Liebespersonen aus dem alltäglichen Zusammenleben. Eine klare, faire Trennung stellt jedoch gegenüber einer permanenten Streit- und Spannungssituation in der Familie eine bessere Lösung für alle dar.

Kinder verfügen über sensible Antennen für emotionale Beziehungen und Spannungen. Sie registrieren auch sorgfältig verborgene Ehekonflikte und Demütigungen. Besonders schwierig wird es, wenn die Kinder in die Auseinandersetzungen der Eltern einbezogen werden, zu Schiedsrichtern gemacht werden sollen oder selber entscheiden sollen, bei welchem Elternteil sie leben wollen.

Wenn beide Eltern versuchen, die Kinder auf ihre Seite zu ziehen und sie gegen den anderen Elternteil auszuspielen, stellen sie ihre Kinder damit vor unlösbare Loyalitätskonflikte. Kinder heben beide Elternteile, wenn auch oft in unterschiedlicher Intensität, und werden hin- und hergerissen. Selbst bei einer Trennung mit möglichst wenig Kränkungen und Abwertungen der Ehepartner erleben die Kinder die Trennung der Eltern als Krise. Warum?

Das Kind bezieht alle Ereignisse noch stark auf sich. Es hält sich für den Mittelpunkt der Welt, interpretiert alles in Zusammenhang mit dem eigenen Ich. Auch die Trennung der Eltern wird bewußt oder unbewußt als Folge des kindlichen Verhaltens verstanden: Der Vater/die Mutter verlassen es, weil er/sie es nicht mehr heb hat.

Das Ausziehen eines Elternteils aus der gemeinsamen Wohnung stellt auch einen realen Verlust tdar. Eine geliebte und vertraute 'Person verläßt die Lebensgemeinschaft, die dem Kind Schutz bietet — auch wenn das Kind eine konflikthafte Beziehung zu diesem Elternteil hat.

Das Seelenleben des Kindes ist noch wenig modelliert, die Affekte, Wünsche und Phantasien haben noch magische, archaische Kraft. Siegmund Freud hat darauf hingewiesen, daß enge Beziehungen nie durch eindeutige Gefühle gekennzeichnet sind, sondern durch gegensätzliche Gefühle (Ambivalenzen).

So sind neben der Liebe des Kindes zu seinem Vater/Mutter auch gegensätzliche Gefühle vorhanden. Erlebte Kränkungen können zu Rachephantasien, nicht verstandene Wünsche zu Verwünschungen oder Verzauberungsvorstellungen führen. Erwachsene können sich die Kraft der kindlichen Vorstellungswelt vergegenwärtigen, wenn sie an die Dramatik der Märchen denken, die Abbild der magischen Denkmuster des Kindes darstellen.

Das erklärt, warum das Weggehen eines Elternteils, zu dem das Kind stärkere Konflikte hat, für das Kind mit mehr Problemen und Schuldgefühlen verbunden ist. Das Kind erlebt dann die Trennung als unbewußte Wunscherfüllung seiner magischen Phantasien.

Je stärker das Kind in die elterlichen Auseinandersetzungen einbezogen wird, desto mehr wird es zerrissen. Günstig ist es daher, dem Kind zu sagen, daß der Vater/die Mutter immer sein Vater/ Mutter bleiben wird und es lieb hat, auch wenn die Eltern nicht mehr zusammenleben. Das Aufrechterhalten der kindlichen Beziehung zu beiden Eltern mildert den Trennungsschock. Es erfordert große Reife der Eltern, den Kindern eine relativ ungestörte Beziehung zum geschiedenen Elternteil und dessen Familie zu ermöglichen.

Viele Kinder können nicht direkt über ihre Probleme sprechen, sondern sie nur indirekt ausdrük-ken. Sie werden aggressiv, lernen in der Schule schlecht, ziehen sich in sich zurück oder fallen wieder auf Kleinkinderverhaltensweisen zurück: in die Hose machen, aus dem Flascherl trinken, gefüttert werden wollen

Es ist wichtig, zu wissen, daß es entlastend für die Kinder ist, den Vorwurf an die Eltern aussprechen zu können, daß man ihm den Vater/die Mutter weggenommen habe.

Für das Kind ist es eine wichtige Hilfestellung, zu hören, daß der Vater/Mutter ein interessanter Mensch ist, auch wenn man jetzt nicht mehr mit ihm leben möchte. Es ist wichtig, dem Kind zu erzählen, wie sich der Vater/Mutter über ihre Geburt gefreut habe, wie er/sie mit ihm gespielt habe, an welche Episoden man sich erinnert — soweit es eben der Realität entspricht.

Die Krise, die eine Trennung immer darstellt, birgt auch die Gefahr in sich, die Kinder als Vertraute zur Besprechung eigener Schwierigkeiten heranzuziehen. Damit werden Kinder überfordert.

Schließlich gilt es zu sagen, daß Trennungen für alle Betroffenen eine seelische Krise darstellen, auch wenn sie durch eine neue Partnerwahl überspielt werden. Eine Trennung mit wenig Verletzungen für beide erfordert ein hohes Maß an seelischer und sozialer Stabilität sowie Hilfestellungen der Umgebung. Sie bietet aber die Möglichkeit, zum getrennten Partner eine Gesprächsbasis zu erhalten und den Kindern eine Beziehung zu beiden Elternteilen zu ermöglichen. Eine Abwertung des Partners und der ganzen Ehe stellt auch eine Abwertung einer wichtigen Phase des eigenen Lebens dar.

Die Autorin ist Projektleiterin am Studienzentrum Wien.

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