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"Eine Mutter vergißt ihr Kind nie"

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Ein Kind zur Adoption freizugeben ist für die meisten Mütter mit viel Leid verbunden. Schuldgefühle und Ängste quälen sie oft ein Leben lang.

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Ein Kind zur Adoption freizugeben ist für die meisten Mütter mit viel Leid verbunden. Schuldgefühle und Ängste quälen sie oft ein Leben lang.

Irgend etwas zerbricht in dir, wenn du dein Kind hergegeben hast," sagt Erna O., Mutter von fünf Kindern. Sie muß es wissen, hat es selbst erlebt. Erna: "Es gibt keine leibliche Mutter, die ihr Kind zur Adoption freigibt und es anschließend vergißt."

Die Gründung einer Selbsthilfegruppe für Adoptivmütter, für Adoptivkinder und leibliche Mütter, die - aus welchen Gründen auch immer - ihr Kind einem anderen Elternpaar anvertraut haben, ist für Erna "ihre" Reaktion auf ein Leben voller Angst, Unsicherheit, Verzweiflung und sehr viel Hoffnungslosigkeit.

Die heute 61jährige lernt ihren Mann sehr jung kennen. Erna ist 17, heiratet und bekommt bald darauf zwei Söhne, Rudi und Christian. Die junge Familie übersiedelt von Österreich nach Deutschland, wo es für den Ehemann als Schauspieler bessere Zukunftsperspektiven zu geben scheint. Ernas Mann ist nicht nur Künstler, er ist auch aktives Mitglied einer freichristlichen Gemeinde der evangelischen Kirche. Erna und er beten viel zusammen, diskutieren nächtelang über Religiöses und Weltanschauliches.

Kontakt abgelehnt Die Diskussionen bekommen bald einen neuen und unerwarteten Inhalt, denn Erna hat sich in einen anderen Mann verliebt und muß feststellen, daß sie schwanger ist. Sie nimmt vorerst an, daß dieses Kind diesem kurzen Liebesverhältnis entstammt und teilt dies auch ihrem Mann mit. Er reagiert äußerst heftig, eine Fortführung der Ehe mit diesem "fremden" Kind ist für ihn undenkbar. Er verläßt sie und nimmt die beiden Söhne Rudi (4) und Christian (2) mit. Erna wird diese beiden Kinder erst 35 Jahre später wiedersehen.

Erst vor zwei Jahren traf sie die zwei - mittlerweile zu Männern herangewachsenen Söhne - im Cafe Tomasselli in Salzburg zum "Kennenlernen". "Das war unbeschreiblich für mich. Psychisch konnte ich dieses Erlebnis fast nicht bewältigen."

Das Kind, um dessentwillen Erna 1960 von ihrem Mann verlassen wurde, kommt im März 1961 auf die Welt. In der Klinik legt ihr eine geistliche Schwester nahe, den kleinen Peter doch zur Adoption freizugeben; sie wüßte von einem Ehepaar, das sich sehnlichst ein Kind wünsche. Erna, ohne Arbeit, ohne Wohnung und ohne familiären Rückhalt stimmt der vorgeschlagenen Adoption zu. Peter wird während eines Spazierganges von den Adoptiveltern abgeholt. Sie hat ihn nie wieder gesehen.

Er lebt heute in New York, ist verheiratet und selbst Vater von zwei Kindern. Den Kontakt, den Erna durch aufwendige Recherchen zu ihm aufgenommen hat, scheint er abzulehnen. Er kennt "diese Frau, seine Mutter" ja gar nicht. "Vielleicht ist es noch zu früh, ich muß ihm noch Zeit lassen", meint Erna hoffnungsvoll.

Von einem Besuchsrecht der Mutter bei den beiden ehelichen Kindern, von der Möglichkeit eines DNA-Tests zur Feststellung der Vaterschaft Peters ("heute glaube ich, daß mein erster Mann doch der Vater war") wußte Erna in den Zeiten als sie Mutter wurde nichts.

Erna heiratet später noch einmal, ist mit dem zweiten Mann bis heute glücklich und bekommt wieder zwei Söhne. "Ich bin dankbar, daß ich zwei Kinder großziehen durfte, die drei anderen Kinder habe ich aber nie vergessen. Zu Weihnachten und an den Geburtstagen der Kinder, die von mir getrennt lebten, habe ich mich oft im Badezimmer eingesperrt, heimlich geweint und darum gebetet, eines Tages doch die Gelegenheit zu bekommen, sie wiederzusehen."

Die vielen bürokratischen und menschlichen Hürden für eine Mutter, die ihr Kind zur Adoption freigegeben hat, jedoch trotzdem wissen will, wie das Leben für dieses Kind weitergegangen ist, haben Erna dazu bewogen, 1998 die "Selbsthilfegruppe Adoption" zu gründen: "Frauen sollten auf die Konsequenzen einer Adoption aufmerksam gemacht werden. Auch wenn die Entscheidung ganz bewußt gefällt wird, vergißt eine Mutter ihr Kind nie. Mit all ihren Gefühlen und Sehnsüchten, mit der unvermeidlichen Trauer und mit ihren oft unrealistischen Hoffnungen werden diese Frauen vollkommen alleine gelassen."

Suche nach Wurzeln Natürlich ist die gängige Form der Adoption die sogenannte "Incognito-Adoption" zum Wohl des Kindes gedacht, sie hat sich in dieser Form auch großteils bewährt. Kinder sollten zwischen der leiblichen Mutter und den Adoptiveltern keinesfalls hin- und hergerissen werden. Andererseits hat jedoch auch die leibliche Mutter einen gewissen Anspruch darauf zu wissen, wie es ihrem Kind geht, welche Veränderungen es durchmacht oder welche Talente es entwickelt.

Auch manche adoptierte Kinder wollen später wissen, woher sie kommen und welche Wurzeln sie haben. Erna O.: "Ich persönliche halte die halboffene Adoption für den richtigen Weg. Die leibliche Mutter kann durch Briefe, Fotos, eventuell auch Telefonkontakte von Zeit zu Zeit etwas über ihr Kind erfahren. Und auch für die Adoptiveltern kann es hilfreich sein, über familiäre Veranlagungen, Stärken oder Schwächen der leiblichen Eltern Informationen zu bekommen. Sie könnten beispielsweise bei der Bewältigung von auftauchenden Problemen nützlich sein."

Offene und halboffene Adoptionen sind in der derzeitigen Gesetzgebung noch nicht verankert. Sie können heute - wenn der Wunsch danach besteht - nur durch außergerichtliche Vereinbarungen geregelt werden. Daß es für ein Kind sicher nicht gut ist, wenn die leibliche Mutter persönlich immer wieder in Erscheinung tritt, ist evident, auch wenn Einzelfälle das Gegenteil beweisen.

In Wien gab es vor einiger Zeit eine Adoption, bei der die Adoptivmutter bereits bei der Geburt des Adoptivkindes anwesend war. Zwischen den beiden Frauen scheint eine gute Beziehung zu bestehen. Dieser Fall ist aber wahrscheinlich die berühmte Ausnahme von der Regel.

Die Möglichkeit, den eigenen Wurzeln nachforschen zu dürfen, beziehungsweise der leiblichen Mutter von Zeit zu Zeit Nachricht über ihr Kind zukommen zu lassen, sollte in Zukunft jedoch mehr berücksichtigt werden.

Solange es Möglichkeiten wie diese noch nicht gibt, bietet eine Selbsthilfegruppe betroffenen Frauen die Möglichkeit, sich auszusprechen, Erfahrungen auszutauschen, und jahrelang Verdrängtes endlich aufzuarbeiten. Begleitet werden die Frauen dabei von der Psychotherapeutin Maria Ratz: "Ich versuche die Frauen zu unterstützen und greife regulierend ein, wenn sich eine Beratungssituation ergibt. Eine Mutter, die ihr Kind zur Adoption freigibt, bewältigt die kommenden Jahre nur, indem sie dieses Ereignis weitgehend verdrängt. Verdrängung ist jedoch eine der schlechtesten Verarbeitungsmechanismen." Den gesellschaftlichen Hintergrund für dieses hohe Maß an Verdrängung stellt die nach wie vor bestehende Tabuisierung der Adoption in unserem Land dar.

Da Frauen sehr viele gesellschaftlich-negative Folgen bei der "Freigabe" ihres Kindes befürchten, sprechen sie über dieses für sie wesentliche Lebensereignis so gut wie nie.

Angst vor Behörden Daß aber diese Mütter ihren Kindern die Chance gegeben haben, in einer liebevollen und wirtschaftlich gesicherten Umgebung groß zu werden, wird von unserer Gesellschaft tot geschwiegen. Ratz: "Dieses Totschweigen ist in Zeiten hoher Abtreibungszahlen und eines sich ständig verringernden Nachwuchses eigentlich unbegreiflich."

Frauen, die sich dazu entschließen, ihre Kinder zur Adoption freizugeben, befinden sich fast immer in einer Notsituation. Diese kann gesellschaftliche, wirtschaftliche oder gesundheitliche Ursachen haben: Beengte Wohnverhältnisse, Krankheit, Arbeitslosigkeit, Alkohol- oder Drogenabhängigkeit, ab er auch die Angst vor Behörden spielen (vor allem bei Frauen, die illegal in Österreich leben), eine entscheidende Rolle.

Kann die leibliche Mutter nicht oder nie über die Adoption ihres Kindes sprechen, kann das in ihrem späteren Lebensverlauf zu einer Serie von psychosomatischen Symptomen und Beschwerden führen: Depressionen, Ängste, Minderwertigkeits- und Schuldgefühle quälen manche dieser Frauen oft ein Leben lang.

ZUM THEMA Selbsthilfegruppe. Treffpunkt ist jeden ersten Donnerstag im Monat ab 18 Uhr 30 im Cafe "Ephata" 1060 Wien, Garbergasse 14. Auf Wunsch kann jeder anonym bleiben. Maria Ratz bietet, falls erwünscht, psychotherapeutische Begleitung an. Praktische Hilfe wird bei Behördenwegen angeboten. Die Teilnahme an den Treffen ist kostenlos. Information: (01) 581 63 82, jeden Mittwoch zwischen 9 und 11 Uhr.

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