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„Ich sehe mein Kind im Traum"

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Frauen, die abgetrieben haben, können das oft ein Leben lang nicht vergessen. Viele leiden an Schuldgefühlen und Depressionen. Über die Folgen einer Abtreibung wird nicht gesprochen. Das Thema ist tabu.

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Frauen, die abgetrieben haben, können das oft ein Leben lang nicht vergessen. Viele leiden an Schuldgefühlen und Depressionen. Über die Folgen einer Abtreibung wird nicht gesprochen. Das Thema ist tabu.

Mira ist 56 Jahre alt. Geschieden, zwei erwachsene Töchter. Vor 23 Jahren hat sie eine Abtreibung auf Drängen ihres Ehemannes vornehmen lassen. Bis heute leidet sie an den Folgen des Kingriffes. Bis heute macht sie sich Vorwürfe, ihr eigenes Kind getötet zu haben. Die Probleme nach ihrer Abtreibung beschreibt sie so:

„Es war schrecklich. Neben den Schmerzen hatte ich nach der Abtreibung eine unheimliche Aversion meinem Körper gegenüber. Aversion gegenüber mir, die ich fähig war, so etwas zu machen. Ich mußte ganz von vorne wieder anfangen, meinen Körper Stück für Stück wieder anzunehmen."

Wie Mira hat auch Christine, 31, das Gefühl, ihrem Körper entfremdet zu sein: mit dem Unterschied, daß sie drei Jahre nach der Abtreibung immer noch körperlich leidet:

„Ich komme mir wie ein Boboter vor. Irgendwie funktioniere ich nur mechanisch. Lachen oder mich freuen kann ich seither nicht mehr - aber das Schlimmste ist, daß ich nicht einmal weinen kann." Mira hat lange gebraucht, um ihre Abtreibung aufzuarbeiten. Den leidvollen Prozeß schildert sie so: ,,An dieser Aufarbeitung und an diesen Erkenntnissen, was ich alles falsch gemacht habe, bin ich fast zugrunde gegangen. Ich war einige Zeit sehr stark selbstmordgefährdet. Durch jahrelange Therapie und auch durch die Geburt meiner zweiten Tochter Maria habe ich das dann etwas aufgearbeitet. Bei allem war mein Glaube an Gott die wichtigste Krücke und Stärkung in meinem Leben. So habe ich das Schritt für Schritt aufgearbeitet."

Heute kann Mira frei über ihre Abtreibung reden - mit Tränen ist dies jedoch immer noch verbunden: „Die Aufarbeitung geschah gewissermaßen in einem geschützten Raum. Es war kein Thema, worüber ich spechen habe können. Es war noch immer etwas, was als Belastung und Schuld an mir gehangen ist. Erst heuer durch eine Begegnung mit einem Arzt ist mir klar geworden, daß dieses Thema für mich noch immer nicht abgeschlossen ist. Ich habe ihm gegenüber die Abtreibung erwähnt und dann, nach 23 Jahren, so bitterlich zu weinen angefangen, daß er mich an Geborene für Ungeborene verwiesen hat.

Erst die Arbeit mit einem Berater von Geborene für Ungeborene hat mir Klarheit verschafft, daß ich mich auch innerlich von meinem Mann verabschieden muß, und daß ich ihm verzeihen muß. Denn mein Mann hat es nie bereut, daß er mich zur Abtreibung gedrängt hat. Ich kann ihm jetzt verzeihen. Denn ich weiß, daß mir der liebe Gott verziehen hat, und daß mein Kind mir verziehen hat. Ich muß mir selber auch verzeihen, denn ich habe es nicht absichtlich gemacht, und ich weiß heute, was das bedeutet, eine Abtreibung. Und diese Abtreibung war sicher die Hauptursache für unsere Scheidung."

Mira ist eine von vielen Frauen, die oft erst Jahre nach der Abtreibung eine Lebenskrise durchmachen. Amerikanische Untersuchungen haben ergeben, daß bis zu 80 Prozent der Frauen nach einer Abtreibung an Depressionen oder Schuldgefühlen leiden. In Osterreich mangelt es an Untersuchungen zu dem Thema. Weder das Gesundheits- noch das Familienministerium hat es bisher für nötig erachtet, umfassende Studien in Auftrag zu geben.

In der wissenschaftlichen Forschung ist das P.A.S ( post-abortion-syndrome) erst seit kurzer Zeit in Diskussion. Es faßt die psychischen Folgeerscheinungen nach einer Abtreibung zusammen. Viele Wissenschaftler scheuen sich jedoch, die Erfahrungen der Frauen ernstzunehmen. Zahlreiche Selbsthilfegruppen und vermehrt auch universitäre Studien haben das Leiden vieler Frauen nach einer Abtreibung zur Sprache gebracht.

Forschungen, die vor allem in den USA durchgeführt wurden, haben die psychischen Spätfolgen einer Abtreibung belegt. Als Symptome werden unter anderem angeführt:

Unkontrolliertes, unbegründtetes Weinen, Depressionen, Störung des Selbstwertgefühls, Selbsmordgedan-ken bis hin zum Suizid, Absterben des Gefühlslebens (Roboterfeeling), Alkohol- und Drogenmißbrauch, Haß-und Ekelgefühle gegenüber der Sexualität, Gefühlskälte, Mehrfachabtreibungen (zwanghafte Wiederholung), Wiedergutmachungsphantasien, Angst vor Bestrafung durch schwere Krankheit oder Verlust von eigenen Kindern und ähnliches.

Das P.A.S. taucht in der österreichischen Forschung als solches nicht auf. Auch die Universitätsprofessorin Beate Wimmer-Puchinger (Vorstand des Ludwig Boltzmann Instituts für Gesundheitspsychologie der Frau), verneint die Existenz des P.A.S:

„Vom P.A.S. zu reden, ist meines Erachtens wissenschaftlich nicht haltbar. Ich bin wahnsinnig unglücklich damit. Natürlich bedeutet eine Abtreibung eine massive psychische Krise. Aber zu behaupten, daß es ein Trauma wäre, halte ich für wissenschaftlich unseriös. Das würde ja bedeuten, daß man diesem Trauma nicht entkommen könnte."

Die Universitätsprofessorin für Psychologie stellt aber die Tragweite einer Abtreibung außer Frage:

„Die Interruptio ist aber natürlich mit Trauer verbunden. Es ist sicherlich eine der schwersten Entscheidungen im Leben einer Frau. Eine Abtreibung ist ein Einschnitt, den sie ein Leben lang nicht vergißt."

Wenn man jedoch über die Spätfolgen der Abtreibung spricht, muß man auch über die Spätfolgen einer ungewollten Geburt sprechen. Es gibt ja auch das postnatale Trauma. Die Probleme, die eine ledige Mutter hat, kann sich ja niemand vorstellen. Unglücklich schwanger zu sein ist so oder so ein Unglück für Frauen. Auslandsstudien haben gezeigt, daß auch bei der Freigabe des Kindes zur Adoption die Frauen lebenslang unter dieser Entscheidung leiden.

Die Belastung für die Betroffenen ist in der Tat enorm. Allerdings sind die negativen Folgeerscheinungen nach Abtreibungen doppelt so häufig wie nach der Freigabe zur Adoption. Frauen bereuen die Entscheidung, ihr Kind zur Adoption freizugeben vor allem auch wegen der Reaktion der Umwelt („Rabenmutter"). Das Gesetz, also die � 96 - 97 im Strafgesetzbuch, so sind sich Professor Wimmer-Puchinger, „Aktion Leben" und „Geborene für Ungeborene" einig, sollte man aus der Diskussion heraushalten.

Wo man ansetzen könnte und müßte, wäre eine bessere Schulung der Beratung. Dazu ProfessorWim-mer-Puchinger:

„65 Prozent der Frauen wollen sich lieber mit einer Gynäkologin besprechen. Hier besteht ein Handlungsbedarf. Die Qualität der Beratung muß verbessert werden. Man kann eigentlich für diese Aufgabe gar nicht qualifiziert genug sein. Wichtig ist, daß die betroffene Frau ihre Entscheidung frei treffen kann, und daß sie auch das soziale Umfeld hat, um die Entscheidung zu treffen. Tatsache ist, daß viele Frauen von ihrem Partner, Eltern und so weiter mit dieser Entscheidung vollkommen allein gelassen werden. Die Entscheidung macht sich keine Frau leicht. Eines ist klar: Jeder Abbruch ist einer zuviel für die Frauen. Frauen vergessen diese Entscheidung ihr Leben lang nicht. "

Die Österreichische Lebenshilfeor-ganisation „Geborene für Ungeborene" versucht, betroffenen Frauen bei der Aufarbeitung ihrer Abtreibung zu helfen. Für sie ist das P.A.S. traurige Realität in der Beratung.

1984 ist sie als Aktionsplattform entstanden. Ihre Wurzeln hat sie in der „Aktion Leben", von der sie sich im selben Jahr getrennt hat. Mit Slogans wie: „Es ist gut, daß es Dich gibt" oder „Du bist das Leben wert" will man Mut zum Leben machen. Die Therapeutin und drei angestellte Mitarbeiter werden durch Spenden finanziert.

In den letzten zwei Jahren hat sich der Schwerpunkt der Arbeit von „Geborene für Ungeborene" stark verlagert. Generalsekretär Walter Steindl beschreibt das so:

„Nach unseren Schätzungen gibt es in Österreich zirka 800.000 Frauen, die zumindest einmal abgetrieben haben. Das heißt, jede fünfte oder vielleicht sogar jede vierte Frau hat einen Abortus hinter sich. Bei diesen Frauen kommt unsere Botschaft, sich für das Leben zu entscheiden, zu spät. Wir wollen diesen Frauen nicht noch mehr Lasten aufhalsen, als sie ohnehin schon zu tragen haben. Wir wollen nach vorne weisen. Die Folgen einer Abtreibung sind weitgehend tabui-siert, noch tabuisierter als die Abtreibung selbst. Wir wollen den Frauen, die ihre Abtreibung bereuen und zur Aufarbeitung ihrs Traumas unsere Begleitung wünschen, (therapeutische) Hilfe anbieten.

Aber wir sehen unsere Tätigkeit nicht als Monopol, sondern als Teil einer Bewegung. Es gibt ja auch andere Insitutionen und Stellen, an die sich Frauen nach einer Abtreibung wenden können. Beim P.A.S. hat es sich jedoch gezeigt, daß sich Frauen schuldig fühlen. Da ist ein christlicher Therapeut oft besser, weil der ganz anders mit Schuld umgehen kann. Die Weltanschauung bestimmt, ob ich Schuld als solche überhaupt akzeptieren und damit umgehen kann.

Die konkrete Situation wieder durchmachen (wer war beteiligt), sich mit den Gefühlen von Schmerz, Trauer und Wut auf sich selbst und andere (Arzt, Partner) auseinandersetzen. Es kann oft sehr helfen, sich nochmals vom Kind zu verabschieden. Einige Priester bieten einen Trauergottesdienst an.

Dann muß man vergeben lernen. Dem Partner, dem Arzt und vor allem sich selbst. Der schwierigste Aspekt dabei ist, daß die Frauen, die abgetrieben haben, oft große Vertrauensprobleme haben. Das ist jedoch eine Grundvoraussetzung für die Therapie. Und das ist auch ein Schlüssel für die Aufarbeitung: die Erfahrung, daß man nicht verloren ist, wenn man vertraut. Dann kann darauf die Zukunftsgestaltung aufbauen."

Ein wichtiger Punkt: Die Erfahrung von Schuld ist unabhängig vom religiösen Hintergrund. Sie wird gleichermaßen von Katholiken und Nicht-Christen gemacht. Der Einwand, beim P.A.Sp handle es sich um ein von der Gesellschaft oder der Kirche eingeredetes schlechtes Gewissen, ist durch Untersuchungen widerlegt worden.

Der Autor ist

freier Journalist in Wien.

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