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Das Leben ist heute bedroht"

1945 1960 1980 2000 2020

„Das bedrohte Leben" ist der Titel einer umfassenden Auseinandersetzung mit dem Phänomen Abtreibung. Statt kleinlicher Polemik liefert die Aktion Leben viel Information und zeigt die geistigen Wurzeln des Problems auf. Im folgenden werden einige der Aspekte wiedergegeben.

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„Das bedrohte Leben" ist der Titel einer umfassenden Auseinandersetzung mit dem Phänomen Abtreibung. Statt kleinlicher Polemik liefert die Aktion Leben viel Information und zeigt die geistigen Wurzeln des Problems auf. Im folgenden werden einige der Aspekte wiedergegeben.

In Osterreich sind die meisten Todesfälle Folgen krimineller Handlungen. Das klingt nach einer Zeitungsente, entspricht jedoch der Realität des Jahres 1981. Der Grund dafür liegt in den gigantisch hohen Abtreibungszahlen: 100.000 jährlich nach jüngsten Schätzungen, mehr als die Zahl der übrigen Sterbefälle!

Uber diese erschreckende Tatsache schwindeln wir uns durch verschiedene Tricks hinweg: Einer davon besteht in der Verwendung einer verharmlosenden Terminologie. Schon im Wort abtreiben kommt der Vorgang des Tötens nicht zum Ausdruck. Befürworter der Abtreibung beschränken sich meistens darauf, Schwangerschaft einseitig als einen Zustand nur der Mutter anzusehen. Daß daran ein ungeborenes Kind beteiligt ist, wird verdrängt, bagatellisiert.

Auch wer von Schwangerschaftsunterbrechung spricht, übersieht, daß nach dem Eingriff nichts fortgesetzt wird.

Jeder kann daher einen Beitrag zur Bekämpfung dieser Art von Tötung im großen Stil leisten, indem er damit beginnt, die Dinge beim Namen zu nennen.

Ein zweiter Trick ist die Verdrehung der Gesetzeslage: sect; 96 des Strafgesetzes hält eindeutig fest, daß Abtreibung eine kriminelle Handlung und daher strafbar ist. In sect; 97 ist nur die Rede davon, daß unter bestimmten Voraussetzungen von der Bestrafung abgesehen wird. Damit ist die Handlung durchaus nicht rechtlich sanktioniert!

Das sollten sich all jene vor Augen halten, die einen rechtlichen Anspruch auf„Durchführung der Fristenregelung" einmahnen. Sozialistische Frauen verwenden gerne diese Argumentation, um die Errichtung von Abtreibungskliniken in den westlichen Bundesländern zu verlangen.

Letztlich ist es unser ganzes gesellschaftliches Klima, das die Legitimation für die massenweise Durchführung der Abtreibung abgibt. Sonst käme es nicht zu dieser Horrorzahl von 100.000 Tötungen jährlich allein in Österreich, wären nicht mehr als 50 Prozent der Österreicher für die Fristenregelung!

Weltweit wird dieses Grundsatzproblem aufgeworfen: Das Population Council schätzt, daß jährlich auf der Welt 30 bis 55 Millionen Abtreibungen stattfinden. Verboten sind sie nur in 15 Staaten. Hingegen können 39 Prozent der Weltbevölkerung während bestimmter Fristen aus beliebigen Gründen straffrei abtreiben.

Manche Länder gehen in dieser Hinsicht erschreckend weit:

Straffreiheit bis zur 24. Schwan-■gerschaftswoche in Japan und den USA, sogar bis zur 28. Woche in Großbritannien! In diesem Alter wiegen Kinder bereits zwischen ein und eineinhalb Kilo und sind 35 Zentimeter groß. Im Vergleich dazu: 1979 überlebte in New York ein Mädchen, das mit nur 420 Gramm geboren wurde.

Das illustriert das Ausmaß der Tragödie ebenso wie die Schilderung dessen, was Kinder im Mutterleib schon in früheren Stadien können: „In der neunten Woche kann das Baby Daumen lutschen, es kann greifen und eine Faust machen. Es runzelt die Stirn und schielt manchmal. In der elften Woche ist die Differenzierung beendet In dem kleinen Organismus sind alle Strukturen ausgebildet, die bei der Geburt vorhanden sein müssen." (S. 12)

Und dennoch scheint all das in jüngster Vergangenheit zusammengetragene Wissen um das • wunderbare Werden menschlichen Lebens die Abtreibungszahlen nicht zu senken. Im Gegenteil, sie steigen weiter.

Die tiefe Ursache dafür liegt in der geistigen Dimension des Problems. Hier stoßen wir auf eine Grundfrage, die weit über die Abtreibungsproblematik hinausreicht: Ist der Mensch letztlich ein begrenztes Wesen, das ehrfurchtsvoll und demütig mit der Schöpfung umzugehen hat? Oder aber gilt das Menschenbild vom autonomen, sein Schicksal selbst gestaltenden Titanen?

Diese zweite Haltung ist der Ursprung der vielen Versuche, den Menschen heute Schicksal des Mitmenschen spielen zu lassen: durch Abtreibung, Retortenzeugung, Euthanasie, künstliche Lebensverlängerung. Mit Bezug auf die Einstellung zum Kind wird Robert Spaemann, Ordinarius für Philosophie aus München zitiert:

,\In jedem Fall muß etwas gemacht werden. Es scheint als Inbegriff des guten Lebens, kein Schicksal mehr zu haben, weder das eines nicht beabsichtigten Kindes, noch das ?iner nicht beabsichtigten Kinderlosigkeit. Kinder werden so zu bloßen Mitteln zum Zweck der sogenannten Selbstverwirklichung ihrer Eltern, auf deren Kommando sie zu kommen oder zu verschwinden haben." (S. 7)

Weil es um eine Grundsatzentscheidung menschlicher Existenz geht, sollten wir alle betroffen sein, sollte jeder damit beginnen, im Rahmen seiner Möglichkeiten gegen diese Fehlorientierung Stellung zu beziehen. Die Entwicklung geht nämlich weiter. Das darf uns nicht gleichgültig lassen:

„In vielen englischen und amerikanischen Krankenhäusern wird seit Jahren die Praxis geübt, behindert geborene Kinder absichtlich sterben zu lassen: man läßt sie verhungern... Die Kinder bekommen nur Wasser und Beruhigungsmittel... Weil sie sich aber infolge der hohen Gaben von Beruhigungsmitteln in einer Art Dämmerzustand befinden, weinen sie wenig und bekommen daher auch kein Wasser. Eine englische Krankenschwester berichtet von einem solcherart zu Tode gepflegten Baby, das völlig dehydriert war. Sie versuchte, dem Kind Erleichterung zu verschaffen, indem sie die Augen des Ba-bies mit Wasser benetzte, damit es wenigstens seine ausgetrockneten Lider schließen konnte... (S. 60)

Das geht uns doch alle an!

DAS BEDROHTE LEBEN. Aktion Leben (Hrsg.). Wien 1982

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