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Die Erbkrankheits-Kassandren

Wir erleben immer wieder dasselbe: Jene Kassandra-Rufe, die vor einer genetischen Verschlechterung der Menschheit durch die erfolgreiche medizinische Behandlung von Kindern mit Erbkrankheiten warnen, werden ernst genommen, obwohl sie wissenschaftlich fast jeder realen Grundlage entbehren. Gegenargumente dringen kaum durch. Bestenfalls lächelt man über die „verträumten humanistisch-utopischen Vorstellungen“ jener, die fürchten, die Warnung vor Zunahme der Erbkrankheiten könnte leicht in eine Zukunft führen, in der wieder einmal die Eugeniker das Sagen haben.

Hingegen werden jene anderen Kassandra-Rufe, die berechtigte

Kritik an zum Teil unmenschlich gewordenen Lebensbedingungen in unserer heutigen Gesellschaft üben, in den Wind geschlagen, als lächerliche, unbegründete Besorgnis abgetan. Es ist eben einfacher, in einem abstrakten genetischen Modell Zuflucht zu suchen, als auf die Stimme jener leisen Kassandra zu hören, die sagt: Ändert euer Leben!

Die Warnung vor der Zunahme der Erbkrankheiten durch deren symptomatische Behandlung ist der Prototyp eines falschen und gefährlichen Kassandra-Rufes. Kern ist die Behauptung, durch erfolgreiche Therapie etwa der PKU-Kinder (diese genetisch bedingte Krankheit stehe hier als Beispiel) würden Menschen, denen ohne die großartige Errungenschaft der Bickel'schen Diät nur ein kurzes Leben beschieden wäre, sich fortpflanzen und ihr genetisches Handikap weitergeben. Und da sie dies nun könnten, werde es in Zukunft zu einer unzumutbaren Belastung mit krankhaften Erbanlagen kommen. Der medizinische Fort-_ schritt habe die natürliche Selektion, die für eine Ausschaltung der „Schwachen und Minderwertigen“ sorge, zunichte gemacht.

Sehen wir einmal ganz davon ab, daß beispielsweise ein „PKU-Kind“ dank Bickels Diät für die

Gesellschaft keine größere Belastung mehr darstellt als etwa ein Brillenträger, der in der Zeit der Steinzeit Jäger vielleicht auch zu den nicht Uberlebensfähigen zählte, weshalb ein kurzsichtiger Propagandist radikaler Erbgesundheit logischerweise für seine eigene Sterilisierung eintreten müßte.

Vor der Bickel'schen Diät belasteten hingegen tatsächlich zahlreiche kranke Menschen ihre Familien und die Gesellschaft mit ihrem Siechtum. Dem Kinderarzt und Genetiker Bickel standen Tränen in den Augen, als vor Jahren in Heidelberg bei einem Geburtstagsfest für ihn die Tür aufging und eine Schar gesunder, lebhafter Kinder hereinströmte -jedes mit einem Fähnchen mit den Buchstaben PKU für Phenylketonurie. PKU bewirkt eine Vergiftung, die eine normale körperliche und geistige Entwicklung verhindert. Bickels phenylalaninar-me Diät muß bis zur Pubertät eingehalten werden.

Ganz abgesehen davon läßt sich aber etwas für viele Erstaunliches beweisen: Gesetzt den Fall, dank Bickels Diät werden nun jahrhundertelang alle mit PKU Neugeborenen fortpflanzungsfähig und haben Kinder. Es wird dann auch nach vielen Generationen kein wesentlich höherer Prozentsatz von PKU-Kindern geboren als vorher! Dies gilt auch für alle anderen vergleichbaren Erbfaktoren. Es läßt sich auf der Basis gesicherten Wissens zwingend nachweisen, daß ärztliche Fürsorge und Therapie dem Menschen Hilfe und Erleichterungen bringen, ohne Verschlechterungen des Erbgutes in der Zukunft zu provozieren (siehe Kasten).

Trotzdem sind die „Erbsaubermacher“ ideologisch noch immer oder schon wieder am Werk. Die Ideologie der Jahre vor dem Nationalsozialismus war in den meisten Ländern von links bis rechts vom Grundgedanken der Rassenhygiene getragen — auch wenn man in den meisten dieser Länder nicht mehr gern daran erinnert wird. Grundlage war das Wunschdenken, die genetische Konstitution einer Bevölkerung durch Zwangsmaßnahmen zu verbessern. Die radikalste Maßnahme dieser Art war das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ im NS-Staat, das freilich in vielen Ländern Europas und in Ubersee rechtlich abgesicherte Vorbilder hatte.

Wir wissen heute, daß solche Vorstellungen einem inhumanen, elitären Menschenbild entstammen und daß Erbkrankheiten durch eine Politik der Sterilisationen kaum beeinflußbar sind.

Jenes Faktum, das als einziges wissenschaftlich gesichert zu einem Ansteigen von mutierten Genen führen kann, ist die veränderte Situation des Heiratens und Kinder-Bekommens. Man muß sich erst einen materiellen Standard schaffen, um allen Anforderungen und Verlockungen einer Wohlstandsgesellschaft entsprechen zu können. Der „schichtenspezifische Aufwand“, der Basis der gesellschaftlichen Anerkennung ist, muß ja in den meisten Fällen über Jahre des vollen beruflichen Einsatzes, des Verzichtes, des Sparens erreicht werden. Erst wenn man finanziell abgesichert ist, kann man daran denken, Kinder zu bekommen. Aber in nicht wenigen Fällen sind dann die Jungen Eltern“ schon relativ alt.

Etwa ab dem 35. Lebensjahr besteht aber die Gefahr, daß bei der Eizellen- beziehungsweise Samenreifung altersbedingte Mutationen auftreten und auf diese, Weise eine nicht unproblematische, zunehmende Last mutierter, zunächst rezessiver Gene und Chromosomen-Störungen entsteht. Auch dafür ein Beispiel: Das Down-Syndrom, besser bekannt als Mongolismus. Bei Müttern um das 20. Lebensjahr kommt ein Kind mit Down-Syndrom auf durchschnittlich 2.000 Lebendgeborene. Im 40. Lebens*-jahr steigt die Wahrscheinlichkeit, ein genetisch derart geschädigtes Kind zu bekommen, auf 1:100, um das 45. Lebensjahr liegt das Risiko schon bei 1:40. In den Statistiken wird allerdings fast immer nur das Alter der Mutter berücksichtigt. Aber das Risiko steigt genauso mit zunehmendem Lebensalter des Vaters.

Die Grundlagen für ein tatsächliches mögliches Zunehmen der Erbkrankheiten liegen also nicht dort, wo die irrationalen Ängste der Rassenpolitiker sie vor dem Zweiten Weltkrieg vermuteten, sondern in den gesellschaftlichen Bedingungen einer Leistungsund Wohlstandsgesellschaft mit hohem Konsum- und Anpassungsdruck.

Der Autor eines unserer Standardwerke zum Thema schreibt: „Wenn alle Geburten bis zum 30. Lebensjahr weiter wie bisher erfolgen, alle Geburten nach dem 30. Lebensjahr aber um fünf Jahre vorverlegt würden, so daß anstatt einer Geburt mit 40 Jahren eine mit 35, anstatt mit 32 mit 27 Jahren erfolgte und so weiter, würde das die Häufigkeit des Mongolismus um mehr als 40 Prozent senken.“

Viel wichtiger als die Diskussion über die angeblichen Gefahren des medizinischen Fortschritts und die daraus angeblich resultierenden Gefahren für die künftige Gesundheit des Menschengeschlechtes wäre es, sich mehr um die Bedingungen zu kümmern, unter denen wir heute leben.

Halten wir uns vor Augen, daß in Österreich auf 100.000 Geburten rund 125 Kinder (meist älterer Eltern) mit Down-Syndrom kommen, denen man nicht so wirkungsvoll helfen kann wie den acht bis zehn Kindern mit PKU, muß man sich schon Sorgen machen. Auch die Zunahme der Frühgeburten hängt fast ausschließlich mit sozialpsychologischen Faktoren zusammen. Ungünstige Einflüsse auf die Schwangerschaft wie finanzielle Sorgen, Partnerprobleme, unregelmäßiges Essen und Schlafen, Rauchen, berufliche Überlastung, Freizeitstreß, bilden eine größere Gefahr als alle Erbfaktoren.

Hier besteht ein tatsächliches Aufklärungs-Defizit. Zu viele Menschen halten Schwangerschaft für einen gleichsam allein, unbeeinflußt von „außen“, ablaufenden Vorgang und unterschätzen daher die Bedeutung eigenen Fehlverhaltens. Einst bedeutete eine erstmalige Röteln-Infektion der Mutter während der Schwangerschaft ein gefürchtetes Risiko, Röteln-geschädigte Kinder boten ein dramatisches, nicht heilbares Krankheitsbild. Aber noch 1985 konnte man von 41 Schwanger-schaf tsabbrüchen nach einem gehäuften Röteln-Auftreten in Graz lesen, weil die Durchführung der Schutzimpfung noch immer nicht lückenlos durchgeführt wird. In ganz Österreich wurden in den vergangenen Jahren nicht annähernd so viele Schwangerschaftsabbrüche aufgrund medizinischgenetischer Indikation durchgeführt wie bei dieser Epidemie.

Ein weiteres Problem, das hinsichtlich des nicht behandelbaren kindlichen Gehirnschadens eine immer größere Rolle spielt: Die Alkohol-Embryopathie. In der chronischen Phase der Alkoholkrankheit der Mutter werden bis zu 40 Prozent der Kinder geschädigt. Das Krankheitsbild ist erst seit wenigen Jahren bekannt und dramatisch im Zunehmen begriffen. In Frankreich schätzt man, daß jedes 212. Kind auf diese Weise geschädigt ist, in der Bundesrepublik Deutschland werden - bei zunehmender Tendenz — jährlich rund 600 Kinder mit starker und 1.200 mit schwächerer Alkohol-Embryopathie geboren.

All das hat nichts mit Erbkrankheit, aber sehr viel mit den Bedingungen, unter denen wir heute leben, zu tun. Trotzdem hören jetzt, wie es scheint, wieder mehr Menschen auf die Erbkrankheits-Kassandren, die von den tatsächlichen Problemen ablenken.

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