6552604-1948_03_04.jpg
Digital In Arbeit

Ehe und Familie in der Krise

Wien zählte am 23. Dezember 1947 eine Gesamtbevölkerung von 1,731.767 Personen, davon waren 741.265 Männer. Diese wohnten — abgesehen von ungefähr 1400 Anstalten mit ungefähr 70.000 Insassen — in 677.000 Haushalten, während es vor dem Krieg 743.224 gab, so daß die Summe von 66.000 Zerstörten Haushalten aufscheint. 1947 sind ungefähr 19.000 Ehegründungen dazugekommen. Das Heiratsalter gipfelte im letzten Jahr — für ganz Österreich mit 62.791 Eheschließungen gerechnet — bei den Bräuten von 21 bis 24, bei den Männern von 24 bis 27 Jahren. Bei den männlichen Altersklassen überwiegt erst im 28. Lebensjahr die Zahl der Verheirateten die der Ledigen; 63.000 Ledigen im Alter von 20 bis 30 Jahren stehen in Wien nur 35.000 Verheiratete derselben Jahrgänge gegenüber. In den sogenannten bürgerlichen Bezirken I, IV und VIII ist die Zahl der ledigen Frauen größer als die der verheirateten, während in den sogenannten Arbeiterbezirken X, XII und XVI die Zahl der verehelichten Frauen die der ledigen um 50 Prozent übertrifft. Der Gesamtfrauenüberschuß steigt also in empfindlicher Weise; auf je 100 Männer entfielen 1910 erst 107 Frauen, 1939 bereits 121 und 1946 schon 134.

Aus der biologischen und erst recht aus der psychologischen Verfrübung der Geschlechtsreife ergeben sich daraus schwerwiegende Sexualprobleme. Schon vor dem Kriege gab es in Wien außer 37.000 geschiedenen und über 155.000 verwitweten Frauen noch 382.581 ledige weibliche Personen. Dazu war die Propaganda der letzten Jahre weder dem Jungfräulichkeitsideal noch der Lebenserfüllung der berufstätigen Frau förderlich. Die These des Sexualismus und die Tatsache von Aggressionen bis zu kollektiven Vergewaltigungswellen schufen einen breiten Raum für die heutige ungeheuerliche Außerehelichkeit des Geschlechtsverkehrs. Die wirtschaftliche Unsicherheit fördert eine Angebotshysterie der Frauen, die bekanntlich bereits Jahrgänge weit unter .20 ergriffen hat. Die unmittelbare Antwort auf diesen riesigen, meist aucHerlebnisarmen Frauenverbrauch ist die Ehemüdigkeit der Jungmänner, die sich zu Schlagworten von der polygamen Veranlagung des Mannes und damit zu einer innerlichen Bedrohung des Ehewillens versteift. Da diese Art von Geschlechtsverkehr überhaupt der Feinheit und Tiefe entbehrt, zerstört er auch bei den Mädchen die Erlebnismöglichkeiten und deren Entfaltung zur Lebenserfüllung in der Ehe. Ihnen fehlt völlig das Brautschaftserlebnis und die Ehen der nächsten zehn Jahre büßen dadurch gewaltig an Krisenfestigkeit ein, sie Werden brüchiger und riskanter, abenteuerlicher, und werden manche Reaktionen nach früheren Schockierungen durchzustehen haben.

In diese Außerehelichkeit wirkt sich — noch und teilweise — die Propaganda der Geburtenfreudigkeit aus; die 59 Berufsvormünder der Gemeinde Wien haben 24.911 Amtsmündel, davon 24.795 uneheliche Kinder zu betreuen. Schon vor dem Krieg ergaben sich jährlich gegen 3000 uneheliche Geburten in Wien, meist von sehr jungen Müttern. Unter den 15jährigen Müttern des -letzten Friedensjahres waren 4 verheiratet und 16 ledig; bei den 16jährigen war das Verhältnis 16:40, bei den 17jährigen 85:111, und erst bei den 18jährigen überwog die Zahl der ehelichen Geburten (228) die der unehelichen (205). Mehr und mehr greifen allerdings, speziell bei der städtischen Jugend, die luetisch bedingte Sterilität und die syste-~ matische Verhütung pm sich, so daß die Zahl der unehelichen Kinder zurückgehen dürfte. Auffallend hoch bleibt der Anteil jener Kinder, die verhältnismäßig rasch nach der Eheschließung zur Welt kommen. Die Selbstbewahrung vor der Eheschließung ist zur Seltenheit geworden.

Das Kind in der Ehe

Von den 611.935 familiären Haushaltungen Wiens im Jahre 1939 waren beinahe die Hälfte, nämlich 294.430 mit 2 Personen und weitere 195.551 mit 3 Personen, Bloß 80.009 zählten 4, weitere 26.740 hatten 5 und 9265 hatten 6 Personen. Selbst von diesen Personen mögen bei der Beengung der Haushalte so manche nicht Kinder des Hauses, sondern mitwohnende Verwandte oder .alte Eltern sein. Tatsächlich ergibt eine Gegenprobe, daß Wien 481.447 verheiratete Frauen zählt, von denen 332.005 — also über zwei Drittel — kein oder nur 1 Kind haben; weiter sind 186.228 ohne Kind und 135.777 mit 1 Kind. Das Bild wird also nicht durch die „naturgetreue Normalfamilie”, sondern durch die Zwergfamilie beherrscht mit all den psychologischen und moralischen Voraussetzungen und Auswirkungen derselben. Der Auftrieb um 1939 ist längst wieder abgesunken; Wien hatte 1940 noch 29.727 Geburten, schon 1942 nur mehr 25.656, und 1945 bloß noch 18.294. Von den Kindern in ganz Österreich — 1946 zählte man 1,330.649 — sind 339.642 im Alter von 3 bis 6 Jahren, aber nur mehr 284.549 in den ersten 3 Lebensjahren.

Auch Enttäuschung und Unsicherheit im politischen Bereich färben natürlich hier ab. Soziologisch gesehen, bleiben vorerst am kinderfreudigsten die Berufsgruppen der Landwirte, der öffentlichen Angestellten und städtischen Arbeiter und gewisse Handwerker. Die Akademikerfamilien verharren offensichtlich in diesem Punkte bei einem bangen und unsicheren Zuwarten. Unter ausländischen Vätern scheinen Angehörige der Besatzungstruppen verhältnismäßig sehr selten auf — eher Griechen, Ungarn, Jugoslawen usw. Aber auch bei den Arbeitern und Angestellten beginnen sich wieder wachsend Gedankengänge breitzumachen und auszuwirken, auf deren politische Quelle die Auseinandersetzungen um den § 144 binweisen. Es ist nicht günstig, daß diese Diskussionen um den § 144 seit einem Halbjahr von der politischen Ebene in die Sphäre des persönlichen Gesprächs abgerutscht sind, wo die Erörterung bekanntlich noch unsachlicher und grundsatzloser zu werden pflegt. So wächst allmählich wieder im stillen aus der Flucht vor dem Kind ein Krieg gegen das Kind.

Vielleidit wird zu wenig beachtet, wie sehr in der heutigen Ehe neben dem sechsten Gebot auch das fünfte verraten wird. Schon physiologisch versiegt viel Lebenskraft im wahllosen Geschlechtsverkehr junger Menschen, der die kriegsgeschwächten Körper Unausgereifter vollends auslaugt. Dazu ist der Lebenswille und der Zukunftswille der Jugend vielfach schockiert, so daß der Fortpflanzungstrieb an seiner Wurzel bedroht ist. Hiezu kommt eine vitale Schwächung durch so tiefwirkende Zeitkrankheiten wie die luetische Verseuchung und die tuberkulöse Infektion, von welcher gegenwärtig in den städtischen Fürsorgestellen Wiens 37.192 Fälle betreut werden. Gewiß ist — wie nach jedem Krieg — auch für die nächsten Jahre ein neuer Auftrieb an Lebenskraft und Lebenswille zu erwarten, der die Regenerationsfähigkeit des menschlichen Or- ganisn as bestätigen wird, aber ebenso wird — ebenfalls wie nach jedem Krieg — die Heiligkeit des Lebens und die Ehrfurcht vor dem Lebensgeheimnis viel stärker ins Bewußtsein der nächstkommenden Elterngeneration eingehen müssen.

Da mag von entscheidender Bedeutung sein, wem die Jungeltern unserer Zeit in die Hände geraten. Die Gemeinde Wien hat in ihren 76 Mütterberatungsstellen 1947 bis Ende Oktober 214.616 Beratungen durchgeführt; das System der katholischen Mütterberatung ist 1938 zerschlagen worden und noch nicht wiederaufgebaut! Und die Schulen für Hebammen und Fürsorgerinnen standen sieben Jahre im Brennpunkt der NS-Propaganda. Ob der kurze Brautunterricht all seinen Gegenspielern gewachsen ist? Ich war überrascht, wie viele Jungmütter zu den Schulungsrunden kamen, die ich kürzlich in manchen Tiroler Gemeinden beginnen konnte.

Es geht nicht an, den Willen zum Kinde zu stärken, ohne sich um die unheimliche Verwahrlosung jener Kinder zu sorgen, die bereits vorhanden sind. Die österreichische Caritas hat seit 1945 mit Hilfe des Auslandes gerade in der Kinderfürsorge besondere Bemühungen angesetzt, obgleich viele Kinderheime noch nicht wieder zurückgegeben sind oder völlig verwüstet waren. Die Gemeinde Wien unterhält 243 Kindergartenabteilungen mit 7816 eingeschriebenen Kindern, 61 Hortgruppen mit 2020 Kindern, 12 Krabbelstuben und 1 Kinderkrippe. Für die heimatlos gewordenen Kinder wurde 1947 oft das „Kinderdorf” propagiert, doch handelt es sich dabei meist um Reklamegrößen; das berühmte Kinderdorf Trogau, Schweiz, zählt nur 4 Doppelhäuser mit 80 Kindern, die Graf- Kayserling-Siedlung Wahlwies am Bodensee nur 5 Kinder, und Willehustal bei Eisenach, ein Unternehmen der kommunistischen „Volksolidarität” 65 Kinder. Um so dringlicher wird dafür die Frage, ob sich die kirchliche Jugend- und Kinderarbeit bald dazu entschließt, aus dem religiösen und lebenskundlichen Bereich vorzustoßen zu ihren apostolisch-fürsorgerischen Aufgaben in den Randgebieten. Hoffentlich wird das Anliegen der Jugendverwahrlosung großzügig aufgegriffen, bevor es zur irreparablen Katastrophe gekommen ist.

Band und Weihe der Ehe

Kriegsjahre sind immer Zerreißproben für das Eheband. 65 Prozent der US-Sol- daten sollen in Scheidung stehen. In Wien gab es schon vor dem Krieg 25.861 geschiedene Männer und 37.310 geschiedene Frauen. Im Jahre 1947 wurden in ganz Österreich 13.351 durch Richterspruch geschieden, davon fast die Hälfte (6302) in Wien; die Zahl der laufenden Scheidungsanträge wird auf das Drei- bis Vierfache geschätzt. Früher fielen die meisten Scheidungen bei den Frauen in das 39., bei den Männern in das 41. Lebensjahr. Jedenfalls war die bedrohte Zeitspanne zwischen 35 und 50 Jahren. Seit dem Kriege überwiegen die 21- bis 30jährigen, und gehen die meisten Ehen nach 5- bis lOjähriger Dauer in Brüche. Sozial bemerkenswert ist, daß der größte Prozentsatz der Wiener Geschiedenen in den Bezirken Ottakring und Leopoldstadt beheimatet war. Die Blitzehen der sozial unteren Schichten aus dem Kriege fallen auseinander. Bezüglich der Motive zur Scheidung erkannte das Gericht 1939 bei insgesamt 4200 Fällen auf § 47 (Ehebruch) 354 Männer und 217 Frauen; § 49 (andere Eheverfehlung) 1378 Männer und 620 Frauen; § 55 (Auflösung der ehelichen Gemeinschaft) 216 Männer und 37 Frauen; § 50 (geistige Störung) 11 Männer und 13 Frauen, in 1257 Fällen wurde kein Eheteil schuldig erklärt.

Unter den Faktoren, die heutzutage oft zur Scheidung drängen, stehen persönlich anschlußbedürftige junge Kriegerwitwen und vor allem Mädchen im Vordergrund, die sich mit Vorliebe an besser verdienende Ehemänner heranmachen, um von ihnen ausgehalten und zu Vergnügungen geführt zu werden. Geistig wirkt sich — neben der Entfremdung der Ehegatten während der Kriegsjahre — immer verheerender die allgemeine Propaganda der Untreue aus, die von Film, Theater und Roman auf breitester Front vorgetragen wird. Die Untreue ist nicht nur in der Intensität der Versuchung, sondern noch viel mehr in der Schwäche der Liebe begründet. Ganz besonders tragisch aber entfaltet sich bei uns die Säkularisierung und Entheiligung des Ehegedankens. Es besteht kein Zweifel, daß das österreichische Volk die Einführung der obligatorischen standesamtlichen Zivilehe ganz schlecht vertragen hat und diese Lockerung, Bürokratisierung und Entweihung nicht verarbeiten kann. Wieder einmal erwies sich, daß die angebliche Strenge der kirchlichen Ehegesetzgebung unendlich weniger hart ist als die haltlos? Verharmlosung der Eheschließung zu einer bürokratischen Karikatur. Unsere Verwaltung hat sich übrigens auch formal der Aufgabe vielfach als nicht gewachsen erwiesen. Dazu muß festgehalten werden, daß sich hier im Bereich der Jungehe die erste Minüsbilänz für die Kirche ergab. In den letzten neun Jahren stehen den 70.000 bloß standesamtlichen Eheschließungen in Wien nur 45.000 kirchliche Trauungen gegenüber! 1940 haben von 26.316 Zivilehen nur 6597 die kirchliche Ehe geschlossen; im Jahre 1941 war das Verhältnis 18.411:5321; 1942 17.666 : 6598, und erst 1945 glichen sich die Zahlen mit 9854 zu 6623 etwas aus.

Es wurde darauf hingewiesen, wie vielfältig sich diese Säkularisierung auswirkt. Ist vorerst der Prozentsatz der ungetauft gebliebenen Kinder aus diesen Jungehen noch relativ gering, so wird doch immer spürbarer, daß man zum sakramentalen Wesen der Taufe meist kein rechtes inneres Verhältnis besitzt.. Die Namensgebung erfolgt profan und modisch. Das kirchliche Brauchtum der Jungfamilie ist eingeschrumpft. Es gibt wenig Abteilungen im Krankenhaus, wo die Spendung der Sakramente so schwierig wird wie bei den Jüng- müttern. Es droht eine Vergreisung unserer Kirchengemeinden; nachdem die Generation der 25- bis 30jährigen durch die kirchenfeindliche Haltung der früheren „Kinderfreunde” in der ersten Nachkriegszeit dem religiösen Leben stark entfremdet wurde, sind es jetzt die 15- bis 25jährigen, die nach HJ und Krieg zum Verstehen und Bejahen religiöser Lebensweise gerade in Ehe und Familie geführt werden müssen.

Proletarisierung

Niemand darf die ungewöhnliche Bedrängnis der heutigen Familie unterschätzen. Oft fehlt schon das Notwendigste — Wohnung und Heim. 1939 würden in Wien insgesamt 706.047 Wohnungen gezählt, darunter 72.000 Wohnhäuser und über 6000 Siedlungshäuser in städtischem Besitz. Für 1946 gab der Wohnungsreferent nur mehr 554.000 Wohnungen an, darunter 398.000 Klein-, 132.000 Mittel- und 92.160 Großwohnungen. Von diesem sosehr verminderten Volumen harten zu dem die Alliierten 1134 Räume, 5199 Wohnungen, 213 Villen und 434 öffentliche Gebäude beansprucht. Von den 68.744 an das Wohnungsamt gerichteten Ansuchen des Jahres 1946 konnten bloß 2636 mit der Dringlichkeitsstufe I positiv erledigt werden. Die Wohnungen selber sind wieder vernachlässigt, verarmt, vielfach geplündert oder bombenbeschädigt wertvoller Hausrat gegen Lebensmittel vertauscht. Die Jungpaare sind von vornherein auf Untermiete oder Primitivität gesetzt, und es wird wohl noch zehn Jahre dauern, bis sich ein bescheidener Mittelstand gebildet und eine erträglichere Wohnlichkeit entfaltet hat. Dabei bleibt die Frage der Flüchtlinge und Ausgesiedeltcn, der DP und Emigranten, offen. Es sind in Österreich derzeit 426.666 Volks- und Reichsdeutsche und 179.025 alliierte DPs. Der Zwischenzustand der allgemeinen Ungewißheit und Unsicherheit ist gerade für die auf Zukunft und Planung angewiesene Familie sowohl wirtschaftlich wie moralpsychologisch von grö tem Schaden. Um so dankbarer werden unsere Jungehen einen wirklichen Auftrieb in Wirtschaft und Volksleben verspüren, mittragen und in der Mitarbeit auswirken lassen. Gewiß besitzen die naturhaften Grundgemeinschaften die Kraft zu heroischer Selbstverwirklichung auch unter primitiven Verhältnissen, aber niemand wird sich mit einer uferlosen Proletarisierung der Familie abfinden dürfen.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau