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Die Ehe hat Zukunft!

1945 1960 1980 2000 2020

Ehe hat Zukunft! Klingt weltfremd, nicht wahr? Wer kennt nicht die Statistik? Immer mehr Scheidungen, immer weniger Eheschließungen. Und dennoch: In diesem widrigen Klima wird offenkundiger, worauf es ankommt; viele bemühen sich wieder mehr; neue Formen der Hilfe gibt es. Darüber mehr im folgenden Dossier.

1945 1960 1980 2000 2020

Ehe hat Zukunft! Klingt weltfremd, nicht wahr? Wer kennt nicht die Statistik? Immer mehr Scheidungen, immer weniger Eheschließungen. Und dennoch: In diesem widrigen Klima wird offenkundiger, worauf es ankommt; viele bemühen sich wieder mehr; neue Formen der Hilfe gibt es. Darüber mehr im folgenden Dossier.

Ehe verliert zunehmend das Idyllische und Ideologiehafte und wird zum faszinierenden Abenteuer

Wie sehr haben sich doch die Umstände, unter denen Ehe heute gelebt wird, im Vergleich zu früher geändert: In der von bäuerlicher und handwerklicher Produktion geprägten Gesellschaft war Ehe eine selbstverständliche Säule des Zusammenlebens. In großen Familieneinheiten, deren Kern die Ehe darstellte, wohnten mehrere Generationen unter einem Dach zusammen mit einer großen Anzahl von Ledigen, unverheiratete Verwandte oder Arbeitskräfte. Die Zahl der Kinder war groß. Man arbeitete am

selben Ort, an dem man sein Leben gestaltete und seine Freizeit, den Feierabend verbrachte.

Wirtschaftliche Notwendigkeit, gesellschaftlicher Druck und religiöse Norm sorgten für lebenslangen Fortbestand der Ehen. Keine Frau - einmal im sicheren Hafen der Ehe gelandet - hätte daran denken können, aus dieser Beziehung auszubrechen. Ob die Ehen damals glücklicher waren, ist schwer zu sagen. Jedenfalls waren sie stabiler — und weniger zahlreich. Noch Ende des vorigen Jahrhunderts waren zwei Drittel der Bevölkerung ledig.

All das hat sich geändert. Die Industrialisierung brachte die städtische Lebensweise, und die Eheschließungen nahmen zu. Statt der bäuerlichen Größfamilie wurde die städtische Kleinfamilie zur Norm. So gab es Ende der sechziger Jahre unter den Fünfzigjährigen nur mehr etwas über zehn Prozent Ledige. Alle anderen waren verheiratet, verwitwet oder geschieden.

Ja, gerade die Zahl der Geschiedenen steigt laufend (derzeit scheitert jede dritte Ehe in Österreich). Seit der Einführung des deutschen Eherechts 1938 können sich auch Katholiken in Österreich zivil scheiden lasseryind seit„ 1975 besteht sogar so etwas wie ein Recht auf Scheidung—auch gegen den Willen eines Partners.

Die rechtliche Absicherung der Ehe ist damit enorm reduziert. Gleichfalls verringert hat sich der wirtschaftliche Zwang, eine Ehe aufrechtzuerhalten. Die außerhäusliche Berufstätigkeit der Frau macht sie vom Betrieb oder dem Einkommen ihres Mannes weniger abhängig als früher. Heute geht fast jede zweite Frau, die Kinder zu betreuen hat, einem Beruf nach.

Ebenso wie der rechtliche und wirtschaftliche, so hat sich auch

der gesellschaftliche Druck verringert. „Halten Sie die Einrichtung der Ehe für notwendig?“, beantworteten 1949 noch 90 Prozent der Deutschen mit „ja“; 1979 waren es nur mehr 60! Und schon 1973 meinten 92 Prozent der deutschen Frauen unter dreißig, es sei nichts dabei, wenn man unverheiratet zusammenlebe (1967 waren es nur 24 Prozent). Welcher Wertewandel wird da offenbar.

Ehe und Familie haben objektiv gesehen an Bedeutung verloren. Image erwirbt man am Arbeitsplatz, nicht am heimischen Herd. Viele verbringen mehr Zeit mit den Mitarbeitern als mit dem Ehepartner. Und selbst diese Zeit: Wieviel gemeinsames Schweigen vor dem Fernseher! Deutsche Untersuchungen zeigen, daß die Anschaffung eines Fernsehgerätes das Gespräch in der Ehe auf die Hälfte verringert.

Wie komme ich nun dazu, unter solchen Voraussetzungen von der Chance der Ehe zu sprechen? Da ist zunächst die Tatsache, daß die Lockerung der Paarbeziehungen negative Folgen hat, wohin man

blickt (siehe Kästen). Jeder Partnerwechsel hinterläßt Verletzungen, ob man nun verheiratet war oder nicht. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, erkennt die heutige Tendenz als Irrweg.

„Aber die Trends!“, mag mancher einwenden, „überall dasselbe Bild“. Trends sind keine Naturgesetze. Sie spiegeln wider, wie sich heute viele Menschen entscheiden. Aber was hindert uns daran, uns zukünftig anders zu entscheiden? Nach wie vor rangiert ein harmonisches Familienleben an der Spitze der Zukunftswünsche Jugendlicher (84 Prozent). Das ist doch ein Kapital, vor allem deswegen, weil heute klarer erkennbar wird, worauf es bei der Ehe ankommt. Da geht es nicht um vorheriges Ausprobieren, sonst müßten Ehen heute so gut wie nie zuvor funktionieren.

Probieren erweist sich als Illusion, weil der Mensch eben keine Maschine ist, die — einmal konstruiert — unverändert funktioniert. Der Mensch wandelt sich vielmehr, verändert sich mit sei-

nen Lebenserfahrungen, macht Fehler, kann aus ihnen lernen, neu anfangen

Und darauf gilt es, sich einzulassen. Heute wird wieder klar, worauf es in der Ehe ankommt: auf die unbedingte Entscheidung für den Partner, nicht weil er mir Sicherheiten geben kann, nicht weil es unschicklich wäre auseinanderzugehen, nicht weil Ehe und Familie hohe Werte sind, sondern weil ich mich auf das faszinierende Abenteuer des Lebens mit ei^ nem anderen einlasse — aus freien Stücken und unwiderruflich.

Diese Basis der Ehe wurde lange Zeit durch ihre Institutionalisierung und eine Art Familienideologie verdeckt. Heute wird klar, daß Ehe nicht von äußeren Abstützungen (die auch ihren Wert haben), sondern vom inneren Band, das die Partner verbindet, lebt. Dieses Band wird mit jedem Ja, das sie zueinander sprechen, fester, es hält nach jeder gemeinsam bewältigten Krise besser. In lebendigen Ehen wird erfahrbar, daß diese Beziehung mit ihrer Fortdauer immer schöner wird.

Dieses Ja ist eine Kampfansage an die heutige Probier- und Wegwerfmentalität in menschlichen Beziehungen. Das Wesentliche im Leben geschieht nicht auf Probe, stellt Johannes Paul II. fest: Man kann nicht auf Probe leben oder sterben — und nicht auf Probe lieben.

Wer solches hört, spürt sofort: „Da bin ich überfordert!“ Schön wäre es schon, von jemandem ganz angenommen zu sein - heute, morgen. Ja, aber...

Es stimmt: Auf uns selbst gestellt, schaffen wir es nicht. Wer kann für seine ganze Zukunft garantieren? Und damit sind wir am Kern des Problems angelangt: Die lebenslange Ehe ohne äußere Absicherung ist eine übermenschliche Aufgabe. Dieses Projekt gelingt nicht, wenn sich die zwei Richtigen gefunden haben, sondern wenn sie sich konkret auf das Wirken Gottes einlassen.

Auch diesbezüglich gibt es Hoffnung: Es wächst die Zahl jener, die unwiderruflich ja zueinander sagen, nicht aus Selbstüberschätzung, sondern im Vertrauen auf Gott. Und sie machen erstaunliche Erfahrungen...

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