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Sehnsucht nach Geborgenheit

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Das Jahr der Familie geht zu Ende. Viele nützen die Gelegenheit, das Thema aufzugreifen - auch die Wiener Studenten…

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Das Jahr der Familie geht zu Ende. Viele nützen die Gelegenheit, das Thema aufzugreifen - auch die Wiener Studenten…

Mit den Slogans „Fami lie - JA!“ und „Familie - NEIN?“ hatte die Katholische Hochschulgemeinde Wien für eine Studentenkonferenz vergangenes Wochenende an der Technischen Universität in Wien geworben. Im technischen Ambiente des Hörsaals 1 der TU Wien dominierten zunächst Zahlen, Fakten und Statistiken zum Thema Ehe und Familie.

Die mehreren hundert anwesenden Studenten wurden mit erdrückenden Zahlen konfrontiert: Eine Scheidung auf drei Eheschließungen in Österreich, in Wien sogar eine auf zwei, ein Verdoppelung von 1965 bis 1991 (von 8.500 auf 16.500 Scheidungen). Nicht nur die Ehen sind gefährdet, auch die Jugendlichen von heute wachsen unter anderen Voraussetzungen auf als früher. Schon mit 13 Jahren machen Teenies ihre ersten sexuellen Erfahrungen. Abtreibungen bei Minderjährigen sind keine Seltenheit. So wurden im letzten Jahr in einem einzigen Wiener Spital insgesamt 120 Abtreibungen bei Mädchen unter 15 Jahren durchgeführt, berichtete der junge Mediziner Raphael Bonelli.

Die Schlußfolgerung liegt auf der Hand: Ehe und Familie sind in der Krise. Wie reagieren Christen darauf? In einer Reihe von Referaten wurde das christliche Eheverständnis theoretisch und praktisch vorgestellt. Zwei Ehepaare erzählten in einer sehr persönlichen Art und Weise, über die Schwierigkeiten und Schönheiten der Ehe. Zeugnisse dieser Art haben sicherlich gerade aufgrund der erschreckenden Statistiken große Bedeutung, weil sie Mut machen und der Ansicht entgegentreten, daß eine lebenslange Ehe ohnehin nur ein Programm für eine begabte Minderheit sei. Eine lebenslange, von Liebe und Treue bestimmte Ehe ist nicht nur ein christliches Ideal, es ist die Sehnsucht der meisten Menschen. 93 Prozent der Befragten gaben 1987 an, daß sexuelle Treue eine wichtige Basis für die Ehe ist.

Wie aber kommt es zu ei-

den menschlichen Sehnsüchten und der Realität? Scheidungen sind heute gesellschaftlich anerkannt. Frauen können selber entscheiden, ob sie Kinder wollen oder nicht. „Partnerschaft hat noch nie so eine große Chance gehabt wie heute“, da es zum ersten Mal in der Geschichte eine gleichberechtigte Stellung der beiden Partner in der Ehe gibt, betonte Ex-Bundesministerin Marielies Flemming in ihrem Referat. Insofern gäbe es zwar geänderte Rahmenbedingungen, aber „keine Krise in der Familie - oder es hat sie immer gegeben“, so Flemming.

HÖHERE ERWARTUNGEN

Auch Paul Schulmeister warnte in seinem Referat vor einer allzu großen Krisenstimmung. Kein nostalgischer Klageruf auf eine „gute alte Ehe“ — die es ja als solche nie gab — sei angebracht, sondern Mut, auch in einem geänderten Umfeld die Ehe zu leben. Die heutigen Ehen seien nicht prinzipiell unglücklicher, sondern die Glückserwartungen, sind größer, demnach auch die Enttäuschung-

Schulmeister wies auf die geänderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen hin: die Emanzipation der Frau, ihre schwindende materielle Abhängigkeit vom Manne etwa fordert ein neues Ehe- und Familienverständnis. Die Familie heute ist außerdem gesellschaftlich nicht mehr in dem Maße verankert und abgesichert wie früher.

Gerade deshalb sei eine Förderung der Familien durch den Staat notwendig, so Schulmeister, denn was der Staat für die Familien tut, tut er auch für sich selbst. Die Tatsache, daß jede fünfte Familie mit Kindern in Österreich unter der Armutsgrenze lebt, sei „nicht ein Ärgernis, sondern ein Skandal“. Die Scheu vor Bindung und Verantwortung könnte zu einem „ernsten demokratiepolitischen Problem“ werden. „Wer keine Verantwortung mehr übernehmen will, dem wird sie eines Tages vielleicht genommen“.

Auch Außenminister Alois Mock betonte die Auswirkungen, welche die Familie auf die Gesellschaft als Ganze hat. Deswegen, so Mock, müßte man sich viel mehr mit ihr beschäftigen: Stärkung der Familienbeihilfe, Flexibilisierung der Arbeitswelt und noch vieles mehr. Wie zu erwarten, mußte sich Mock eine Reihe von kritischen Bemerkungen zur ~ mangelhaften - Familienpolitik der ÖVP gefallen lassen. Jede andere Par-

und die FPÖ habe mehr zur Familienthematik zu sagen, als die ÖVP, deren „christliches Politikverständnis“ einer Erklärung bedürfe, so ein Teilnehmer bei der Podiumsdiskussion.

Ein interessanter Punkt bei der Konferenz war die Vorstellung der Auswertungsergebnisse von 1.221 Fragebö en, die in den Wochen vor er Konferenz an Studenten verteilt worden waren. Unter „Familie“ verstehen demnach 65 Prozent der Befragten eine „dauerhafte Bindung zwischen Mann und Frau und deren Kindern“, 32,3 Prozent hingegen „jede Art des Zusammenlebens zwischen Personen“, wobei letztere Auffassung mehr Frauen als Männer vertraten.

Die Frage, ob jeder eine Familie braucht, wurde von beinahe zwei Drittel der Studenten mit „Ja“ beantwortet, der Rest meinte, daß man ohne Familie auf die Dauer auch glücklich sein kann.

Inwieweit aber berührt der Gedanke an eine zukünftige Familie überhaupt die studentische Lebenswelt? Die Mehrheit (41 Prozent) macht sich vorerst keine Gedanken darüber. Nur 29 Prozent betrachteten die Familie als ihr vorrangiges Ziel, 28 Prozent könnten sich ebensogut etwas anderes vorstellen.

FESTE PARTNERSCHAFT

Bei der Frage nach den Werten, die als Vorbereitung für Ehe und Familie wichtig sind, dominierte „Verantwortungsbewußtsein“ mit überwältigenden 90 Prozent vor „Fester Partnerschaft“ (55 Prozent), „Charakterbildung“, „Opferbereitschaft“ und „Selbstdisziplin“. Am wenigsten Beachtung beigemessen wird „Glaubensbildung“, „Arbeitsamkeit“, „Ethische Ausbildung“, „Gelebter Glaube“ sowie — entgegen allen Vermutungen — „Voreheliche Intimbeziehungen “.

Die Studenten, die an der Konferenz zum Thema „Familie“ teilnahmen, hatten unterschiedliche Eindrücke. Stefan, 21jähriger Medizinstudent, fand die Konferenz zwar interessant, er erwartete sich aber mehr konkrete Ideen und Vorschläge und fand die Zeugnisse der Ehepaare „fast kitschig“ und zu idealistisch.

Auch Maria, 33jährige Bühnenbildnerin, die „rein aus Interesse“ da war, kritisierte die idealisierten Vorstellungen einer heilen Ehe und Familie, die vorgestellt wurden. „Wir sind keine Engel“, betont sie und fordert im selben Atemzug ein Gehalt für Hausfrauen.

gegen, der aus Paris stammt und seit einem Jahr in Österreich arbeitet, sieht sich durch die Konferenz in seinen Erwartungen an Ehe und Familie bestätigt. Eine geglückte Ehe ist möglich, wie er auch am Beispiel seiner Eltern sieht. Als wichtiges Band für die Ehę erachtet er einen gemeinsamen Glauben.

Eine Ansicht, die auch Johannes, Diplomingenieur und seit zwei Jahren verheiratet, teilt. Auch er fühlt sich bestärkt, eine christliche Ehe auch heute leben zu können. „Man hat ja manchmal das Gefühl, daß eine christliche Familie ein Objekt der Verteidigung ist.“ Die Motivation zur Familie, die er als das Ziel der Konferenz bezeichnete, sei bei ihm allerdings nicht mehr so notwendig, fügt er mit einem verschmitzten Lächeln hinzu.

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