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Gesellschaft

Familie, kein Thema mehr

1945 1960 1980 2000 2020

Die Bewältigung des Familienlebens wird immer komplizierter. Der zuständigen Ministerin fällt dazu aber nichts ein.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Bewältigung des Familienlebens wird immer komplizierter. Der zuständigen Ministerin fällt dazu aber nichts ein.

Was waren das noch für Zeiten - ein idyllisches Miteinander von Erwachsenen und Kindern, wohin man schaute! Auch wenn es nicht die eigenen waren, sondern solche für die Wahlplakate: Viktor Klima und Barbara Prammer in herzerwärmender Pose im Kindergarten, Jörg Haider mit Baby-Popos, Wolfgang Schüssel mit strahlenden Halbwüchsigen. Kinder, sie sind die Zukunft der Gesellschaft. Die Familie ist der Ort, wo sie gedeihen.

Und heute? Der Wahlkampf ist längst vorbei und ebenso das Interesse an Kindern und Familien. Wie sonst ist es zu erklären, dass der 15. Mai, der von der UNO ausgerufene "Internationale Tag der Familie", nach Auskunft ihres Büros "kein Thema" für die zuständige Sozialministerin Elisabeth Sickl (FPÖ) ist?

Wir erinnern uns auch noch an die schönen Grundwerte aus den Parteiprogrammen: Solidarität, Freiheit, Gerechtigkeit. Ja, doch! Aber wie werden sie verständlich gemacht? Wie vermittelt? Sie bleiben bloßes Blabla, wenn man nicht schon von Kindesbeinen an mitkriegt, was damit gemeint ist. Natürlich ist das heute nicht mehr so einfach: Familie, das ist nach gängiger Vorstellung immer noch eine Lebensgemeinschaft, in der es auch Kinder gibt. Das ist aber längst nicht mehr nur die Normfamilie mit Vater, Mutter, Kind und Trauschein. Wir haben Lebensgemeinschaften, Ein-Eltern-, Stief-, Fortsetzungs- und Multikulti-Familien.

Ein homosexuelles britisches Paar wurde vor einigen Monaten von einem amerikanischen Gericht als rechtmäßiges Elternpaar von Zwillingen anerkannt. Die Befruchtung (durch die Spermien beider Männer) erfolgte im Labor, das Ei wurde einer Leihmutter eingepflanzt. Das heißt, auch die genetischen (Erbmaterial) und biologischen (Austragung des Kindes) Dimensionen von Elternschaft werden sich drastisch ändern.

Ein Baby als Wellness-Erlebnis In Österreich ist das noch kein Thema. Bei uns gilt immer noch die traditionelle Familie mit ein bis zwei leiblichen Kindern als ideal. Heile Familienbilder kommen an. Da spielt es auch keine Rolle, dass es zwischen Wunsch und Wirklichkeit die bekannte Diskrepanz gibt: Nur ein Teil jener, die sich in Umfragen für Kinder und für Familie aussprechen, setzen ihre Sehnsüchte auch wirklich um. Gründe dafür gibt es viele, die Frage ist nur, wie werden sie bewertet?

Kinder zu haben war bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts eine Selbstverständlichkeit. Erst seit einiger Zeit wird auch abgewogen zwischen "Belastung" und "freudigem Glück", zwischen "in die Pflicht genommen werden" und dem Gefühl, vielleicht doch ein "Wellness-Erlebnis" zu versäumen, wenn man darauf verzichtet, ein Baby zu streicheln.

Tatsache ist - Frauen wollen heute nicht so einfach schwanger werden. Warum gegenüber den Männern zurückstecken in Ausbildung, Beruf, Karriere? Auch die Haltung zu einer lebenslangen Bindung ändert sich: Nichts dauert mehr ewig, die Liebe nicht und auch die Ehe nicht. Täglich sehen wir, wie leicht es ist, den Partner abzulegen. Geradezu cool und trendy. Aber Kinder - die sind noch ein Risiko. Warum also in die Zukunft investieren? Treue, Abhängigkeit, Verlässlichkeit - zählen nicht diejenigen zu den Dummen, die immer noch darauf zählen?

Stets wird suggeriert: Der Verzicht auf Kinder macht das Leben einfacher, bringt Mobilität, Unabhängigkeit, Selbstbestimmung. Irgendwie hat man dabei vergessen, dass das menschliche Leben jeden vor Aufgaben stellt. Manchmal ist die Erfüllung dieser Aufgaben beglückend. Manchmal nicht. Aber die Vorstellung, dass man das Glück sucht, indem man Aufgaben von vornherein abweist, ist neu. Wie damit umgehen?

In der Multi-Optionsgesellschaft von heute gibt es unterschiedliche Lebensmodelle mit unterschiedlichen Sinn- und Wertdimensionen. Nicht nur die Jungen müssen sich mit einer nie gekannten Fülle von Rollenangeboten und -zumutungen auseinandersetzen. Das ist anstrengend. Selbstfindung und Selbstorientierung sind wichtige Aufgaben der Lebensbewältigung geworden, mit den Auswüchsen wie Ich-Kult und Narzissmus.

Ein Überhang an Wünschen Die Gesellschaft ist offen und flexibel geworden. Auch das Familienleben findet nicht mehr in einem Gehäuse von vorgegebenen und anerkannten Regeln statt. Kinder erheben schon früh Unabhängigkeits-, Selbstverwirklichungs- und Durchsetzungsansprüche. Sie haben andere Vorstellungen davon, wie sie ihr Leben leben wollen. Das ist an sich nichts Negatives. Das Problem ist nur, dass es einen Überhang an Freiheitsansprüchen, Wünschen der Selbstgestaltung und damit verbunden der Konfliktbereitschaft gibt. Das bringt Spannungen mit sich, Reibereien, Konflikte, bis hin zu Hass, Ablehnung, Aggressionen. Es fehlen aber die nötigen Fähigkeiten und das Wissen, damit umzugehen.

Dazu geraten die Familien immer tiefer in den Sog der Konsumwelt, werden schwächer und ohnmächtiger. Das Konkurrieren um den Lebensstandard, die Verlockungen von draußen prägen die Einstellungen zum Leben, werden immer mehr zu beherrschenden Motiven.

Unter all diesen gesellschaftlichen Verhältnissen muss endlich die Frage gestellt werden, was die Familie in dieser neuen, werdenden Gesellschaft noch sein kann: eine bloße Wohngemeinschaft zur gegenseitigen emotionalen Befriedigung, eine Sozialisationsagentur, die die Vorstellungen der Konsumwelt an die Kinder vermittelt, eine heile Gegenwelt zur kalten Berufswelt ... oder vielleicht doch die kreative Stätte für neue menschliche Praktiken und Haltungen?

Offensichtlich warten wir aber auf die neuen Impulse der neuen Regierung vergebens. Denn der für Familien zuständigen obersten politischen Repräsentantin fällt nicht einmal zum "Internationalen Tag der Familie" etwas ein!

Was waren das noch für Zeiten - ein idyllisches Miteinander von Erwachsenen und Kindern, wohin man schaute! Auch wenn es nicht die eigenen waren, sondern solche für die Wahlplakate: Viktor Klima und Barbara Prammer in herzerwärmender Pose im Kindergarten, Jörg Haider mit Baby-Popos, Wolfgang Schüssel mit strahlenden Halbwüchsigen. Kinder, sie sind die Zukunft der Gesellschaft. Die Familie ist der Ort, wo sie gedeihen.

Und heute? Der Wahlkampf ist längst vorbei und ebenso das Interesse an Kindern und Familien. Wie sonst ist es zu erklären, dass der 15. Mai, der von der UNO ausgerufene "Internationale Tag der Familie", nach Auskunft ihres Büros "kein Thema" für die zuständige Sozialministerin Elisabeth Sickl (FPÖ) ist?

Wir erinnern uns auch noch an die schönen Grundwerte aus den Parteiprogrammen: Solidarität, Freiheit, Gerechtigkeit. Ja, doch! Aber wie werden sie verständlich gemacht? Wie vermittelt? Sie bleiben bloßes Blabla, wenn man nicht schon von Kindesbeinen an mitkriegt, was damit gemeint ist. Natürlich ist das heute nicht mehr so einfach: Familie, das ist nach gängiger Vorstellung immer noch eine Lebensgemeinschaft, in der es auch Kinder gibt. Das ist aber längst nicht mehr nur die Normfamilie mit Vater, Mutter, Kind und Trauschein. Wir haben Lebensgemeinschaften, Ein-Eltern-, Stief-, Fortsetzungs- und Multikulti-Familien.

Ein homosexuelles britisches Paar wurde vor einigen Monaten von einem amerikanischen Gericht als rechtmäßiges Elternpaar von Zwillingen anerkannt. Die Befruchtung (durch die Spermien beider Männer) erfolgte im Labor, das Ei wurde einer Leihmutter eingepflanzt. Das heißt, auch die genetischen (Erbmaterial) und biologischen (Austragung des Kindes) Dimensionen von Elternschaft werden sich drastisch ändern.

Ein Baby als Wellness-Erlebnis In Österreich ist das noch kein Thema. Bei uns gilt immer noch die traditionelle Familie mit ein bis zwei leiblichen Kindern als ideal. Heile Familienbilder kommen an. Da spielt es auch keine Rolle, dass es zwischen Wunsch und Wirklichkeit die bekannte Diskrepanz gibt: Nur ein Teil jener, die sich in Umfragen für Kinder und für Familie aussprechen, setzen ihre Sehnsüchte auch wirklich um. Gründe dafür gibt es viele, die Frage ist nur, wie werden sie bewertet?

Kinder zu haben war bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts eine Selbstverständlichkeit. Erst seit einiger Zeit wird auch abgewogen zwischen "Belastung" und "freudigem Glück", zwischen "in die Pflicht genommen werden" und dem Gefühl, vielleicht doch ein "Wellness-Erlebnis" zu versäumen, wenn man darauf verzichtet, ein Baby zu streicheln.

Tatsache ist - Frauen wollen heute nicht so einfach schwanger werden. Warum gegenüber den Männern zurückstecken in Ausbildung, Beruf, Karriere? Auch die Haltung zu einer lebenslangen Bindung ändert sich: Nichts dauert mehr ewig, die Liebe nicht und auch die Ehe nicht. Täglich sehen wir, wie leicht es ist, den Partner abzulegen. Geradezu cool und trendy. Aber Kinder - die sind noch ein Risiko. Warum also in die Zukunft investieren? Treue, Abhängigkeit, Verlässlichkeit - zählen nicht diejenigen zu den Dummen, die immer noch darauf zählen?

Stets wird suggeriert: Der Verzicht auf Kinder macht das Leben einfacher, bringt Mobilität, Unabhängigkeit, Selbstbestimmung. Irgendwie hat man dabei vergessen, dass das menschliche Leben jeden vor Aufgaben stellt. Manchmal ist die Erfüllung dieser Aufgaben beglückend. Manchmal nicht. Aber die Vorstellung, dass man das Glück sucht, indem man Aufgaben von vornherein abweist, ist neu. Wie damit umgehen?

In der Multi-Optionsgesellschaft von heute gibt es unterschiedliche Lebensmodelle mit unterschiedlichen Sinn- und Wertdimensionen. Nicht nur die Jungen müssen sich mit einer nie gekannten Fülle von Rollenangeboten und -zumutungen auseinandersetzen. Das ist anstrengend. Selbstfindung und Selbstorientierung sind wichtige Aufgaben der Lebensbewältigung geworden, mit den Auswüchsen wie Ich-Kult und Narzissmus.

Ein Überhang an Wünschen Die Gesellschaft ist offen und flexibel geworden. Auch das Familienleben findet nicht mehr in einem Gehäuse von vorgegebenen und anerkannten Regeln statt. Kinder erheben schon früh Unabhängigkeits-, Selbstverwirklichungs- und Durchsetzungsansprüche. Sie haben andere Vorstellungen davon, wie sie ihr Leben leben wollen. Das ist an sich nichts Negatives. Das Problem ist nur, dass es einen Überhang an Freiheitsansprüchen, Wünschen der Selbstgestaltung und damit verbunden der Konfliktbereitschaft gibt. Das bringt Spannungen mit sich, Reibereien, Konflikte, bis hin zu Hass, Ablehnung, Aggressionen. Es fehlen aber die nötigen Fähigkeiten und das Wissen, damit umzugehen.

Dazu geraten die Familien immer tiefer in den Sog der Konsumwelt, werden schwächer und ohnmächtiger. Das Konkurrieren um den Lebensstandard, die Verlockungen von draußen prägen die Einstellungen zum Leben, werden immer mehr zu beherrschenden Motiven.

Unter all diesen gesellschaftlichen Verhältnissen muss endlich die Frage gestellt werden, was die Familie in dieser neuen, werdenden Gesellschaft noch sein kann: eine bloße Wohngemeinschaft zur gegenseitigen emotionalen Befriedigung, eine Sozialisationsagentur, die die Vorstellungen der Konsumwelt an die Kinder vermittelt, eine heile Gegenwelt zur kalten Berufswelt ... oder vielleicht doch die kreative Stätte für neue menschliche Praktiken und Haltungen?

Offensichtlich warten wir aber auf die neuen Impulse der neuen Regierung vergebens. Denn der für Familien zuständigen obersten politischen Repräsentantin fällt nicht einmal zum "Internationalen Tag der Familie" etwas ein!