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Nach der Scheidung danken viele Väter ab

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Viele Männer wollen nach der Scheidung nichts mehr von ihren Kindern wissen. Die Besuche werden immer seltener. Manchmal hören sie sogar ganz auf. Was steckt hinter diesem Desinteresse? Was erleben die Kinder dabei?

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Viele Männer wollen nach der Scheidung nichts mehr von ihren Kindern wissen. Die Besuche werden immer seltener. Manchmal hören sie sogar ganz auf. Was steckt hinter diesem Desinteresse? Was erleben die Kinder dabei?

Ein guter Vater ist Wolfgang nie gewesen. Zwar war er, wie es heute ja üblich ist, bei der Geburt seiner Söhne „dabei”, nachher hat er sich aber kaum um sie gekümmert. „Wenn ich mich an ihn erinnere”, sagt seine Exfrau Erika Waldner*, „dann sehe ich ihn auf der Couch vor dem Fernseher liegen. Wehe, wenn ein Kind dann laut war! Da ist er sofort ausgeflippt! Bestenfalls durften die kleinen Buben mit fernsehen - egal ob gerade ,Derrick' oder ,Eis am Stiel' zu sehen war.”

Im Oktober 1989 trennte sich die heute 29jährige Friseurin von dem KFZ-Mechaniker Wolfgang, weil er zu dieser Zeit auch mit ihr nichts mehr anzufangen wußte.

Sohn Christoph war damals anderthalb, Markus viereinhalb Jahre alt. Seither zeigt der Vater überhaupt kein Interesse mehr an ihnen. Er hat sie weder besucht, noch angerufen, noch einen Brief oder ein Geschenk geschickt. Er scheint, seine Kinder einfach aus seinem Leben gestrichen zu haben. Wenn er ihnen zufällig auf der Straße begegnet, sieht er an ihnen vorbei. Nur eines tut er noch für sie -er zahlt Alimente, 9.800 Schilling im Monat. Am liebsten wäre es ihm, seine Frau würde wieder heiraten und der zweite Mann würde die Kinder adoptieren, dann könnte er sich sein Geld sparen.

Erika Waldner sagt, sie habe am Anfang alles getan, um den Kindern den Vater zu erhalten. „Ich habe meinen Exmann öfter angerufen und gefragt, ob er die Kinder nicht holen will. Denn ich hatte nach der Trennung große Probleme mit Markus. Obwohl er unter seinem Vater am meisten gelitten hatte, weil er ein sehr lebhaftes Kind ist, hat er ihn sehr vermißt. Immer wieder hat Markus gefragt: „Wann kann ich wieder zu meinem Papi?” Frau Waldner mußte das Kind dann auch noch trösten. Heute hat Markus aufgehört zu fragen.

Über jene Väter (es sind zirka fünf Prozent), die bei der Scheidung erbittert um das Sorgerecht für ihre Kinder kämpfen, ist schon viel geschrieben worden. Männer dagegen, die sie völlig im Stich lassen, machen nur selten Schlagzeilen. Dabei gibt es diese leider viel häufiger.

Als Soziologen zu Beginn der achtziger Jahre die Situation von Alleinerziehern untersuchten, stellten sie fest, daß von den Scheidungskindern 40 Prozent keinen Kontakt mehr zum weggezogenen Elternteil hatten. Meist war das der Vater. 87 Prozent aller Scheidungskinder wachsen bei der Mutter auf. Nur bei 27 Prozent ist die Beziehung zum Vater eng und herzlich geblieben. Zu einem ähnlichen Ergebnis führte eine Studie, die Anfang der neunziger Jahre gemacht wurde: 42 Prozent der Kinder sahen bereit zwei bis drei Jahre nach der Scheidung ihren Besuchselternteil überhaupt nicht mehr. In allen diesen Fällen hatte der andere Elternteil das alleinige Sorgerecht. Teilten sich Vater und Mutter das Sorgerecht, so war es nie zum Abbruch der Beziehung gekommen.

Daß ein Mann, der sich schon in Ehezeiten kaum um die Kinder gekümmert hat, sie nach der Trennung ganz fallen läßt, verwundert kaum. Aber auch Männer, die rührende Väter waren, können sich rasch von der Familie wegentwickeln. Das stellte die amerikanische Psychologin Judith Wallerstein fest, die die bisher umfangreichste Langzeitstudie über Scheidungsfamilien gemacht hat. Auf viele Männer treffe leider das Sprichwort zu: „Aus den Augen, aus dem Sinn.” Die Kinder hingegen bewahrten ihren Vätern über Jahre hinweg die Treue - „ob es ein guter, schlechter oder gleichgültiger Vater war, spielt dabei keine Rolle”.

Der Vater bleibt für sein Kind immer wichtig, egal wo er lebt und wie oft er sich blicken läßt. Das Kind hat von ihm nicht nur die Hälfte seiner Anlagen geerbt, sondern wird auch in seinem Charakter, seinen Wertvorstellungen und seinem Verhältnis zu anderen Menschen von seinem Vorbild geprägt sein. Im positiven oder im negativen Sinn: Ein Vater, der sich weiter um ein Kind bemüht, stärkt damit dessen Selbstwertgefühl und hilft ihm über die Scheidung hinweg. Ein Vater, der nichts mehr von seinem Kind wissen will, zerstört dessen Vertrauen in menschliche Beziehungen und fügt ihm eine weitere schwere Wunde zu. Tragisch ist, daß viele geschiedene Väter gar nicht wissen, was sie ihren Kindern bedeuten.

Monika war zwei Jahre alt, als sich ihre Eltern trennten. Sie hatten wegen des Babys geheiratet, und das hatte ihr Vater ihrer Mutter auch immer wieder vorgeworfen: Er fühlte sich von der Familie um sein Leben gebracht. Dabei nahm er kaum Rücksicht auf sie, ging nach wie vor zu Treffen mit Freunden und in seinen Freizeitclub. J

Zuletzt ging er auch noch fremd, so-daß er kaum mehr zu Hause war. Seine Frau ließ sich das nicht lange gefallen. Seine Tochter hing jedoch nach wie vor an ihm. In der ersten Zeit nach der Trennung holte der EDV-Fachmann Monika noch einmal im Monat zu sich. „Am Anfang hat er sich sogar viel Mühe gemacht, damit unsere Treffen schön wurden. Aber bald ließ sein Interesse an mir nach - die Besuche wurden für ihn zur lästigen Pflicht. Oft hatte er eine neue Freundin mit und reichte mich an seine Mutter weiter. Um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, gab er mir beim Nachhausebringen immer Geld. Bald kam ich nur noch deswegen - das nahm er mir dann übel. Häufig sagte er die wenigen Besuche eine Stunde vor dem Abholen einfach ab.”

Als Monika neun war, teilte der Vater mit, er werde nun gar nicht mehr kommen. Monika: „Ich habe tagelang geweint und in den zehn Jahren seitdem immer wieder versucht, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Aber er will einfach nicht. Es ist ein ganz schreckliches Gefühl, vom eigenen

Vater verstoßen worden zu sein.”

So schlimm für Kinder der totale Kontaktabbruch ist - fast genauso verletzt fühlen sie sich, wenn sie genau spüren, daß sie dem Vater eigentlich nicht mehr wichtig sind. Nicht immer, aber häufig besteht ein direkter Zusammenhang zur Zahl der Besuche: Sie werden immer seltener, und weil sie immer seltener werden, werden die Väter den Kindern immer fremder. Dieser Teufelskreis kann auch ursprünglich intakte Beziehungen ruinieren.

Hans Bergmann zum Beispiel war einmal ein guter Vater. In seiner Freizeit kümmerte sich der Ingenieur intensiv um Sonja, heute 16, und Liesa, zehn. Als die beiden noch klein waren, stand er nachts auf und trug ein schreiendes Baby stundenlang auf dem Arm herum oder ließ es auf seinem Bauch einschlafen. Er wickelte die Kinder auch, gab ihnen das Fläschchen und unternahm auch später viel mit ihnen.

Vor fünf Jahren verließ er seine Familie wegen einer anderen Frau, die er inzwischen geheiratet hat. Bereits bei der Scheidung weigerte er sich, sich auf eine Besuchsregelung von alle zwei oder vier Wochen festlegen zu lassen. Inzwischen sieht er seine Töchter vielleicht viermal im Jahr für einen Tag, obwohl sie nur zehn Kilometer entfernt wohnen und ihn immer wieder anrufen. In den Urlaub nimmt er sie schon lange nicht mehr mit. Seine Exfrau: „Er konzentriert sich ganz auf seine zweite Frau. Die Kinder sind ihm im Weg.”

Eine neue Liebe führt häufig dazu, daß sich alte Bindungen lockern. Umso wichtiger ist ein fester Besuchs-Rhythmus, und zwar von Anfang an. Manche Väter glauben, es wäre besser, sie würden ihr Kind nach der Trennung vorerst nicht sehen, damit es zur Ruhe kommen kann. Andere wieder fühlen sich hilflos und überfordert, weil sie an den Besuchstagen plötzlich allein mit ihrem Kind zusammen sind. Wieder andere haben Angst vor Auseinandersetzungen mit ihrer Exfrau oder mit einer neuen Partnerin.

Gerade nach Scheidungen brauchen Kinder jedoch die Gewißheit, daß ihr Vater sie noch liebt. Der Vater wiederum braucht die Möglichkeit, eine eigenständige Beziehung zum Kind aufzubauen. Wenn das in der ersten Zeit versäumt wird, ist es in späteren Jahren nur sehr schwer nachzuholen.

Die Mütter von Christoph, Markus, Monika, Sonja und Liesa gehören zu jenen Frauen, die nichts gegen den Kontakt ihrer Kinder zu ihrem Exmann hatten, die sich entlastet gefühlt hätten, wenn der Kontakt aufrecht geblieben wäre, und die mit ihren Kindern mitlitten, als dieser zu Ende ging. Nach Recherchen der Soziologinnen Cheryl Benard und Edit Schlaffer denken die meisten geschiedenen Frauen so.

Eine „neue Liebe” führt häufig dazu, daß sich die alten Bindungen lockern

Väter-Verbände hingegen glauben, daß es in der Regel die Mütter sind, die den Vater in die Rolle des „Rabenvaters” drängen. Natürlich gibt es im Zusammenhang mit Scheidungen viel Ärger mit den Exfrauen. Es gibt auch Mütter, die mit allen Mitteln zu verhindern suchen, daß ihr Kind die Beziehung zum verhaßten Ex-Ehepartner aufrechterhält. Die es nicht ertragen können, daß das Kind den Vater noch liebt. Sie versuchen sogar manchmal gerichtlich die Besuche des Vaters zu unterbinden und, wenn das nicht klappt, die Besuche mit Tricks zu unterlaufen.

Diese Frauen haben aber schon vom Gesetz her schlechtere Karten als alle Besuchsväter. Das Besuchsrecht wird nur aus ganz wichtigen Gründen gerichtlich eingeschränkt oder ganz ausgesetzt.

Auf der anderen Seite entspricht dem Besuchsrecht leider keine Besuchspflicht: Ein Vater, der wegbleibt, hat nichts zu befürchten.

Damit Männer erst gar nicht auf die Idee kommen, sich aus der Verantwortung zu stehlen, plädieren viele Experten dafür, daß bei einer Scheidung in Zukunft die Eltern nicht mehr in einen sorgeberechtigten und einen Besuchs-Elternteil aufgeteilt werden, sondern in der Regel gemeinsam das Sorgerecht behalten.

Zu diesen Experten gehört der Aachener Psychiater Andreas Plöger. Er glaubt zwar nicht, daß diese Rechtsform aus absolut desinteressierten Vätern plötzlich interessierte machen wird, aber er erwartet davon „ ganz an -dere psychodynamische Prozesse als beim einseitigen Sorgerecht”.

Wenn Väter wegbleiben, so schwingt oft die Absicht mit, ihre Exfrau zu verletzen. Das gelingt ihnen auch in vielen Fällen. Nur eines wird dabei leider übersehen: In allererster Linie schaden sie damit ihren Kindern!

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