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Familie einmal anders

Während die klassische Familie nach dem Schema Vater-Mutter-Kind immer seltener wird, nimmt die Zahl von Alleinerziehenden oder Patchworkfamilien zu. Ein kleines Kaleidoskop moderner Familienmodelle.

Unsere kleine Elisabeth Klara wird am Montag drei Wochen alt", freut sich Anna Tanzer über ihr drittes Kind. Während das Baby schläft, spielen der fünfjährige Johannes und die dreijährige Anna im Wohnzimmer. Die Couch verwandeln sie mit Pölstern und Decken in eine Wohnhöhle. "Mit dem dritten Kind werden wir manchmal als Exoten belächelt", sagt der junge Familienvater Harald Tanzer. Über Sprüche wie "Kinder statt Partys, gell?" oder "Warum tust du dir das an?" hat er sich hin und wieder ärgern müssen.

Seltene Großfamilie

Tatsächlich sind die Tanzers mit dieser Familiengröße heute in der Minderzahl. Nur jedes fünfte Kind stammt in Österreich aus einer Familie mit drei oder mehr Kindern. Selbst am Land, wie hier im Ybbstal, sei ein drittes Kind für viele nicht mehr nachvollziehbar. Berufliche Sicherheit und Selbstverwirklichung stünden für junge Menschen heute an erster Stelle. "Der Beruf genießt eben mehr gesellschaftliches Ansehen als Kinder", glaubt die dreifache Mutter. Die Angst, nach der Babypause nicht mehr in den Job zurückkehren zu können, sei trotz Kündigungsschutz bei vielen Frauen in der Privatwirtschaft vorhanden. "Als Lehrerin ist es für mich hoffentlich einfacher, wieder in den Beruf einsteigen zu können", meint die junge Mutter.

Die drei Wunschkinder gehören für das junge Lehrerehepaar untrennbar zum Familienglück. "Man freut sich über jeden Entwicklungsschritt der Kleinen", so Anna Tanzer. Das eigene Leben erscheint für sie durch die Kinder sinnvoller, und auch die Beziehung zum Partner werde gefestigt. Die Kinder bei Bedarf einem Babysitter anzuvertrauen, kommt für die beiden nicht in Frage. Auch wenn es für sie meist unmöglich wird, abends auszugehen, betreuen die jungen Eltern ihre Kinder rund um die Uhr selber. "Ich glaube, dass es für die Kleinste schwer wäre, wenn in der Nacht nicht die Mama oder der Papa ans Bett kommt", meint Anna Tanzer.

Schwieriges Alleinsein

Von so viel Zuwendung beider Elternteile können viele Kinder in Österreich nur träumen. Laut einer Studie des österreichischen Instituts für Familienforschung lebte im Jahr 2000 bereits mehr als ein Fünftel aller Kinder bei einem allein erziehenden Elternteil Kein Wunder: Schließlich beträgt die Scheidungsrate in Österreich mittlerweile 43,2 Prozent.

Eine der rund 300.000 allein erziehenden Mütter und Väter ist Karin Reisinger. Mit ihren Kindern lebt die 28-Jährige in einer Altbauwohnung in Wien. "Momentan ist es ja ruhig, weil Niklas und Lina in der Kindergruppe sind", sagt die junge Mutter. Gegen zehn Uhr bringt sie wochentags ihre fünf und zwei Jahre alten Sprösslinge in die von Eltern mitorganisierte Spielgruppe des Wiener Werkstätten- und Kulturhauses (WUK). Seit September hilft sie auch selber in der Kinderbetreuung mit.

Über zwei Jahre hat Karin Reisinger mit Frank, dem Vater von Niklas, zusammengelebt, bis es zwischen den beiden nicht mehr stimmte. Die Zeit nach der Trennung sei schwierig gewesen: "Ich habe Angst gehabt, dass er zu hohe Ansprüche stellt und Niklas sehr oft sehen will." Bald nach der Trennung wurde die damals 25-Jährige wieder schwanger und brachte eine Tochter zur Welt - Lina. Doch aus der erhofften neuen Beziehung wurde nichts. Bis heute hat sie zu Linas Vater kaum Kontakt. "Diese zweite Schwangerschaft war sicher die schwierigste Zeit für mich", erinnert sie sich heute. Doch von Freunden und von der eigenen Familie bekam sie volle Unterstützung: "Mein Vater hat damals die ganze Nachbarschaft zusammengetrommelt und gesagt, jeder soll den anderen annehmen, wie er ist." Finanziell kommt Karin Reisinger dank der Fördergelder von Stadt Wien, Kinderbetreuungsgeld und Zuschuss für Alleinerzieher ganz gut über die Runden.

Mittlerweile hat sich das Leben der jungen Familie gut eingespielt. Besonders froh ist sie darüber, dass die Kindererziehung zur gemeinsamen Sache mit ihrem Expartner Frank geworden ist. Zwischen schief gelaufener Beziehung und Kindererziehung macht sie eine klare Trennlinie. "Was wir jetzt leben, ist ein respektvoller Umgang miteinander", meint sie. Frank kommt drei- bis viermal in der Woche vorbei, um die Kinder zu sehen. Wenn sich die junge Mutter einmal mit einer Freundin einen Kinoabend gönnen will, bleibt er bei den Kleinen über Nacht. Dabei ist für sie klar, dass Frank auch für Lina die Vaterrolle übernimmt. Karin Reisinger ist überzeugt, dass der richtige Zeitpunkt kommt, der Kleinen die Wahrheit über ihren richtigen Papa zu sagen.

Netzwerk Familie

Der Schritt zu einer neuen Beziehung - und damit zur so genannten Patchworkfamilie - ist für allein erziehende Eltern oft gerade wegen der Kinder schwierig. Auch für Silvia Danninger war es nicht leicht. Die Lebens- und Sozialberaterin hat vor drei Jahren ihren neuen Freund Johannes kennen gelernt. "Ein Fleckerlteppich ist bunt, hat viele Muster und wirkt lebendig", sagt Silvia Danninger und vergleicht damit ihre Patchwork-Familie mit einem gewobenen Teppich. Aus ihrer 18 Jahre langen Ehe brachte sie ihre zwei Kinder, den 14-jährigen Dominik und die 17-jährige Corinna, in die neue Partnerschaft mit. Ihr neuer Freund hatte keine Kinder. Erziehungsfragen bespricht sie mit ihrem Ex-Mann, zu dem sie eine gute Gesprächsbasis pflegt. Die Kinder sehen ihren leiblichen Vater einmal pro Woche.

Ihre neue Paarbeziehung hat wunderschön begonnen. "Ich hab' es genial gefunden, wie mein neuer Freund mit Dominik im Keller Modellautos gebastelt hat", erinnert sich die 41-jährige Mutter. Nach und nach stellte sich die Eingliederung ihres neuen Partners in die Familie aber als gar nicht einfach heraus. Die Probleme häuften sich. Wenn Dominik etwa das Werkzeug nicht an den richtigen Platz zurücklegte, bot das Konfliktstoff. Dominik zog sich daraufhin immer mehr zurück.

Patchwork als Chance

Peter Scheer - Arzt, Buchautor (siehe Tipp) und selbst Vater in einer Patchworkfamilie - kennt solche Konfliktherde: "Das häufigste Problem ist, dass sich der nicht blutsverwandte Partner polizistenartig in die Familie einmischt." Es sei zwar in Patchworkfamilien schön, viele Leute kennen zu lernen, dennoch hält er es für eine Illusion, zu den nicht eigenen Kindern eine ideale Beziehung aufbauen zu können.

Silvia Danninger ist heute klar, dass sie zu schnell in die neuen Beziehung gegangen ist. Vor allem die Kinder wurden dadurch überfordert. Ihre eigenen Erfahrungen gibt die Lebensberaterin deshalb nun in Kursen und Einzelberatungen weiter. Für kommenden Jänner plant sie die Gründung eines Patchwork-Familien-Services nach Grazer Vorbild in Wien.

Trotz der Herausforderungen sieht sie das Leben in der Patchworkfamilie auch als Chance für ihre Kinder: "So lernen sie bereits in der Familie, sich in einer vielfältigen Welt zurechtzufinden."

BUCHTIPP:

Meine . Deine . Unsere

Leben in der Patchworkfamilie

Von Peter Scheer und Marguerite

Dunitz-Scheer. Falter Verlag, Wien 2002, 260 Seiten, TB, e 22,-

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