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Adoption hilft nicht nur den Kindern

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In Österreich warten mehrere hundert Eltern auf ein Kind, das sie adoptieren wollen: in Österreich herrscht ein großer Mangel an Adoptionskindern. Über 2000 Kinder wurden in den letzten vier Jahren in Österreich adoptiert - Kinder mit ursprünglich gestörten Familienverhältnissen wachsen nun in einer geordneten Familiengemeinschaft auf.

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In Österreich warten mehrere hundert Eltern auf ein Kind, das sie adoptieren wollen: in Österreich herrscht ein großer Mangel an Adoptionskindern. Über 2000 Kinder wurden in den letzten vier Jahren in Österreich adoptiert - Kinder mit ursprünglich gestörten Familienverhältnissen wachsen nun in einer geordneten Familiengemeinschaft auf.

Die heute fünfjährige Christine hat schwere Zeiten hinter sich. Ihre Mutter lief von zu Hause davon und lebt heute mit einem anderen Mann. Ihr Vater war berufstätig und eine neue Frau trat in sein Leben, die sich mit Christine nicht verstand. Vor die Alternative „Frau oder Kind“ gestellt, entschied sich ihr Vater für die Frau und gab Christine zur Adoption frei. Mit acht Monaten kam sie in ein Heim, mit zweieinhalb wurde sie an Adoptiveltern vermittelt. Heute ist sie fünf und lebt wieder in geordneten Verhältnissen, in einer Familie, in der sie sich wohlfuhlt.

Christine ist nur ein Beispiel für viele. Allein in Wien wurden in den letzten vier Jahren 367 Minderjährige adoptiert, 2213 in ganz Österreich. Von Ausländern adoptierte österreichische Kinder eingeschlossen. Ausländische Kinder werden in Österreich nicht adoptiert, die Herkunftsländer potentieller Adoptivkinder lassen es nicht zu. Darum, ist etwa die Adoption jugoslawischer Gastarbeiterkinder bei uns nicht möglich. Die Freigabe zur Adoption ist Folge einer Vielzahl verschiedenster, meist trauriger Schicksale: Vernachlässigung durch die Eltern, deren Unfähigkeit zur Erziehung, inhaftierte Eltern. Streit- und Alkoholikermilieu spielen genauso eine Rolle wie Studentinnen, die mit ihrem Freund einmal

„nicht aufgepaßt“ haben und die Adoptionsfreigabe einer Abtreibung vorziehen.

Ein Kind adoptieren kann in Österreich jedes Ehepaar, vorausgesetzt, der Mann hat das dreißigste Lebensjahr vollendet und die Frau das achtundzwanzigste. Ferner wird geistige, seelische und sittliche Eignung vorausgesetzt. Potentielle Adoptiveltern werden psychologischen Tests unterzogen. Die Auswahl - welches Kind für welches Ehepaar in Frage kommt - wird durch die zuständigen Jugendämter vorgenommen, in Wien ist die Magistratsabteilung 11 (Jugendamt) dafür zuständig. Nach einer gewissen, von Fall zu Fall verschiedenen Probezeit wird die Adoption rechtlich unter Dach und Fach gebracht. Auch die Armut der leiblichen Eltern spielt bei einer Freigabe zur Adoption oft eine ausschlaggebende Rolle, wie folgender Fall beweist. Die heute zehnjährige Brigitte hatte eine tschechische Tänzerin als Mutter. Als diese als politischer Flüchtling nach Österreich kam, konnte sie ihre damals noch kleine

Tochter einfach nicht mehr erhalten und gab sie daher schweren Herzens frei. Brigitte wufde von einem österreichischen Ehepaar adoptiert, das sich ein intelligentes Kind mit musischer Veranlagung wünschte. Brigitte begann mit vier Jahren zu fragen, woher sie eigentlich komme. Zugleich mit der Sexualaufklärung wurde ihr von den Adoptiveltern beigebracht, daß sie adoptiert wurde. „Sie hat sich alles sehr oft erzählen lassen“, sagt der jetzige Vater, „Probleme gab es keine.“

Adoptivkinder sind genauso oft krank wie andere, vorausgesetzt, ein

„Die Adoption jugoslawischer Gastarbeiterkinder ist bei uns nicht möglich“ etwaiger Heimaufenthalt hat nicht zu lange gedauert. Denn Menschen, die in einem Kinderheim mit wenig persönlichem Kontakt zu Erwachsenen aufgewachsen sind, haben etwa im Durchschnitt einen geringeren Intelligenzquotienten (IQ) als solche, die unter normalen Verhältnissen gelebt haben.

Eine Vergleichsgruppe von Kindern hatte ihre ersten drei Lebensjahre in einem Heim verbracht, Buben und Mädchen einer anderen Gruppe wurden schon im ersten Lebensjahr adoptiert. Die erste Gruppe hatte im Durchschnitt um 20 IQ-Punkte weniger, auch ihre sprachlichen Fähigkeiten waren schwächer ausgebildet. In den weiteren Untersuchungsstadien zeigte sich dann aber eine entscheidende Besserung: Je länger die Kinder bei ihren Adop-tivfamilien lebten, um so mehr IQ-Punkte holten sie im Laufe der Zeit auf. Und je kürzer der Heimaufenthalt gedauert hat, um so besser sind die Chancen, aufzuholen. Die beste Adoptionszeit ist auf jeden Fall vor dem achten Lebensmonat, in dem die sogenannte 8-Monat-Angst eintritt (das Kind wird ab diesem Zeitpunkt Fremden gegenüber abweisend).

Der Grund, warum Ehepaare Kinder adoptieren, ist meist die Unmöglichkeit, eigene Kinder zu bekommen. In Österreich herrscht aber ein Kleinkindermangel. In jedem Bundesland warten viele Eltern auf Kinder. Einer der Hauptgründe, warum so wenig Kinder adoptiert werden können, ist die Pille. Hofrat Berger von der Jugendfürsorge der Niederösterreichischen Landesregierung: „Die Kinder, die heute auf die Welt kommen, sind Wunschkinder.“

Eine große Zahl holländischer Familien hat sich für österreichische Kinder angemeldet, österreichischen Familien wird jedoch der Vorzug gegeben. In Österreich schwer zu vermittelnde Kinder - die also körperliche oder geistige Schäden aufweisen - werden von den zuständigen Landesregierungen ins Ausland weitervermittelt. Hier kommen dann die Holländer zum Zug, dort scheint man behinderte Kinder eher in Kauf zu nehmen als bei uns.

Trotz des Mangels an Adoptivkindern ist die Bereitschaft, ein ungeborenes unerwünschtes Kind auf die Welt zu bringen und zur Adoption freizugeben, statt es abzutreiben, in Österreich jedoch nicht weit verbreitet. So werden nach Schätzungen von Fachleuten ift Österreich jährlich 120.000 Ungeborene abgetrieben, und möglichst so, daß im Bekanntenkreis nur ja keiner etwas davon erfährt. Entschließt sich eine Mutter jedoch zur Adoptionsfreigabe, stößt sie auf Unverständnis und oftmals sogar Haß. Es soll vorkommen, daß selbst Ärzte und Hebammen im Spital Sätze wie „Sie sind mir vielleicht eine Rabenmutter!“ oder „Sie sollten sich was schämen!“ aussprechen -was natürlich die Mutter in schwere Gewissenskonflikte stürzt. In einer Untersuchung („Projekt Adoptivkinder“ von Leirer-Laburda, Institut für Grundlagenforschung) heißt es: „In praktisch allen Fällen wird die leibliche Mutter des Adoptivkindes negativ bewertet. Die Beurteilung

„Die Kinder, die heute in Österreich auf die Welt kommen, sind Wunschkinder“ reicht von Verantwortungslosigkeit bis hin zu Unmenschlichkeit, Fehlen von mütterlichen und weiblichen Instinkten, Schlampe und noch ärgeren Ausdrücken!“ Die Gesellschaft - also wir alle - scheint in dieser Hinsicht eine fragwürdige Moral an den Tag zu legen, wenn wir eine Frau verurteilen, die ihr Kind in guten Verhältnissen aufwachsen läßt, statt es zu töten.

„Ich treibe mein Kinder lieber ab, bevor ich eine Beziehung dazu bekomme. Es zur Adoption freizugeben - das bringe ich nicht übers Herz!“ Dieser Satz ist sinngemäß in der Beratungsstelle des Vereines „Rettet das Leben“ immer wieder zu hören. Trotzdem entschließen sich immer mehr Frauen, ihr Kind zur Adoption freizugeben - aber die Zahl ist gering. 72 Prozent der in Wien vermittelten Kinder sind Ungeborene sowie Säuglinge, 16 Prozent Kleinkinder zwischen ein bis sechs Jahren, nur 12 Prozent Schulkinder. Je älter das Kind ist, um so schwieriger ist sowohl die Anpassung des Kindes an die neuen Eltern wie auch die Er-ziehbarkeit. Ein Fünfzehnjähriger läßt sich nun einmal nicht mehr „zurechtbiegen“. In diesem Zusammenhang spielt auch der Heimaufenthalt eine große Rolle. Die Entbehrung einer fixen Bezugsperson im Kindesalter prägt das Wesen entscheidend mit.

Margarete Bründl vom Zentralkinderheim der Stadt Wien: „Die Bezugsperson in einem Heim ist nicht so konstant wie in einer ordentlichen Familie. Dennoch kommen hier im Zentralkinderheim auf eine Gruppe mit sieben bis acht Kindern zwei sich abwechselnde Bezugspersonen, vom zusätzlichen Personal abgesehen.“ Daher ist es wichtig, die in Heime eingelieferten Kinder möglichst rasch weitervermitteln zu können. Sobald ein Kind freigegeben wird, geht es ziemlich rasch: Es wird von den zukünftigen Eltern im Heim besucht, nach einer von Fall zu Fall un-

„Je länger die Kinder bei ihren Adoptivfamilien leben, um so mehr IQ-Punkte holen sie im Laufe der Zeit auf terschiedlichen Zeit darf es zu seiner neuen Familie. Der Adoptionsvertrag zwischen Adoptiveltern und Jugendamt wird unterzeichnet. Die leibliche Mutter verliert mit diesem Zeitpunkt beinahe alle Ansprüche an ihrem Kind. Fast alle. Denn rein theoretisch muß das Kind von Gesetzes wegen später einmal sowohl die Adoptiv- wie auch die leiblichen Eltern ernähren, wenn sie in Not sind, was in der Praxis schon deshalb kaum vorkommt, weil die leibliche Mutter nicht weiß, wer ihr Kind adoptiert hat.

Der Adoptionsvorgang erfordert nicht viel mehr als einen Behördenweg zum Jugendamt und manchmal zum Kinderheim. Die Gesamtkosten belaufen sich auf 570 Schilling für Stempelgebühren. 570 Schilling, durch die ein kleines Kind adoptiert wird. „Ich habe mit den zuständigen Stellen nur gute Erfahrungen gemacht“, meint der Adoptivvater der zehnjährigen fröhlichen Brigitte. Adoption ist nicht auf Minderjährige beschränkt, 1977 wurden in Österreich 218 Erwachsene adoptiert. Ein Wiener Anwalt hat hintereinander sechs Kinder adoptiert. Sie sind alle gesund, verstehen sich untereinander und sind in geordneten Verhältnissen aufgewachsen.

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