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Familiennachwuchs mit schwerem Gepäck

Pflegefamilien wird viel abverlangt. Experten fordern eine bessere Betreuung der "zweiten Eltern" und eine Anerkennung als Profession.

Ein Kind aus seiner Familie zu nehmen, ist ein schicksalhafter Eingriff, eine enorm schwierige Entscheidung. Aber wenn es sein muss, dann braucht man eine überzeugende Alternative für das Kind", sagt Friedrich Ebensperger, Geschäftsführer des Pflegeelternvereins Steiermark. Und genau diese Alternative ist ein rares Gut. In vielen Bundesländern herrscht mehr oder weniger dringender Bedarf an Pflegeeltern.

"Eine gescheite Alternative hat man aber nur, wenn man kontinuierlich an einem Pool von Pflegeeltern arbeitet", sagt Ebensperger. Das geschehe in der Steiermark zu wenig, moniert der Psychotherapeut, dessen Verein potentielle und bereits aktive Pflegeeltern schult und betreut. Darum habe man zu oft nicht die passende Familie für das Kind und umgekehrt. "Das Resultat ist dann oft ein Kompromiss, der nicht immer zufrieden stellt." Nicht selten eine Ursache dafür, warum ein Pflegeverhältnis nicht gut funktioniert und schlimmstenfalls sogar abgebrochen werden muss; was einen weiteren Abbruch im Leben eines ohnedies traumatisierten Kindes bedeutet.

Was also tun? Mehr in Öffentlichkeitsarbeit und Prävention investieren, meint Ebensperger. "Nicht erst die Feuerwehr erfinden, wenn es brennt." Das Jugendamt habe aber zu viele Aufgaben, zu wenig Zeit und Geld für langfristige präventive Arbeit.

Trotzdem: "Die Situation ist ein bisschen besser als in anderen Bundesländern. Es starten 40 neue Pflegeeltern pro Jahr. Das ist nicht genug, aber nicht wenig", sagt er. Für circa 30 bis 50 Kinder pro Jahr wird ein Platz in einer Pflegefamilie gesucht, so seine Schätzung. Von den rund 2000 Kindern, die insgesamt in der Steiermark außerhalb der Familie untergebracht sind, fanden circa 1100 in Pflegefamilien einen Platz. Die restlichen 900 in Einrichtungen. Diese Kinder haben schon so viel mitgemacht, dass sie schwer in Familien integrierbar sind. Besonders für Kinder unter sechs Jahren wird versucht, eine Ersatzfamilie zu finden.

"Die Familien müssen auch besser begleitet werden", mahnt Ebensperger. "Kommt ein Kind in eine Einrichtung, wird es speziell betreut. Kommt aber dasselbe Kind in eine Familie, wird davon ausgegangen, dass diese das schon schafft." Der Pflegeverein, ein freier Jugendwohlfahrtsträger, bemühe sich zwar, die Familien bestmöglich zu betreuen, aber alle so zu begleiten, wie es sein sollte, schaffe der Verein mit den jetzigen Ressourcen nicht. Aber, fügt Ebensperger hinzu, die Situation sei in anderen Bundesländern noch schlechter. Das kann Sonja Schachtner nur bestätigen: "In Salzburg gibt es gar keinen Verein, der Pflegeeltern betreut", sagt die Sozialarbeiterin und Psychotherapeutin bei Pro Juventute Salzburg. In allen Bundesländern außer Salzburg und dem Burgenland sind Vereine tätig, die Pflegefamilien langfristig begleiten. "Im Vorbereitungsseminar werden die Eltern zwar professionalisiert, dennoch ist die konkrete Situation mit einem Kind immer sehr individuell, und es treten häufig Unsicherheiten im Umgang mit dem neuen Kind nach der Unterbringung auf", berichtet Schachtner, die im Auftrag der Landesregierung Vorbereitungsseminare für "werdende" Pflegeeltern durchführt. In einer Umfrage mit Pflegeeltern wurde ebenso der Bedarf nach mehr Betreuung erhoben. Nur einmal im Jahr ist eine Überprüfung durch das Jugendamt vorgeschrieben; die Kontaktfrequenz mit der Familie dazwischen variiert laut Umfrage von ausreichend bis dürftig. Kontrolle und Begleitung würde sich aber nicht vertragen, wie auch Ebensperger in diesem Zusammenhang anmerkt.

Sollte es also zwischen Jugendwohlfahrt und Pflegekindwesen eine Trennung geben, wie sie in Vorarlberg als einzigem Bundesland vor elf Jahren erfolgte? "Es gibt Bestrebungen, dieses Modell österreichweit umzusetzen", sagt Karl Pokorny, Obmann des Bundesverbandes der österreichischen Pflege-, Adoptiv- und Tageselternvereine und stellvertretender Leiter des Voralberger Kinderdorfes. Aber, schränkt er ein, in Vorarlberg gebe es dahingehend eine andere Tradition; und Ausgliedern würde auch Einblicke in die Behörde ermöglichen. "Ziel der völligen Ausgliederung war die Steigerung der Qualität und Professionalität im Pflegeelternbereich. So konnte sich die Jugendwohlfahrt mehr auf Prävention konzentrieren", sagt Pokorny. Es gebe zurzeit genügend Pflegeeltern im Ländle. Der freie Träger, das Kinderdorf, setzt auf Service-Orientierung. "Wir sind direkt in den Familien", erklärt er.

Pflegeeltern als Beruf

Eine Anstellungsmöglichkeit wie etwa in Wien oder Oberösterreich gibt es in Vorarlberg nicht. Es kann ein freier Dienstvertrag, der eine Kranken-, Unfalls- und Pensionsversicherung umfasst, abgeschlossen werden; diese Möglichkeit wird von einem Viertel der Eltern in Anspruch genommen. In Oberösterreich und in Wien gibt es für die Pflegemutter oder den Pflegevater die Möglichkeit, sich über einen Verein anstellen zu lassen (Verein Pflege- und Adoptiveltern Oberösterreich und Eltern für Kinder Österreich in Wien). Ziel der Anstellung ist vor allem die Qualitätssicherung, sozialrechtliche Absicherung der Eltern, Professionalisierung und gesellschaftliche Aufwertung der anspruchsvollen Tätigkeit.

Zusätzlich zum Pflegegeld (ab 462 Euro, nach Alter gestaffelt) wird ein Gehalt ausbezahlt, das etwas über der Geringfügigkeitsgrenze liegt (ca. 343 Euro) und auch eine Arbeitslosenversicherung umfasst. Diese ist nicht unwesentlich, wenn etwa Kinder nach einigen Jahren doch wieder zu ihren leiblichen Eltern zurückgehen können.

www.pflegekinder.at

In Zahlen

Im Jahr 2006 lebten 4341 Kinder in Pflegefamilien, 1235 von diesen waren jünger als fünf Jahre. Insgesamt 20.793 Kinder und Jugendliche erhielten Unterstützung durch die Jugendwohlfahrt in ihren Familien. 9862 mussten im Rahmen der "vollen Erziehung" bei Pflegeeltern, in sozialpädagogischen Wohngemeinschaften, in Kinder- und Jugendheimen oder in Kinderdörfern untergebracht werden. Geschätzte 80 Prozent der Kinder bleiben dauerhaft in der Pflegefamilie. Im Vergleich zu 2005 stieg die Zahl jener Kinder, deren Eltern bei der Erziehung unterstützt werden mussten, um 6,9 Prozent an, die Rate der "vollen Erziehung" sank um 1,8 Prozent.

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