#Ursehnsucht

Die Ursehnsucht

Papa - © Foto: iStok / DGLimages
Gesellschaft

„Ein Gefühl im Hier und Jetzt“

1945 1960 1980 2000 2020

Kinder- und Jugendpsychiater Karl Heinz Brisch über Vertrauen in den ersten Lebensjahren und die Notwendigkeit staatlich finanzierter Krippenplätze.

1945 1960 1980 2000 2020

Kinder- und Jugendpsychiater Karl Heinz Brisch über Vertrauen in den ersten Lebensjahren und die Notwendigkeit staatlich finanzierter Krippenplätze.

Der Kinder- und Jugendpsychiater Karl Heinz Brisch ist Vorstand des weltweit ersten Lehrstuhls für „Early Life Care“ und leitet das gleichnamige Forschungsinstitut in Salzburg. Ein Gespräch über Bindung, Beziehung und Sicherheit – und die Notwendigkeit, in Österreich entwicklungsförderliche Kinderkrippen zu etablieren.

DIE FURCHE: Herr Brisch, wann fühlt sich ein Mensch geborgen?
Karl Heinz Brisch: Wenn er sich emotional sicher fühlt. Geborgenheit geht einher mit einer stabilen Bindung.

DIE FURCHE: Gilt diese Definition für Kinder und Erwachsene gleichermaßen?
Brisch: Ja und nein. Ein Erwachsener braucht, wie ein Kind, Bezugspersonen, bei denen er Schutz suchen kann, wenn er unsicher ist oder Angst hat. Allein durch die Imagination der Person kann innerlich ein Gefühl von Geborgenheit aufkommen. Bei Kindern geht das nur live. Bis ins Grundschulalter sind sie darauf angewiesen, dass die Bindungsperson auch real anwesend ist, um sie in angstvollen Situationen zu beruhigen.

DIE FURCHE: Welche Rolle spielt Geborgenheit für unsere Entwicklung?
Brisch: Aus Sicht eines Kinderpsychiaters und Psychotherapeuten spielt sie die wichtigste. Geborgenheit schafft Urvertrauen. Das brauche ich vor allem, wenn mir Negatives widerfährt. Jobverlust, Scheidung, ein schwerer Schicksalsschlag – die einen stehen danach wieder auf, andere zerbrechen daran. Zu welcher Gruppe wir gehören, hängt damit zusammen, wie viel Schutz und emotionale Sicherheit wir in der Kindheit erfahren haben.

DIE FURCHE: Urvertrauen versus Geborgenheit. Worin liegt der Unterschied?
Brisch: Geborgenheit ist ein Gefühl im Hier und Jetzt und wird verinnerlicht. Da geht es viel um Erinnerung. Wir erinnern uns daran, wie wir mit der Mama auf der Couch ein Bilderbuch angeschaut haben, an ihren Geruch, an die Stimmung. Wir erinnern uns an die Beruhigung, die wir erfahren haben, bevor wir mit einem uns vertrauten Schlaflied in den Schlaf gefunden haben. Urvertrauen ist ein tiefes Fundamentgefühl. Es macht den Unterschied, ob jemand resilient ist, oder nicht. Das ist wie bei einem Haus. Ein Gebäude braucht ein stabiles Fundament, das allen Widrigkeiten standhält. Selbst wenn der obere Teil wegbricht, gibt es eine Basis, auf der man aufbauen kann.

DIE FURCHE: Sie bezeichnen Schutz und Sicherheit in der Kindheit als Garanten für eine gesunde Entwicklung. Wer kann oder muss das gewährleisten?
Brisch: Die bevorzugte Bezugsperson des Kindes. In erster Linie denke ich dabei an Mutter und / oder Vater. Denkbar ist auch eine dritte Person, die emotional verfügbar ist.

DIE FURCHE: Also auch die Oma, der Onkel oder die Pädagogen in der Kinderkrippe?
Brisch: Die Person muss sich auf die Beziehung zum Kind einlassen können, besonders wenn das Kind Angst hat, Schmerzen erleidet und Sicherheit sucht. Für eine individuelle emotionale Versorgung fehlen in Kinderkrippen meist die Ressourcen.

Der Kinder- und Jugendpsychiater Karl Heinz Brisch ist Vorstand des weltweit ersten Lehrstuhls für „Early Life Care“ und leitet das gleichnamige Forschungsinstitut in Salzburg. Ein Gespräch über Bindung, Beziehung und Sicherheit – und die Notwendigkeit, in Österreich entwicklungsförderliche Kinderkrippen zu etablieren.

DIE FURCHE: Herr Brisch, wann fühlt sich ein Mensch geborgen?
Karl Heinz Brisch: Wenn er sich emotional sicher fühlt. Geborgenheit geht einher mit einer stabilen Bindung.

DIE FURCHE: Gilt diese Definition für Kinder und Erwachsene gleichermaßen?
Brisch: Ja und nein. Ein Erwachsener braucht, wie ein Kind, Bezugspersonen, bei denen er Schutz suchen kann, wenn er unsicher ist oder Angst hat. Allein durch die Imagination der Person kann innerlich ein Gefühl von Geborgenheit aufkommen. Bei Kindern geht das nur live. Bis ins Grundschulalter sind sie darauf angewiesen, dass die Bindungsperson auch real anwesend ist, um sie in angstvollen Situationen zu beruhigen.

DIE FURCHE: Welche Rolle spielt Geborgenheit für unsere Entwicklung?
Brisch: Aus Sicht eines Kinderpsychiaters und Psychotherapeuten spielt sie die wichtigste. Geborgenheit schafft Urvertrauen. Das brauche ich vor allem, wenn mir Negatives widerfährt. Jobverlust, Scheidung, ein schwerer Schicksalsschlag – die einen stehen danach wieder auf, andere zerbrechen daran. Zu welcher Gruppe wir gehören, hängt damit zusammen, wie viel Schutz und emotionale Sicherheit wir in der Kindheit erfahren haben.

DIE FURCHE: Urvertrauen versus Geborgenheit. Worin liegt der Unterschied?
Brisch: Geborgenheit ist ein Gefühl im Hier und Jetzt und wird verinnerlicht. Da geht es viel um Erinnerung. Wir erinnern uns daran, wie wir mit der Mama auf der Couch ein Bilderbuch angeschaut haben, an ihren Geruch, an die Stimmung. Wir erinnern uns an die Beruhigung, die wir erfahren haben, bevor wir mit einem uns vertrauten Schlaflied in den Schlaf gefunden haben. Urvertrauen ist ein tiefes Fundamentgefühl. Es macht den Unterschied, ob jemand resilient ist, oder nicht. Das ist wie bei einem Haus. Ein Gebäude braucht ein stabiles Fundament, das allen Widrigkeiten standhält. Selbst wenn der obere Teil wegbricht, gibt es eine Basis, auf der man aufbauen kann.

DIE FURCHE: Sie bezeichnen Schutz und Sicherheit in der Kindheit als Garanten für eine gesunde Entwicklung. Wer kann oder muss das gewährleisten?
Brisch: Die bevorzugte Bezugsperson des Kindes. In erster Linie denke ich dabei an Mutter und / oder Vater. Denkbar ist auch eine dritte Person, die emotional verfügbar ist.

DIE FURCHE: Also auch die Oma, der Onkel oder die Pädagogen in der Kinderkrippe?
Brisch: Die Person muss sich auf die Beziehung zum Kind einlassen können, besonders wenn das Kind Angst hat, Schmerzen erleidet und Sicherheit sucht. Für eine individuelle emotionale Versorgung fehlen in Kinderkrippen meist die Ressourcen.

Wenn es sich Eltern leisten können, plädiere ich dafür, dass sie sich im ersten Lebensjahr ausreichend Zeit lassen, um mit ihrem Kind eine sichere Bindung aufzubauen.

DIE FURCHE: Sind Sie grundsätzlich gegen eine Betreuung in der Kinderkrippe?
Brisch: Zumindest bin ich kritisch. Die Rahmenbedingungen hierzulande sind schwierig bis schlecht. Zu viele Kinder müssen schon in ihrem ersten Lebensjahr von zu wenig Betreuern und Betreuerinnen versorgt werden. Hinzu kommt, dass das Personal in Kinderkrippen nicht konstant ist. Stichwort Schichtdienst und Teilzeit. Hinzu kommt die hohe Personalfluktuation.

DIE FURCHE: Um Beruf und Familie miteinander vereinbaren zu können, sind die meisten Eltern auf die vorhandenen Betreuungsangebote angewiesen.
Brisch: Ein Dilemma und ein gesellschaftspolitisches Armutszeugnis gleichermaßen. Die Qualität in Kinderkrippen lässt zu wünschen übrig. Was uns der Staat an Rahmenbedingungen zur Verfügung stellt, sprich finanziert, gefährdet nicht selten das Kindeswohl. Sehr zum Leidwesen vieler Krippenpädagogen, die gerne unter besseren Bedingungen arbeiten würden. Dennoch sind viele Eltern gezwungen, sich darauf einzulassen. Vor allem in Großstädten. Um bei den hohen Mietpreisen als Familie überleben zu können, müssen oft beide arbeiten.

DIE FURCHE: Was wäre die Alternative?
Brisch: Ein Kind hat ein Recht auf die allerbeste Betreuung – in jeder Beziehung. Wenn es sich Eltern leisten und gönnen können, plädiere ich dafür, dass sie sich im ersten Lebensjahr ausreichend Zeit lassen, um mit ihrem Kind eine sichere Bindung aufzubauen. Was an Bindungsaufbau im ersten Lebensjahr verloren gegangen ist, das kann man im Nachhinein kaum mehr nachholen. Im zweiten und dritten Lebensjahr festigt sich dann die Bindungsentwicklung. Kinder mit einer sicheren Bindung stecken schlechtere Krippenbedingungen leichter weg.

DIE FURCHE: Umgekehrt betrachtet: Welche negativen Auswirkungen hat die Betreuung in einer Kinderkrippe auf ein Kind?
Brisch: Grundsätzlich gilt: Bereits kleine Kinder suchen und brauchen den sozialen Austausch mit anderen Kindern. Aber: Je früher ein Kind in die Krippe kommt, je schlechter die Qualität und je länger die tägliche Zeitdauer der Betreuung, desto wahrscheinlicher entsteht eine Bindungsstörung. Die Symptome von emotional vernachlässigten Kindern sind unterschiedlich. Die einen sind ängstlich, unsicher und übervorsichtig. Typisch sind auch apathische Verhaltensweisen und ein Desinteresse, soziale Kontakte aufzubauen. Andere wiederum suchen wahllos die Aufmerksamkeit und die Zuwendung anderer Menschen, um ihr unbefriedigtes Bedürfnis nach Nähe zu kompensieren.

DIE FURCHE: Sie zeichnen ein düsteres Bild. In Österreich wird jedes vierte Kind unter drei Jahren fremdbetreut, meist in einer Krippe. Prognostizieren Sie uns eine Generation bindungsgestörter Krippenkinder?
Brisch: Ich habe große Sorge, dass eine Lawine an Kindern mit psychischen Auffälligkeiten auf uns zukommt. Teilweise sieht man das schon jetzt. Immer mehr Mädchen und Buben bekommen im Kindergarten- und Volksschulalter Psychopharmaka verschrieben, der Bedarf an Kindertherapeuten steigt stetig an. Dann gibt es noch diese Auffälligkeiten in Längsschnittstudien. Im Vergleich zu den 1980-Jahren gibt es heute weniger sicher gebundene Kinder. Weiter ist erschreckend: Die Zahl der so genannten desorganisiert gebundenen Kinder ist von circa zehn auf 25 Prozent gestiegen. Dieser Bindungstyp geht schon in Richtung Psychopathologie, weil die Kleinen auf einen oder beide Elternteile gestresst und ängstlich reagieren.

DIE FURCHE: Zurück zu den Qualitätsmängeln in Krippen. Trifft Ihre Kritik ausnahmslos auf alle Einrichtungen zu?
Brisch: Nein. Wenn drei Bedingungen erfüllt werden, geht Geborgenheit auch in Krippen. Erstens: Die Gruppe muss klein und überschaubar sein – etwa in der Relation, dass eine Pädagogin drei Säuglinge oder Kleinkinder betreut. Zweitens: Die Betreuerin soll fähig sein, zu jedem ihrer Schützlinge eine qualitativ hochwertige Beziehung aufzubauen – dafür braucht es eine gute Ausbildung und regelmäßige Supervision. Drittens: Jedes Kind bekommt die Zeit zum Eingewöhnen, die es wirklich braucht. Es gibt private Einrichtungen dieser Art. Eltern geben dafür 1500 Euro und mehr aus. Und jetzt kommt der Staat ins Spiel. Der müsste sagen, diese entwicklungsförderlichen Krippen gibt es nicht nur für reiche Kinder.

DIE FURCHE: Staatlich finanzierte Krippenplätze für 1500 Euro – das klingt utopisch.
Brisch: Vielleicht. Im Vergleich zu skandinavischen Ländern geben Österreich und Deutschland viel zu wenig Geld für ihren Nachwuchs – also für die Zukunft – aus. Noch einmal, weil es mir so ernst damit ist: In den ersten Lebensjahren reifen die Kleinen in ihren neuronalen Strukturen. Unsichere Bindungsverhältnisse gefährden ihre Gehirnentwicklung. Die exzellente Entwicklung der Gehirne unserer Kinder sind unser bester Rohstoff – und den treten wir mit Füßen.

DIE FURCHE: Wie können Eltern die Qualität der Bindung zu ihrem Nachwuchs verbessern?
Brisch: In Gesellschaften mit einer faschistoiden diktatorischen Vergangenheit – Deutschland, Österreich, ehemalige Ostblock-Staaten – ist die Angst tief verankert, ein Kind zu verwöhnen. Die steckt vielen Eltern in den Knochen. Sich davon zu lösen, wäre ein erster Schritt. Man kann einem Kind nicht zu viel Liebe geben. Und dann gibt es noch individuelle Risikofaktoren. Etwa die psychische Erkrankung eines Elternteils oder Armut. Hier gilt es, den Eltern frühzeitig, am besten schon in der Schwangerschaft, Hilfen anzubieten. Mit „SAFE“ („Sichere Ausbildung für Eltern“ – ein von Brisch entwickeltes Trainingsprogramm; Anm.) gelingt das sehr gut. Wir animieren Mütter und Väter, ihre eigene Geschichte zu reflektieren, anstatt ungelöste Themen an ihr Kind weiterzugeben. Nicht wenige machen das auch. Wir haben Träger von Vorarlberg bis Wien, die das anbieten. Für eine verpflichtende Teilnahme müsste man die Politiker ins Boot holen. Denen fehlt aber oft die Sensibilität dafür.