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"Eltern und Kinder sind wie Magneten"

Läuft bei der Bindung zwischen Säugling und Bezugspersonen etwas schief, kann es weitreichende Folgen haben, etwa Störungen im sozialen Verhalten des Kindes. Wie kann Bindungsstörungen vorgebeugt, wie können sie therapiert werden? DIE FURCHE sprach mit der Kinderärztin und Psychotherapeutin Katharina Kruppa.

Die Furche: Frau Dr. Kruppa, Sie haben ein Buch geschrieben, "Babys wissen, was sie brauchen, und Eltern auch" (zurzeit vergriffen). Man hört aber sehr oft das Gegenteil, dass Eltern stark verunsichert sind.

Katharina Kruppa: Meine Erfahrung ist, dass Eltern durch verschiedene Ratschläge extrem verunsichert sind. Wenn ich sie aber in der Ambulanz ersuche, auf ihre Instinkte und ihr tieferes Gefühl zu hören, dann wissen sie eigentlich fast immer, was ihre Babys brauchen. Als Therapeutin und Beraterin von Eltern kann ich keine Tipps geben, ich kann ihnen helfen, einen gemeinsamen Weg zu finden.

Die Furche: Mit welchen Problemen kommen Eltern am häufigsten zu Ihnen?

Kruppa: Die Baby-Care Ambulanz ist eine Ambulanz bei Ess-, Schrei-, Schlaf- und Stillproblemen. Wir haben im Jahr 2008 ca. 450 Beratungen bei Babys mit Regulationsstörungen durchgeführt, davon entfällt die Hälfte auf eine Schreiproblematik, weitere 40 Prozent auf ein Schlafproblem und zehn Prozent auf Schwierigkeiten mit dem Essen.

Die Furche: Häufiges Schreien und mangelnder Schlaf führt bei Eltern zu Überforderung. Was können Sie als Therapeutin tun?

Kruppa: Ich arbeite immer mit Eltern und Babys gemeinsam, wenn es geht, mit beiden Elternteilen. Am Anfang bitte ich die Eltern, darüber zu erzählen, wie es ihnen und ihren Kindern geht. Es ist ganz wichtig, dass sie Zeit und Ruhe haben, über das, was sie belastet, zu reden. Allein das ist schon eine große Entlastung. Das zeigt sich auch daran, dass Babys fast nie bei uns weinen. Im Laufe des Gesprächs kommen wir dorthin, wo das Problem liegt.

Die Furche: Was ist das meistens?

Kruppa: Das ist ganz unterschiedlich. Es kann Verunsicherung durch Aussagen vom Umfeld sein, zum Beispiel: "Lass es doch schreien, du verwöhnst es sonst." Die meisten Eltern wissen aber im Grunde ihres Herzens, was ihr Baby braucht. Es geht darum, die Eltern zu bestärken, vor allem, wenn sie sehr unruhige Babys haben, dass sie das richtige tun, wenn sie auf die Kinder eingehen und deren Bedürfnisse direkt beantworten. Wichtig ist es auch für die Eltern zu akzeptieren, dass man Unterstützung annehmen soll und darf. In unserer Gesellschaft besteht ein Perfektionsanspruch und es wird so getan, als ob ein Kind für eine Frau eh nichts wäre. Dabei ist das am Anfang ein Fulltime Job. Es ist auch oft der Fall, dass Mütter viele Stunden alleine mit ihrem Kind sind und zutiefst unglücklich sind. Das ist völlig unnatürlich, wir sind Herdenwesen. Diese Verlassenheit nach der Geburt ist furchtbar. Manchmal gibt es aber auch weitreichende Störungen in der Beziehung, ausgelöst etwa durch traumatische Erlebnisse.

Die Furche: Was kann man tun, wenn sich in der Bindung zu den Bezugspersonen bereits Störungen eingeschlichen haben?

Kruppa: Das Bindungsmuster, das man selbst erlebt hat, wird zu einem sehr hohen Prozentsatz weitergegeben. Wenn es Störungen gibt, muss ich Bindungsarbeit anbieten. Sehr viele Eltern sind bereit, sich darauf einzulassen, im Hier und Jetzt an der Bindung zum Kind zu arbeiten. Manchmal ist das nicht möglich. Dann braucht es mehr, dann brauchen auch die Eltern selbst eine Therapie und diese Familie eine Form von Entlastung.

Die Furche: Was sind Alarmsignale für Bindungsstörungen etwa bei Kleinkindern?

Kruppa: Es gibt jene Kinder, die innerlich sehr unsicher sind: Manche von diesen sind nach außen hin extrem angepasste Kinder und fallen weniger auf. Sie können scheinbar mit äußeren Situationen gut umgehen, stehen aber unter hohem Stress. Die anderen sind klammernde Kinder, die fallen ein Stück weit mehr auf. Das sind aber Störungen, mit denen man in der Therapie gut arbeiten kann. Dann gibt es wiederum Kinder, die zutiefst verstört sind, die eine desorganisierte Bindung haben. Das sind Kinder, die ganz unberechenbar reagieren, die sich mal für Stunden zurückziehen, die sehr fahrig sind und dann im nächsten Moment wieder klammern. Sie spiegeln die große Unsicherheit wider, die Bezugspersonen ihnen entgegenbringen.

Die Furche: Wie oft haben Sie es mit Eltern zu tun, die offenbar nicht einordnen können, was ihre Kinder wollen, die also wenig Empathie zeigen oder haben?

Kruppa: Fast alle Eltern, die uns aufsuchen, kommen von selbst, sie spüren also, dass es Probleme gibt. Allein dafür ist ein gewisses Maß an Empathie nötig. Außerdem "triggert" die Geburt eines Kindes und das Leben mit einem Säugling sicher die Empathiefähigkeit. Manchmal ist diese verzögert, es braucht oft Zeit, in die Rolle als Mutter oder Vater hineinzufinden, dann braucht es nur wenige therapeutische Anstöße. Wenn aber die Belastung von außen zu groß ist oder in der Geschichte dieser Eltern tiefgreifende traumatische Erfahrungen vorhanden sind, dann kann diese Empathiefähigkeit wirklich verschüttet sein.

Die Furche: Wie gehen Sie bei der Bindungsarbeit vor?

Kruppa: Es geht darum, so früh wie möglich anzusetzen. Wir in der Ambulanz arbeiten an der Beziehung im Hier und Jetzt. Zum Beispiel schauen wir gemeinsam mit den Eltern ihr Baby an und bitten die Eltern zu beschreiben, was sie sehen, und in sich hineinzuhorchen, was sie spüren, wenn sie ihr Baby anschauen. Viele Eltern, die uns aufsuchen, kommen allein dadurch innerlich zu ihrem Kind, und dann kann eine Beziehung und Bindung möglich werden. Diese Momente sind auch für mich als Therapeutin sehr berührend. Babys und Eltern sind wie Magneten, die zueinander wollen, und unsere Arbeit ist eine Unterstützung dieser Urkraft.

Die Furche: Wie kann man jene erreichen, die nicht aktiv die Ambulanz aufsuchen?

Kruppa: Wir arbeiten einerseits mit dem Jugendamt zusammen, die uns Familien überweisen, wo sie Sorge haben. Andererseits sind wir als Ambulanz in einem Kinderspital sehr nahe dort, wo mögliche Schwierigkeiten beginnen, etwa bei Frühgeburten oder bei Babys, die nach der Geburt einen Drogenentzug haben. Es wäre wichtig, noch mehr niederschwelliges Angebot für Familien zu haben. Die meisten Eltern spüren, wenn sie Hilfe brauchen und würden diese auch annehmen, wenn das Angebot leicht genug zu erreichen ist.

Die Furche: Wo stoßen Sie auf Grenzen?

Kruppa: Bei Gewalt in Familien. Wenn ein Kind bei Gewalt zusehen muss, ist es ebenso traumatisch, wie wenn es selbst Opfer von Gewalt wird. Ebenso auf Grenzen stoßen wir bei massiver Vernachlässigung, auch emotionaler. Es ist oft schwierig, Plätze in Mutter-Kind-Heimen zu finden. (bog)

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