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"Kinder anders ticken lassen!“

Bei zappeligen, leseschwachen und sozial auffälligen Kindern setzt die steirische Allgemeinmedizinerin und Entwicklungsförderin Johanna Hochleitner auf mehr Bewegung - und auf die Erkenntnisse der "Neurophysiologischen Entwicklungsförderung“ (vgl. Kasten). Demnach liegt der Auslöser solcher Verhaltensauffälligkeiten häufig darin, dass frühkindliche Reflexe nicht ordnungsgemäß rückgebildet wurden. Durch ein spezielles Übungsprogramm will Hochleitner betroffenen Kindern "eine zweite Chance geben, damit sie die körperliche Basis bekommen, um ihre Intelligenz voll zur Entfaltung zu bringen“, wie sie sagt. Was das genau bedeutet und welches familiäre und gesellschaftliche Umfeld Kinder ihrer Ansicht nach für eine gute Entwicklung brauchen, erklärt sie im FURCHE-Gespräch.

DIE FURCHE: Frau Hochleitner, nach Meinung vieler Lehrerinnen und Lehrer nimmt die Zahl der unkonzentrierten, hyperaktiven Kinder zu. Treten jene "Restreflexe“, die Sie als mögliche Ursache sehen, heute häufiger auf als früher?

Johanna Hochleitner: Nein, das nicht. Aber Kinder haben heutzutage keine Chance mehr zur Kompensation. Durch Stress und Funktionieren-Müssen - Faktoren, die auf allen in der Gesellschaft lasten - fehlt einfach die Zeit dafür, etwas anders zu ticken, vielleicht etwas länger zu brauchen, sich zu erholen und sich die Bewegung zu holen, die man braucht.

DIE FURCHE: Bei der "Neurophysiologischen Entwicklungsförderung“ steht Bewegung im Mittelpunkt. Kann man sagen, dass Sie Kindern durch Turnübungen zu mehr Intelligenz verhelfen?

Hochleitner: Im Grunde stimmt das. Man kann ja nur durch Bewegung lernen. Darum sind langsame, bewusst durchgeführte Bewegungsübungen für solche Kinder sehr effizient. Man darf eines nicht vergessen: Kinder holen sich eigentlich das, was sie brauchen. In einer natürlichen Umgebung, in der sie gefahrlos draußen sein und spielen können und wo auch nicht ständig Verführungen durch Handy, Computer oder Fernseher warten, kann sich der natürliche Bewegungsdrang entfalten. Über die Bewegung wird sehr viel kompensiert, vieles "normalisiert“ sich wieder: Würden sich Kinder mehr bewegen, hätten wir vielleicht wieder - wie früher - pro Klasse ein, zwei Klassenkasperln, die wirklich Hilfe brauchen. Aber dieses Gros an unruhigen und aufgedrehten Kindern, die sich nicht konzentrieren können, das würde es nicht geben.

DIE FURCHE: Aber Kinder werden heute ja nicht ständig eingesperrt …

Hochleitner: Das nicht, aber sie haben keine Kompensationsmöglichkeit mehr - durch eine denaturierte Umwelt und Ernährung. In diesem Zusammenhang halte ich übrigens auch die ganze "Frauen-früher-in-den-Beruf“-Diskussion für falsch. Wir müssen von der Neurobiologie her erkennen, dass der Mensch ein "Nesthocker“ ist. Dadurch ist das Nervensystem des menschlichen Babys darauf hin ausgelegt, seine Umgebung langsam zu erkunden, soweit wie die mütterlichen Schritte tragen und soweit später die eigenen Schritte tragen. Durch die Möglichkeit, schnell überall hinzufahren, schnell da und dort zu sein, werden Kinder aus dem Nest herausgerissen. Schon alleine die Zeit, die Kinder in einem "Maxi Cosi“ verbringen, könnten sie auf einem natürlichen Untergrund verbringen: auf dem Boden kriechend, krabbelnd, liegend, mit der eigenen Schwerkraft und der Schwere ihres Kopfes ringend.

DIE FURCHE: Gibt es ein bestimmtes Alter, bis zu welchem die Kleinen keinesfalls ihrem Nest entrissen werden sollten?

Hochleitner: Man muss nur die Gehirnentwicklung beobachten. Kinder sind dann in der Lage, anderswo hinzukommen, sobald die eigenen Füße sie dorthin hintragen. Ich sehe es bei meinen Eigenen: Dort, wohin sie selbst kommen, ohne mit dem Auto zu fahren, dort fühlen sie sich sicher und reagieren auch nicht gestresst. Meine Große ist sieben und geht alleine zur Nachbarin, ebenso geht sie alleine zweieinhalb Kilometer ins Dorf zum Einkaufen. Umgekehrt: Solange sich das Baby nicht rühren kann und seine Mama braucht, um gefüttert zu werden, so lange ist das Nervensystem nicht reif dafür, herumgereicht und fremdversorgt zu werden. Deshalb fordere ich auch: Gehalt für Mütter, bis deren Kinder sechs oder sieben sind, damit sie es sich leisten können, daheim zu sein.

DIE FURCHE: Sie sprechen bewusst von Müttern als Bezugspersonen?

Hochleitner: Nein. Was es aber braucht, ist ein geschütztes Nest. Ob die Grußmutter rund um die Uhr da ist oder der Vater oder die Mutter, halte ich persönlich nicht für so maßgeblich. Aber es braucht eine fixe, sichere Bezugsperson. Am Allerschlechtesten ist permanentes Herumreisen: Zuerst in die Kinderkrippe, dann dorthin, dann dahin - das ist Gift für sich entwickelnde Kinder.

DIE FURCHE: Sie arbeiten als Entwicklungsförderin mit Menschen jeglichen Alters. Ab welchem Alter hat es Sinn, auffällige Kinder testen zu lassen?

Hochleitner: Es ist dann sinnvoll, wenn ich merke, dass das Kind oft Konflikte hat, weil es seine Bewegungen nicht einschätzen kann. Kinder, die ständig rempeln, anecken, sich selbst aufgrund ihrer überschießenden Motorik stoßen, sollten getestet werden. Auch bei Kindern, die von der Sprachentwicklung her auffällig sind, macht es Sinn, genauer hinzuschauen. Oft sind diese Kinder äußerst intelligent, haben aber "soziale“ Schwierigkeiten. Grundsätzlich gilt: Testen lassen kann man jedes Kind ab dem Vorschulalter beziehungsweise dann, wenn die Schulleistungen nicht der angenommenen Intelligenz entsprechen.

DIE FURCHE: Apropos Schule: Wie beurteilen Sie insgesamt die Rahmenbedingungen, unter denen die Kinder heute lernen?

Hochleitner: Hätte ich etwas zu sagen, dann würde ich die Klassenräume mindestens drei Mal so groß machen und die Decken und Wände mit schalldämmendem Material auskleiden, damit der Hall gebremst wird, was wiederum den Stresspegel in der Schule und in den Klassen extrem sinken lässt. Inhaltlich finde ich, dass zu sehr Wert auf die optische Wahrnehmung und auf die Feinmotorik gelegt wird. Die Lehrbücher fordern in erster Linie feinmotorische, ja feinst-motorische Fertigkeiten. Gerade Kinder mit graphomotorischen Schwierigkeiten haben es in der Schule schwer, und das angesichts der Tatsache, dass im späteren Berufsleben oft nur sehr wenige dieser Fertigkeiten gebraucht werden.

DIE FURCHE: Sie halten nicht so viel vom Schönschreiben?

Hochleitner: Nein, denn es ist weitgehend sinnlos. Wozu für Schönschreiben Energie aufwenden, wenn ich es so gut wie nie brauche? Man muss seinen Namen schreiben und mit dem Computer umgehen können. Ich sage vielmehr: Kinder brauchen Bewegung - sie müssen raus!

DIE FURCHE: Nichtsdestotrotz bekämpfen Sie mittels "Neurophysiologischer Entwicklungsförderung“ auch erfolgreich Legasthenie.

Hochleitner: Ja, wenngleich sich auch für mich die Frage stellt, ob Schulprobleme immer so ernst genommen werden müssen - gerade in Zeiten von PISA. Leistungsvergleiche haben oft wenig mit Intelligenz und Lebensfähigkeit zu tun. Was ich brauche, ist praktische und soziale Kompetenz - und das wird, soweit ich weiß, in vielen Evaluierungen nicht getestet. Viel wichtiger hingegen wäre, die emotionale Entwicklung zu fördern und wieder mehr Zeit mit seinen Kindern zu verbringen.

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