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"Mit viel Liebe lernen selbst taube Babys reden"

1945 1960 1980 2000 2020

Die beobachtete Diskrepanz von körperlicher Tüchtigkeit und geistig-seelischer Verlorenheit von Kindern, die aus Hitlers Rassenzuchtprogramm kamen, stand am Anfang der Arbeiten des Begründers der Sozialpädiatrie, Theodor Hellbrügge, der auch ein Pionier der Integration behinderter Kinder in das normale Schulsystem ist. Mit ihm sprach die Furche über die Bedeutung der frühkindlichen Förderung.

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Die beobachtete Diskrepanz von körperlicher Tüchtigkeit und geistig-seelischer Verlorenheit von Kindern, die aus Hitlers Rassenzuchtprogramm kamen, stand am Anfang der Arbeiten des Begründers der Sozialpädiatrie, Theodor Hellbrügge, der auch ein Pionier der Integration behinderter Kinder in das normale Schulsystem ist. Mit ihm sprach die Furche über die Bedeutung der frühkindlichen Förderung.

Die Furche: Sie waren einer der ersten Ärzte, der die Ethologie, die Lehre vom Verhalten, als wichtiges Kriterium in die Kinderheilkunde eingeführt hat. Was veranlasste Sie dazu?

Theodor Hellbrügge: Wir haben herausgefunden, dass jede Kollektiverziehung - und sie beginnt streng genommen bereits bei Zwillingen - die Sozial- und die Sprachentwicklung negativ beeinflusst. Je häufiger der Wechsel einer mütterlichen Bezugsperson, je häufiger der Wechsel des Milieus ohne Rückhalt einer Hauptbezugsperson, umso schlechter die Sprachentwicklung. Noch nachteiliger sind solche Konstellationen auf die Sozialentwicklung, also die Entwicklung zur Selbständigkeit und zur Kontaktfähigkeit. Wir haben 1.500 Neugeborene kontinuierlich bis zum vierten Lebensjahr untersucht und auf folgende Merkmale geachtet: auf Krabbeln, Sitzen, Laufen, Greifen, Perzeption, Spielen, Sprechen, Sprache Verstehen... Wir fanden, dass die Babys in bestimmten Lebensmonaten praktisch unabhängig von Familie und Milieu ein gleiches Quantum an Lautbildung hatten.

Die Furche: Welche Faktoren sind für die Sprach- und Sozialentwicklung von Bedeutung?

Hellbrügge: Die entscheidende Größe ist die konstante, mütterliche Hauptbezugsperson. Keine Mutter wird schon bei der Geburt zur Mutter. Mütterlichkeit entwickelt sich erst in der Kommunikation mit dem Säugling. Und sie steigert sich in dieser Beziehung. Die maßgeblichen Reize für die Mütterlichkeit gehen vom Kind aus. Die Mutter stellt sich intuitiv, also ohne irgendeine Schulung, auf dieses Kind so ein, dass sie zu dessen Mutter wird. In den letzten Jahren konnten wir das noch genauer durch ein Video-Verfahren erfassen: Ein Apparat nimmt das Gesicht der Mutter, der andere das des Kindes auf, wenn sie miteinander plaudern oder kuscheln. Beide Aufnahmen werden gleichzeitig auf einen Monitor gespielt. Dann erkennt man, ob die Kommunikation zwischen Mutter und Kind positiv ist oder nicht.

Die Furche: Was heißt positiv?

Hellbrügge: Es hat sich herausgestellt, dass im optimalen Fall der Säugling auf sein Brabbeln innerhalb von 0,2 Sekunden eine Antwort bekommt. Und diese Antwort findet intuitiv so statt, dass die Mutter ihre Stimme um eine Oktav hebt und das Gleiche antwortet. Dieser Dialog ist die Basis unserer Muttersprache. Die Kommunikation zwischen Mutter und Kind gelingt also, wenn die Mutter auf die Signale ihres Kindes achtet. Man muss sie in Ruhe lassen, intuitiv auf diese Zeichen einzugehen. "Nimm dieses Kind, so wie es ist und hab' es lieb!" Wenn sie so an ihre Aufgabe herangeht, wächst alles andere von selbst.

Die Furche: Senden denn schon Säuglinge Signale aus?

Hellbrügge: Sofort. Wir wissen aus Untersuchungen bei gehörlosen Kindern, bei denen das nicht optimal stattfindet, dass sie mit sechs Monaten verstummen. Jede Diagnostik einer Gehörstörung nach dem sechsten Monat kommt eigentlich zu spät.

Die Furche: Kann man etwas dagegen tun?

Hellbrügge: Ich versuche durch ein neues Verfahren der Früherkennung solche Gehörstörungen schon bei der Geburt festzustellen. Dazu wird ein Gerät entwickelt, das von jeder Krankenschwester bedient werden kann, ein Echolot. Jedes Geräusch hinterlässt in unserem Gehörgang ein Echo. Dieses nimmt der Apparat auf, setzt es über einen kleinen Computer um und gibt als Auskunft: Hört - oder hört nicht genau.

Die Furche: Und was nützt dieses frühe Erkennen? Wie kann man ein gehörloses Kind in die Sprache einführen?

Hellbrügge: Dann werde ich der Mutter nicht sagen: "Ihr Kind ist taub." Vielmehr wird man sie darauf aufmerksam machen, dass ihr Kind eine besondere Liebe braucht. Man wird ihr sagen: "Wenn Sie stillen, dann streicheln sie es mit besonderer Zärtlichkeit." Dann spürt das Kleine über die Haut die mütterliche Zuwendung, die es über das Ohr nicht erleben kann. Und wenn das Kind die Mutter anschaut, wird diese es anlachen und mit ihm sprechen. Dann wird das Kind lernen, die mimischen Veränderungen mit all dem zu verbinden, was beim Füttern und Liebhaben geschieht. Und aus diesem Erleben der Mimik und den liebevollen körperlichen Erfahrungen entwickelt sich das Sprachvermögen.

Die Furche: Ohne dass das Kind hört?

Hellbrügge: Ich habe Jugendliche, die taub sind und ebenso normal sprechen wie andere. Aber sie hatten Mütter, die das früh genug erfahren und begriffen hatten.

Die Furche: Aus körperlichen Erfahrungen soll sich das Sprachvermögen eines gehörlosen Kindes entwickeln?

Hellbrügge: Ja aus diesen Erfahrungen und den Veränderungen der Mimik des Sprechenden. Jedes Wort erzeugt ja eine gewisse mimische Veränderung im Gesichtsbereich. Und da jeder Säugling mit einer angeborenen Faszination für ein menschliches Gesicht zur Welt kommt, lernt er bald, das, was er als vordergründig und zutiefst erlebt, umzusetzen mit dem, was in der Umgebung passiert.

Die Furche: Wie lernt das Kind aber das Artikulieren, wenn es selbst nicht hört, was es sagt?

Hellbrügge: Es lernt das, aber ich weiß nicht wie. Darüber gibt es bisher keine Forschungen. Aber es geschieht.

Die Furche: Kann man also sagen, dass Sprache nicht primär von den Sprachwerkzeugen ausgeht, sondern von der umfassenden Kommunikation zwischen dem Kind und seiner Umgebung?

Hellbrügge: Ja. Das Kind ist ja geistig normal. Es hat normale Sprechinstrumente. Nur eine Schaltstelle, die akustische Signale aus der Umgebung in elektromagnetische Schwingungen umwandelt, die ans Gehirn gehen, funktioniert nicht.

Die Furche: Diese Erfahrungen mit gehörlosen Kindern zeigt eigentlich, welche Wunder Zuwendung bewirken kann...

Hellbrügge: Die Mütter haben diese Erkenntnis, seit eh und je. Ich habe im Kinderzentrum einen Spruch hängen, der lautet: Die Mutter hat immer recht. So gesehen ist das Wort Muttersprache absolut berechtigt. Sie ist es, die uns zum Denken bringt. Ohne Sprache gibt es kein Denken. Meist meint man: Erst denken wir und dann erst sprechen wir. Aber es ist umgekehrt. Nur beachten wir das in unserer Kulturförderung leider nicht ausreichend. Wir geben für Universitäten und Schulen Unsummen aus, aber den eigentlichen Kulturträgern, den Müttern, lassen wir nicht genügend Zeit, dass sie sich mit ihren Kindern beschäftigen. Wenn wir wissen, dass an diesen 0,2 Sekunden, in der das Baby sein Signal beantwortet haben muss, letztlich die gesamte Sprachförderung hängt, dann kann ich das nicht unbeachtet lassen. Dann ist das Konzept der außerhäuslichen Berufstätigkeit falsch. Zwei Stunden am Abend und in der Früh reichen eben nicht.

Die Furche: Solche Forderungen sind bei vielen aber nicht populär.

Hellbrügge: Immerhin ist heute das Stillen wieder "in". Und das ist gut, denn beim Stillen ist zwischen dem Gesicht des Kindes und dem der Mutter genau jener Abstand, in dem der Säugling nachweislich am besten sieht. Weiters schaut er unentwegt auf das Gesicht seiner Mutter. In dieser langen Zeit nimmt er er jede mimische Veränderung der Mutter auf. Und zwar ganz genau. Amerikanische Untersuchungen zeigen: Schon im Alter von vier Wochen imitieren Säuglinge den Gesichtsausdruck Erwachsener. Die angeborene Faszination für ein menschliches Gesicht und die Fähigkeit nachzuahmen führen dazu, dass in dieser Zeit die Gesichtseindrücke der Mutter sich im Säugling manifestieren. Fröhliche Mütter bekommen Fröhlichkeit imitiert. "Grausliche" Mütter, die unter der Last des Mutterseins ächzen, geben ihre Haltung an ihre Kinder weiter. Und noch etwas: Das Menschenkind ist das einzige Junge, das beim Stillen das Gesicht seiner Mutter anschaut. Die Tiere suchen die Zitze unter dem Bauch. Selbst der Klammeraffe sieht nicht zwangsmäßig in das Gesicht der Mutter. Dieses Blicken ist auch für die Sprachentwicklung von großer Bedeutung.

Die Furche: Sie sprachen von 0,2 Sekunden Reaktionszeit. Stellt das Mütter nicht stark unter Druck, dauernd ansprechbar zu sein?

Hellbrügge: Gar nicht. Sie tun es ja von selbst. Niemand hat den Müttern ja auch gesagt, dass sie die Stimme um eine Oktav zu erhöhen hätten.

Die Furche: Wenn nun in den ersten Monaten die Dinge nicht optimal gelaufen sind. Kann man dann noch etwas zum Besseren wenden?

Hellbrügge: Dafür habe ich das Konzept der sozialpädiatrischen Entwicklungsrehabilitation erfunden. Wir setzen die Eltern als Therapeuten ein. Wir nehmen Eltern und Kinder stationär auf und zeigen ihnen im Detail, wie sie sich in der motorischen, in der sprachlichen Förderung, in der Verhaltensmodifikation gegenüber ihrem Kind gerieren sollen. Ich habe die erste Abteilung der Welt gegründet, wo Eltern zu Therapeuten ausgebildet werden.

Das Gespräch führte Christof Gaspari.

ZUR PERSON Gründer der Sozialpädiatrie Prof. Dr. Theodorf Hellbrügge ist am 23. Oktober 1919 geboren. Er studierte Medizin in München, wo auch seine pädiatrische Weiterbildung stattfand. Sechs Jahre nach seiner Habilitation wurde er 1960 außerplanmäßiger Professor. Schon früh richtete Hellbrügge seine Aufmerksamkeit auf die frühkindliche Entwicklung. Dabei entwickelte er ein eigenes Konzept der Heilpädagogik, das er im "Kinderzentrum München", einer Stätte der sozialen Integration behinderter Kinder umsetzte. Er schuf die ersten Kindergärten und Schulen der Welt, in denen behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam erzogen wurden. Das Kinderzentrum München wurde zum Vorbild von über 80 sozialpädiatrischen Zentren in Deutschland und 50 im Ausland. Für seine wissenschaftliche Arbeit sprechen die elf Ehrendoktorate, die ihm verliehen wurden. Prof. Hellbrügge ist verheiratet und mittlerweile Urgroßvater.

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