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Verlorene zwischen zwei Welten

1945 1960 1980 2000 2020

Sie haben sich hier, in einer fremden Welt, zurechtgefunden und Freunde gewonnen. Jetzt sollen sie zurück. ErinneYungen und Gedanken von in Wien lebenden Kindern aus Bosnien.

1945 1960 1980 2000 2020

Sie haben sich hier, in einer fremden Welt, zurechtgefunden und Freunde gewonnen. Jetzt sollen sie zurück. ErinneYungen und Gedanken von in Wien lebenden Kindern aus Bosnien.

Wenn ein Weltkrieg wäre, würde ich auf den Mond fahren!” Elzir ist elf Jahre alt und lebt seit fünf Jahren in Wien. Sein Haus und seine Heimat wurden vom Krieg zerstört. Er möchte in Osterreich bleiben und Fußballer werden. „Es wird nie mehr so sein, wie es früher war. Wir können nicht mehr dorthin, wo wir herkommen, da sind jetzt die Serben.”

Insgesamt 91.000 Bosnier flohen . nach Österreich, sie wurden vertrieben und verloren ihre Heimat, ihre Existenz und ihr Ansehen. „Ich wußte überhaupt nicht, wo und was das ist - Österreich, nur, daß es dort keinen Krieg gibt”, erinnert sich der zehnjährige Meho daran, wie er vor fünf Jahren nach Wien kam.

Die Ankömmlinge wurden in Flüchtlingslagern untergebracht. Die Kinder erinnern sich an Schlafstörungen, Alpträume, an Angst vor der Dunkelheit und dem Alleinsein. Meho lacht heute darüber: „Ich traute mich nicht hinaus, ich glaubte, daß sich hinter den Bäumen Serben verstecken.” Das Zusammenleben auf engstem Raum - eine oder zwei Familien teilten sich ein Zimmer - empfanden die Kinder nicht als unangenehm. Geborgen unter anderen Kindern, die Ahnliches erlebt haben, verliehen sie durch gemeinsames Spielen dem tristen Dasein im Flüchtlingslager Lebendigkeit. „Manchmal waren wir den Erwachsenen zu laut, aber dann spielten wir halt auf dem Klo”, erzählt die zehnjährige Azra. Es entstanden Freundschaften, die bis heute währen.

In die Schule gehen, das bedeutet Partizipieren an der österreichischen Gesellschaft. Mit dem Schulbesuch wurde den Kindern klar, daß sie Deutsch lernen müssen. Kinder erlernen rasch eine fremde Sprache, heißt es. Trotzdem verstehen sie anfangs nicht, was gefordert und mitgeteilt wird. „Ich wußte nicht, was sie sprechen, vielleicht sagen sie ja auch etwas Schlechtes über mich”, schildert die elfjährige Helma ihre anfänglichen Ängste. Auch mit den ersten Worten vermögen sie erst zu sagen, was sie können, und noch nicht, was sie gerne sagen möchten. Entscheidend für den Spracherwerbsprozeß ist, ob und wieviel Geduld, Akzeptanz und Würde den Kindern dabei entgegengebracht wird.

Ich finde meine Klasse hier toll”

Flüchtlingskinder aus Bosnien finden sich über alle Schultypen verteilt -von der Sonderschule bis zum Gymnasium. Mit der Schule beginnt die Integration. Stabilisierungs- und Orientierungsmöglichkeiten nehmen ihren Anfang. Fühlen sich die Kinder der Klassengemeinschaft zugehörig, werden die herausfordernden Aufgaben und die zwischenmenschlichen Beziehungen positiv erlebt. „In meiner Klasse verstehen wir uns, Ausländer und Österreicher, gut. Wenn ich etwas nicht weiß, helfen mir die anderen Kinder, umgekehrt ist es auch so. Ich finde meine Klasse toll”, schreibt der zwölfjährige Almir in einem Aufsatz.

Das Leben in der Schule ist für die Kinder ein anderes als zu Hause in der Familie. Sprachliche und kulturelle Unterschiede werden deutlich. Im familiären Umfeld wird ausschließlich die Muttersprache gesprochen und man hält sich an islamische Gepflogenheiten. Das niedrige Einkommen der Eltern verlangt von den Kindern materielle Bescheidenheit. Geringes Verständnis von Seiten der Eltern bezüglich westlicher Lebensgewohnheiten wirkt auf die Kinder enttäuschend. „Mein Vater mag es nicht, wenn ich mir Popmusik im Badio anhöre”, erzählt Azra. Die 13jährige Marija beschwert sich: „Ich darf keine Miniröcke anziehen, mein Vater erlaubt es mir nicht.”

Die Kinder sprechen besser Deutsch als ihre Eltern. Vielleicht wollen sich die Erwachsenen mit der deutschen Sprache nicht vertraut machen - denn Österreich ist ja nur Zwischenstation. Für die Arbeiten, denen sie nachgehen, ist Deutsch ohnehin nicht notwendig. „Jetzt fragen Sie uns doch nicht immer, was unsere Eltern arbeiten, Frau Lehrerin, Sie wissen doch, daß alle Ausländer putzen gehen!” Diese unverblümte Aussage stammt von der elfjährigen Sabira in einer guten Stimmung. Man darf darüber lachen!

Faktum ist, daß die Kinder für ihre Eltern dolmetschen müssen. Sie begleiten sie zum Arzt, zum Magistrat, zum Arbeitsamt. Die Bollen kehren sich um. Die Kinder sprechen für ihre Eltern, die Eltern werden zu den Schützlingen ihrer Kinder. Wenn die Kinder schlechte Nachrichten überbringen müssen, möchten sie ihre Eltern vor Enttäuschungen und Verletzungen schützen - Aufgaben, die selbst für Erwachsene nicht einfach zu erfüllen sind.

Viele Kinder wollen (noch) nicht zurück

Die Vorbildwirkung der Eltern ist in vielen Bereichen eingeschränkt. Die Kinder sagen, sie werden es einmal besser haben. Meho möchte Kinderarzt werden. Azra träumt davon, als Stewardeß alles von der Welt zu sehen. Die 14jährige Senada wollte die Ausbildung zur Krankenschwester machen. Leider fehlt ihr dazu die österreichische Staatsbürgerschaft, auf die hat sie auch in drei Jahren noch keinen Anspruch. Weil ihr Vater keine Arbeitserlaubnis erhalten hat, kann sie nun auch nicht die Handelsakademie besuchen. Um das Einkommen für den Aufenthalt der Familie in Österreich zu gewährleisten, lernt sie jetzt Verkäuferin. „Ich kann ja später noch Krankenschwester werden”, meint sie überzeugt.

Auf die Frage: Stell' dir vor, heute nacht träumst du, eine gute Fee erfüllt dir drei Wünsche - welche wären das für dich? antwortet Azra: „ Also, erstens, daß der Krieg aufhört, damit wir wieder nach 1 lause können, zweitens, daß es ihn nie mehr wieder gibt in Bosnien, und drittens, ... daß alle

Menschen sich auf der Welt vertragen, das war' das Beste!” Jahrelang stand der Wunsch nach dem Ende des Krieges an erster Stelle. Nun ist es soweit, und viele wollen dennoch nicht - noch nicht oder nicht mehr? -zurück.

Die Flüchtlinge stehen vor einer großen Entscheidung. Als Meho letzte Woche von einem Bosnienbesuch zurückkam, erzählte er traurig: „ Mein Haus ist eine Buine, es ist alles zerstört, dort kann man nicht mehr wohnen.” Der 14jährige Fadil schreibt in einem Aufsatz: „Viele Menschen aus Bosnien würden lieber hier bleiben, weil ihre Gebiete von Serben besetzt sind. Sie wollen nicht irgendwo in Bosnien wohnen, sie wollen in ihre eigene Heimatstadt zurückkehren.” Er selbst weiß nur, daß in seinem Haus -auf serbischem Gebiet - eine Tabaktrafik eröffnet wurde. Ein weiterer Gedanke beschäftigt ihn: „Ich würde lieber hier bleiben und das Gymnasium fertig machen. In Bosnien wäre die Schule viel schwieriger, weil ich schon die bosnische Bechtschreibung verlernt habe.”

„Ich kann gar nicht mehr Bosnisch”

Vielen Kindern ergeht es ähnlich. „Meine Stadt heißt Bijeljina, ich weiß gar nicht, wie man das schreibt, ich kann gar nicht mehr Bosnisch. Das Alphabet kann ich nicht. Meine Lehrerin schimpft immer: Ihr müßt eure Muttersprache lernen! Wie soll ich sie lernen, wenn ich sie nicht kann? Ich will dort nicht in die Schule gehen, schreiben kann ich nicht, rechnen schon, lesen auch, schreiben nicht, was gibt's denn noch in der Schule? Ich weiß nicht, ob es Sachunterricht gibt, Turnen schon, Zeichnen auch, das geht. Mein Bruder weiß das alles, der ist dort schon in die Schule gegangen”, denkt Azra laut vor sich hin.

Die Kinder sehen mit der Rückkehr in die Heimat Schwierigkeiten auf sich zukommen, die sie in ähnlicher Weise schon einmal erlebt haben und die sie mit Unsicherheit erfüllen. Wichtig wäre, die Kinder darauf vorzubereiten, was sie dort erwartet. Sie bezeichnen sich selbst als Bosnier und Bosnierinnen, die vorübergehend in Wien leben. Früher oder später möchten sie alle wieder zurück - vor allem die Eltern. Es ist wohl eine Frage der Zeit. Sollte man bis dahin jemandem die Möglichkeit verwehren, in Österreich zu leben?

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