schule - © Foto: iStock / Ilija Erceg

Schulabmeldungen: Die Rückkehr der Anderen

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Wo Kinder nach häuslichem Unterricht wieder zurück in die Klasse kommen, prallen verschiedene Welten aufeinander. Wie wird die Zusammenführung gelingen?

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Wo Kinder nach häuslichem Unterricht wieder zurück in die Klasse kommen, prallen verschiedene Welten aufeinander. Wie wird die Zusammenführung gelingen?

„Heute hat die Lernbegleitung wieder begonnen“, steht über dem Video eines Neunjährigen, der zu klassischer Musikbegleitung Formen aus Papier ausschneidet. Darüber ein Link, versehen mit einer Beschriftung: „Ausflugstipps für die 4. Klasse“. Jeden Tag landet in der Telegram-Gruppe der österreichischen Homeschooler ein neuer Beitrag, in dem sich Eltern austauschen, die ihre Kinder aus dem Regelschulbetrieb abgemeldet haben.

Und das sind viele: 7500 Abmeldungen hat das Bildungsministerium im Vorjahr gezählt. Im heurigen Schuljahr ist die Zahl geringer: 4601 Kinder wurden wegen Gründen wie der Unzufriedenheit mit der Corona-Situation, mit dem Schulsystem oder wegen Krankheit oder Behinderung als Externist(inn)en gemeldet. Möglich ist das für Kinder im schulpflichtigen Alter, weil in Österreich keine Schul-, sondern lediglich eine Unterrichtspflicht gilt.

„Wir haben eine Vielzahl an Maßnahmen getroffen, um die Qualität im häuslichen Unterricht sicherzustellen“, meinte Bildungsminister Martin Polaschek (ÖVP) in einer Aussendung im Sommer. Wer sein Kind abseits der Schule unterrichten möchte, muss dies nun bereits vor Beginn der Sommerferien kundtun und nachweisen, einen gleichwertigen Unterricht ermöglichen zu können. Zudem muss man verpflichtende Reflexionsgespräche mit der Schulleitung führen und dafür sorgen, dass das Kind seine Externistenprüfung am Ende des Schuljahres besteht. Ist das, so wie bei 7,7 Prozent der Homeschooler heuer, nicht der Fall, hat das Kind das Schuljahr im Regelbetrieb zu wiederholen.

Während ein Drittel der abgemeldeten Schüler(innen) bereits während des Schuljahres in den Regelbetrieb zurückkehrte, folgen nun also jene Kinder, die ihre Prüfungen nicht bestanden haben – und jene, die sich freiwillig für eine Rückkehr im Herbst 2022 entschieden haben.

Unzulängliches Schulsystem

Einer von ihnen ist der Sohn von Iris Frisch*. Als dieser neun Jahre alt ist, zeigen sich bei ihm Schwierigkeiten in der Schule. Er wird mit Legasthenie diagnostiziert und stößt immer wieder mit unerfüllbaren Leistungsvorstellungen einer Lehrerin zusammen. Er ist gestresst, entwickelt Schlafstörungen. Die Mutter sucht mit ihm den Schulpsychologen auf. Dieser empfiehlt einen Schulwechsel. Frisch sorgt sich, ihr Kind würde auch nicht in andere Schulen passen, sie bangt um wiederkehrende Probleme. Als sie beginnt, Heimunterricht zu recherchieren, erklärt sie der Vater ihrer Kinder für verrückt. Er ist dagegen, den Sohn aus der Schule zu nehmen, doch Frisch lässt nicht locker.

Bei einem Verein christlicher Homeschooler findet sie Konzepte, die ihr gefallen – und auch ihren Mann überzeugen. Die Forscherin meldet ihren ältesten Sohn vom Schulunterricht ab und pausiert ihre Tätigkeit als Raumplanerin. Als ihr zweiter Sohn drei Jahre später mit ADHS diagnostiziert wird, entscheidet sich Frisch einmal mehr für den Heimunterricht. Integrationsklassen im Regelbetrieb, so ist sie sich sicher, seien einfach zu groß, um ihr Kind individuell zu fördern. „Der Beginn des Homeschoolings war eine Notsituation, eine Kombination aus dem Versagen des Schulsystems und des Staates, der die Probleme nicht sinnvoll auffangen kann“, sagt sie.

Immer wieder lernt Frisch Eltern kennen, die ihre Kinder wegen neurologischer Diagnosen aus dem Regelbetrieb nehmen. Aber sie trifft auch Mütter und Väter, die ihre Kinder wegen der Corona-Regelungen zuhause oder in selbstorganisierten Lerngruppen unterrichten. Manche finden die Regelungen in den Schulen überzogen, andere sorgen sich um zu lockere Maßnahmen und mögliche Infektionsgefahren.

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