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Vater entscheidet, Kind leidet

Seit Wochen kein Abend ohne hitzige Debatten: Soll Gaby am Gymnasium bleiben oder in die Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik wechseln? Sie will "mit Kindern arbeiten". Karriere machen möchte sie auch und weiß selbst, daß das in diesem Beruf schwierig ist. Was Gabys Eltern besonders beunruhigt: Daß das Fräulein Tochter vor allem dann Kindergärtnerin werden will, wenn sie sich gerade über ihre Mathematik-Lehrerin ärgert. Und daß sie nach jedem Streit mit Schulfreundin Nicole - die ebenfalls eine Kindergärtnerinnen-Laufbahn plant - ihren Traumberuf plötzlich nicht mehr verlockend findet. Von solchen Dingen sollte die Entscheidung über die Schullaufbahn nicht abhängen.

Gerhard Grötzl, Experte für Bildungsberatung im Unterrichtsministerium, sieht aus schulpsychologischer Sicht keine richtigen und falschen, vor allem aber keine belanglosen Entscheidungskriterien. "Die Entscheidung wird um so besser, je mehr unterschiedliche Faktoren berücksichtigt werden."

Am wichtigsten sind persönliche Begabungen und Neigungen sowie die Berufschancen; aber auch scheinbar Nebensächliches - Länge des Schulweges, Freundeskreis, das Sich-Wohlfühlen in einem Gebäude oder in einer Gemeinschaft - ist zu beachten.

Diskussionen im "Familienrat" sind wertvoll: Dabei werden ganz verschiedene Argumente abgewogen, und es reden die mit, die es am meisten "angeht": die Kinder. Das ist nicht selbstverständlich: Nach einer Schweizer Studie treffen bei 80 Prozent aller Schüler die Eltern allein die Entscheidung über die Schullaufbahn. Das deckt sich mit den Erfahrungen österreichischer Schulpsychologen - und führt oft zu Schwierigkeiten. "Wenn Jugendliche Schulprobleme haben, und wir fragen sie: 'Warum gehst du überhaupt in diese Schule?', erhalten wir oft die Antwort: 'Weil meine Mama/mein Papa gesagt hat, das ist das Beste für mich!'", sagt Mathilde Zeman, Leiterin der Bildungsberatung in Wien.

Schuld daran ist nicht unbedingt eine "autoritäre" Grundhaltung, sondern allgemeine Ratlosigkeit, weil sich bei den Jugendlichen Interessen und Berufswünsche erst herauskristallisieren müssen und die Berufsbilder immer diffuser werden. In dieser Situation glauben die Eltern, immer noch den "besseren Überblick" zu haben. Was sie aber oft nicht beurteilen können: Ob das Anforderungsprofil der gewählten Schule mit den Fähigkeiten des Kindes übereinstimmt.

Die erste Weichenstellung, Hauptschule oder AHS, ist noch relativ einfach. Sie hängt - zumindest im Stadtgebiet, wo die Entfernung der Schule von der Wohnung kaum eine Rolle spielt - meist von den Schulnoten ab.

Schwieriger wird es nach der achten Schulstufe: AHS-Oberstufe oder berufsbildende Schule? Und für die Hauptschüler: Weiter die Schulbank drücken oder Polytechnikum und Einstieg ins Berufsleben?

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Rund 60 Prozent der "Erstklassler" einer AHS bleiben dort bis zur Matura. Die meisten sehen das als Vorbereitung für ein Hochschulstudium - an der Uni, aber zunehmend auch an der Fachhochschule oder in Kollegs.

Der Abgang aus der AHS mit 14 ist oft, aber nicht immer eine "Flucht" vor zu hohen Anforderungen. Berufsbildende Schulen, die zur Reifeprüfung führen, wurden in den letzten Jahren immer attraktiver. Dazu trugen Aussagen aus der Wirtschaft bei: Nur Matura sei keine ausreichende Qualifikation für den Beruf. Anderseits werden "Schlüsselqualifikationen" - Teamfähigkeit, soziale Kompetenz, fundierte Sprachkenntnisse - von Personalchefs immer höher bewertet, Qualifikationen, für deren Vermittlung nicht die BHS, sondern die AHS prädestiniert ist.

Eine Trendumkehr ist in Sicht: Bei einem Seminar in Wien letzten Herbst über "Anforderungen an die Schule" gaben einige Bankmanager an, AHS-Maturanten gegenüber Handelsakademikern zu bevorzugen. Erstere müssen zwar die Buchhaltung nachlernen, haben aber, so die Manager, ein "besseres Auftreten" und "lassen sich eher etwas sagen".

Nur deshalb in eine berufsbildende Schule zu wechseln, weil man glaubt, dort leichter zur Matura zu kommen, ist oft eine Fehlspekulation: "In einer Schule für Kindergartenpädagogik ist man ohne musikalische Fähigkeiten total überfordert", so Gerhard Grötzl.

"Leicht" fällt das Lernen, wenn schulisches Anforderungs- und persönliches Eignungsprofil zusammenpassen. Um das herauszufinden, bieten die Schulpsychologen der Landesschulräte freiwillige Eignungstests an. In Wien nützen jährlich 1.500 bis 2.000 Schüler diese Möglichkeit, die Tendenz ist steigend. Auch die Bildungsberater an den Schulen werden häufig um Rat gefragt. Verpflichtende Aufnahmetests gibt es an Schwerpunktschulen für angehende bildende Künstler, Musiker oder Leistungssportler und an Bildungsanstalten für Kindergarten- und Sozialpädagogik.

Ob die Wahl richtig war, stellt sich "im günstigsten Fall nach einem, längstens aber nach zwei Jahren" heraus, so Gerhard Grötzl. Dann ist eine Korrektur noch möglich, es darf aber keine Zeit mehr verloren werden.

Wie es nach der Schule weitergehen soll, wissen die meisten 14jährigen noch nicht. Viele drücken gerne länger die Schulbank, um diese Entscheidung hinauszuschieben. "Nach ,Schnuppertagen' in Berufsschulen kommt es immer wieder vor, daß Schüler sagen: 'Jetzt weiß ich sicher, daß ich an der AHS bleiben will.' Sie erkennen selbst, daß es für den Sprung in die Praxis noch zu früh ist", erzählt Marianne Soustal, Bildungsberaterin im Gymnasium Kenyongasse.

Das Verschwimmen alter, starrer Berufsbilder bewerten Schüler unterschiedlich. Die einen reagieren ratlos, andere sehen die Flexibilität positiv. Sich nicht "für immer" festlegen zu müssen, kommt dem Lebensgefühl vieler Jugendlicher entgegen.

Wichtig ist, eine Schule zu wählen, in der die individuellen Fähigkeiten des Kindes bestmöglich gefördert werden, egal, in welchen Funktionen es diese Fähigkeiten später nützen wird. Die konkreten Fachkenntnisse muß sich ohnehin jeder immer wieder neu am Arbeitsplatz und in der berufsbegleitenden Fortbildung erwerben.

Die Bildungswege werden durchlässiger, die Unterschiede zwischen den einzelnen Schulen dagegen immer deutlicher. "Guter Ruf" allein reicht nicht mehr; heute müssen sich die einzelnen Schulen durch spezielle Angebote profilieren und sich gekonnt präsentieren. "Tage der offenen Tür" sind dafür die beste Gelegenheit. Auch wenn der künftige Schüler nur die "Highlights" zu sehen bekommt: Er kann die Atmosphäre schnuppern. "Das ist ungemein wichtig", weiß die Schulpsychologin Zeman. Trotz sorgfältigster Auswahl kann immer noch alles schiefgehen, wenn der Junior gerade diese Schule "nicht riechen kann".

Nächste Woche lesen Sie im Dossier: Der neue Kapitalismus will "flexible" Menschen * Loyalität, Verpflichtung, Verbundenheit - Werte von gestern in der Arbeitswelt von morgen?

* Werden wir zu "Menschen ohne Eigenschaften" deformiert?

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