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Deutsch - schwer gemacht

(Vor)schulische Initiativen zur Sprachförderung sollen Migrantenkindern mehr Chancen bieten. In der Praxis werden die Projekte bisweilen durch schlechte Vorbereitung - oder die Schulorganisation - konterkariert.

Was für ein Auftritt: "Ich möchte einmal Anwältin werden", verrät die 15-jährige Dinka in einem fast akzentfreien Redeschwall. "Und ich Unternehmerin - oder Schauspielerin", fällt ihr Monika ins Wort. Die beiden 15-jährigen Schülerinnen haben Großes vor - und nicht wenig hinter sich: Dinka stammt aus Kroatien, ihre Klassenkollegin Monika ist in Indien geboren. Dass ihnen die deutschen Sätze so locker über die Lippen kommen, verdanken sie unter anderem einem Sprachförderkurs. Ein Jahr lang haben die ehrgeizigen Schülerinnen der Bundeshandelsakademie und Bundeshandelsschule Pernerstorfergasse in Wien/Favoriten den Vorbereitungskurs für das Österreichische Sprachdiplom besucht. Um perfekt auf Deutsch parlieren zu können, haben sie ihre spärliche Freizeit geopfert - und vergangene Woche bei der mündlichen Abschlussprüfung restlos überzeugt.

Freiwillig büffeln

"Das ist eine zusätzliche Unterstützung für alle, deren Muttersprache nicht Deutsch ist", erklärt Katharina Fila, Schul-Koordinatorin für das Freifach "Österreichisches Sprachdiplom Deutsch" (ÖSD), später in der Teeküche. Rund 40 Prozent der Jugendlichen an ihrer Schule würden zu Hause nicht deutsch sprechen. Umso mehr freut sich Fila über die große Akzeptanz der Förderung, die auf Initiative des Wiener Stadtschulrates ins Leben gerufen - und im Vorjahr forciert wurde: Rund 70 Jugendliche des ersten Jahrganges hätten sich nach einem schriftlichen Diagnosetest angemeldet, um das "Jugenddiplom" des ÖSD zu erwerben. Immerhin 32 wollen auch noch die "Mittelstufe" erreichen, die ihnen den Weg an die Universitäten ebnet. "Wobei meist nur sehr gute Schülerinnen und Schüler zu uns kommen", ergänzt die Pädagogin. "Insgesamt muss man mit der Sprachförderung sicher viel früher beginnen."

Etwa schon im Kindergarten: Dieser Logik folgend hat das Bildungsministerium im vergangenen Schuljahr die Schuleinschreibung vorverlegt - und es den Direktorinnen und Direktoren damit ermöglicht, den Sprachstand der angehenden Taferlklassler festzustellen und sie rechtzeitig zu unterstützen. 640.000 Euro hat man den Ländern und Gemeinden zur Verfügung gestellt, um den österreichweit 8000 Kindergartenkindern mit Förderbedarf unter die Arme zu greifen - also exakt 80 Euro pro Kind und Jahr.

"Dieser Beitrag deckt die tatsächlichen Kosten nur zu zehn Prozent", kritisiert SP-Bildungssprecher Erwin Niederwieser. Hans-Jürgen Krumm, Germanist an der Universität Wien mit Schwerpunkt "Deutsch als Fremdsprache", ärgert sich eher darüber, dass diese "nicht dumme" Idee "aktionistisch und ohne Einbeziehung der Beteiligten" umgesetzt worden sei. "Das fängt damit an, dass die Schulleitungen gar nicht die Qualifikation haben, festzustellen, welche Kinder tatsächlich Förderbedarf haben", meint er im Furche-Gespräch. Ihm seien "groteske Fälle" berichtet worden, in denen der Schulleiter nur nach dem Namen - und nicht nach den tatsächlichen Sprachkenntnissen des Kindes - entschieden habe. Vor allem aber sei die Frage, wie Kinder mit solchen (freiwilligen) "Sprachtickets" tatsächlich gefördert werden sollten, nach wie vor ungeklärt. Dabei gebe es durchaus Vorbilder: "Meine Lieblingsbeispiele sind die Kindergärten in Niederösterreich, wo man so genannte interkulturelle Mitarbeiterinnen ausbildet, die mehrsprachig sind und die Eltern einbeziehen", meint Krumm. Bei einer umfassenden (und kostenlosen!) Förderung sei für ihn auch ein verpflichtendes Kindergartenjahr vorstellbar. "Aber dazu müsste es genügend Kindergartenplätze geben - sowie Kindergärtnerinnen und Kindergärtner, die zwar fördern, aber nicht Schule spielen."

Mit Mama lernen

Der Ernstfall Schule kommt für Kinder aus Migrantenfamilien früh genug - freilich ohne Einbeziehung ihrer Eltern. Mit der Initiative "Mama lernt Deutsch" will die Stadt Wien das ändern. Im Rahmen eines gemeinsamen Projekts mit der Wiener Städtischen und der Erste Bank werden ab Herbst 2200 Kursplätze angeboten. Zum Preis von einem Euro sollen Mütter aus sozial schwachen Schichten die Möglichkeit erhalten, am Schulstandort ihrer Kinder Deutsch - oder erst einmal Lesen und Schreiben - zu lernen. "Es geht darum, die Kluft zwischen Schule und Elternhaus zu schließen", erklärt Manfred Pinterits, Pflichtschulinspektor für den 15. Wiener Gemeindebezirk.

Eine andere Hürde bleibt für Kinder mit Migrationshintergrund indes unverändert hoch - auch wenn das Bildungsministerium ab dem kommenden Schuljahr 330 zusätzliche Lehrerdienstposten für die Sprachförderung an den Volksschulen zur Verfügung stellt: die Hürde Richtung Gymnasium. Tatsächlich liegt in Wiener Hauptschulen oder ihren modernisierten Varianten, den "kooperativen Mittelschulen", an denen auch AHS-Lehrer unterrichten, die Quote von Schülerinnen und Schülern mit nichtdeutscher Muttersprache oft jenseits der 80 Prozent. So auch in der kooperativen Mittelschule in der Kauergasse im Bezirk Rudolfsheim-Fünfhaus: "Gleichzeitig wurde die Förderung im interkulturellen Bereich heruntergefahren", klagt der Direktor der Schule, Werner-Klaus Herzele. "Vor zehn Jahren habe ich noch sechs speziell ausgebildete Lehrer gehabt, jetzt habe ich nur noch drei." Er sei zur Mängelverwaltung verurteilt - und glücklich darüber, dass seine Lehrerinnen und Lehrer trotz regelmäßiger Meldungen über das "Ende der kooperativen Mittelschule" bereit seien, weiterzumachen.

Endlos streiten

Wer oder was ist schuld an der Misere? Der zu knapp bemessene Finanzausgleich, meint Herzele. Das Fehlmanagement des Stadtschulrats, glaubt Katharina Cortolezis-Schlager von der Wiener ÖVP. Das österreichische Schulsystem mit seiner "unsäglichen Differenzierung im Mittelstufenbereich", sagt Schulinspektor Pinterits: Schließlich habe dieses dazu geführt, dass der soziale Hintergrund der Eltern die Bildungschancen von Kindern stärker beeinflussen würde als deren eigene Begabung (siehe auch Kommentar Seite 8).

Dinka und Monika bleiben von diesem Zank einstweilen unbehelligt. Die beiden ehrgeizigen Mädchen aus Kroatien und Indien haben mit der BHAK 10 die Schule ihres Vertrauens gefunden - und mit ihrem großen Auftritt bei der ÖSD-Sprachprüfung auch noch die Chance auf mehr...

Staatsbürgerschaft mit Schikanen

Über Arbeitsmangel können die acht Mitarbeiterinnen des "Österreichischen Sprachdiploms Deutsch" (ÖSD) nicht klagen: "Die Zahl der Prüfungen, die unsere rund 500 Prüferinnen und Prüfer abnehmen, ist um bis zu 200 Prozent gestiegen", erklärt Karoline Janicek im Büro des ÖSD im neunten Wiener Gemeindebezirk. Der Anstieg hat einen einfachen Grund: Seit Verschärfung der Integrationsvereinbarung im Jänner dieses Jahres und seit Inkrafttreten des (verschärften) Staatsbürgerschaftsgesetzes Ende März müssen Bewerberinnen und Bewerber Deutschkenntnisse auf A2-Niveau - Anfängerkenntnisse inklusive Lösung kleiner All-tagssituationen - vorweisen. Zuvor hatten Kenntnisse auf A1-Niveau gereicht. "Sprachkenntnisse sind sicher wichtig, aber das Gesetz war schlecht vorbereitet und wird teilweise falsch ausgelegt", klagt Janicek. So hätte eine russischsprachige Germanistin mit perfekten Deutschkenntnissen trotzdem die - 70 Euro teure - A2-Prüfung absolvieren müssen. Auch sei es kontraproduktiv, alle Personen, darunter bildungsferne Migranten, "nach Schema F zu testen". Doch das Gesetz wolle es so... DH

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