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Acht Frauen und ein "Memory"

Die Aktion "Mama lernt Deutsch" soll Migrantinnen in Wien die Chance auf sprachliche und soziale Teilhabe bieten - in der Schule ihrer Kinder. von doris helmberger

Hier eine Banane, dort ein Apfel, da ein Salathäupel und ein Laib Brot: die kleinen Bilder der Lebensmittel sind den Frauen mehr als vertraut. Doch wie um alles in der Welt lauten ihre deutschen Namen? Lal, die Inderin, und Asmaa, die Ägypterin, grübeln über ihren Memory-Kärtchen, führen gleiche Symbole zusammen - und tragen im beigelegten Lernblatt unter dem entdeckten Bilderpaar den fehlenden Namen ein. Keine besonders spannende Nachmittagsbeschäftigung, zugegeben. Aber für die beiden Frauen endlich eine Möglichkeit, in die Gründzüge der deutschen Sprache einzutauchen - nach drei bzw. fünf Jahren Aufenthalt in Österreich.

Leistbares Angebot

Gemeinsam mit sechs anderen Müttern sitzen sie in einer Klasse der Volksschule Marktgasse im neunten Wiener Gemeindebezirk - und lernen Vokabel, die ihr Nachwuchs längst beherrscht. "Mama lernt Deutsch" nennt sich die Aktion, die heuer erstmals von der Stadt Wien gemeinsam mit der Wiener Städtischen, der Erste Bank und dem Wiener Stadtschulrat gefördert und vom Integrationshaus, dem Verein "Interface" und drei Wiener Volkshochschulen durchgeführt wird. Zu einem leistbaren Preis: 150 Euro (ein Euro pro Einheit) kostet die Teilnahme am Kurs, der noch bis Anfang Juni nächsten Jahres läuft. Die Betreuung noch nicht schulpflichtiger Kinder inklusive.

Zweimal wöchentlich drei Stunden (je nach Raumangebot vormittags oder nachmittags) verbringen die Frauen in der Schule ihrer Kinder, um Deutsch zu lernen - und ganz nebenbei Einblicke zu gewinnen, wie das österreichische Schulwesen, das heimische Aufenthalts-und Arbeitsrecht sowie das Gesundheits-und Sozialsystem funktionieren. Nicht zuletzt werden Kontakte zur Schule und zu den anderen Kurskolleginnen geknüpft - eine große Chance für Frauen, deren soziales Netz sich meist auf die Familie und die gleichsprachige Community beschränkt.

"Wir haben eben einen emanzipatorischer Ansatz", freut sich Christine Kolroser, Direktorin der Volksschule Marktgasse, in der einer der insgesamt 120 Wiener "Mama lernt Deutsch"-Kurse angeboten wird. "Wobei es nicht darum gehen kann, dass die Frauen aufgewiegelt werden, sich gegen ihre Männer zu stellen. Es geht nur darum, Bewusstsein zu schaffen." Dass in vielen Migrantenfamilien ein "Empowerment" der Mütter nötig ist, hat die Direktorin selbst erlebt. "Ich begrüße jeden Morgen beim Eingang die Eltern persönlich. Da ist es mir schon passiert, dass ich mit einer Mutter reden wollte und ihr Mann zu mir gesagt hat: Meine Frau kann kein Deutsch. Die habe ich mir dann aber geschnappt ..."

Erlebnisse wie diese haben bei Kolroser bald den Wunsch keimen lassen, die Mütter ihrer Schülerinnen und Schüler verstärkt einzubinden. "Ich habe sogar an den Titel ,Mama lernt Deutsch', gedacht", erzählt die Direktorin der ersten "Global Education Primary School", deren Schüler "aus aller Welt" kommen und zu 60 Prozent eine andere Muttersprache als Deutsch besitzen.

Umso größer sei die Freude gewesen, als im April dieses Jahres ein Informationsschreiben der Stadt Wien über eine gleichnamige Aktion an Wiens Volks-und Hauptschulen auf ihrem Schreibtisch eingetrudelt ist. "Die Anlaufzeit war schwierig, weil wir ohnehin knappe räumliche Ressourcen haben", erinnert sich Kolroser. "Aber es ist alles eine Frage des Engagements."

Eine Einstellung, die Doris Schützeneder nur teilen kann. Als Leiterin des "Mama lernt Deutsch"-Kurses in der Volksschule Marktgasse ist die ausgebildete AHS-Lehrerin und Integrationshaus-Mitarbeiterin mit der Herausforderung konfrontiert, acht Frauen mit völlig unterschiedlichen Sprachkenntnissen und Lernerfahrungen individuell fördern zu müssen. "Aber die Frauen sind sehr tolerant", erzählt sie. "Und so funktioniert die Vielfalt im Kleinen sehr gut."

Bunt gemischt sind die Frauen nicht zuletzt, was ihre Herkunft betrifft: Zwei stammen aus Ägypten, zwei aus der Türkei, eine aus Indien und drei aus Serbien. Was sie eint, ist die Erfahrung, jahrelang in einem Land gelebt zu haben - ohne leistbare Möglichkeit, dessen Sprache zu lernen. "Meistens scheitert es auch an der fehlenden Kinderbetreuung", erzählt Doris Schützeneder. "Nachdem die aber Bestandteil unserer Kurse ist, erreichen wir viele Frauen, die bisher immer zu Hause bei ihren Kindern geblieben sind."

Eine von ihnen ist Elshaimaa. Seit drei Jahren lebt die aus Ägypten stammende Mutter dreier Kinder in Österreich. Doch Optionen zur Deutsch-Konversation ergaben sich bisher kaum. "Zu Hause sprechen wir eben arabisch", erzählt sie in der Pause im Werkraum, wo ihre zwei kleinen Kinder während der Kurszeit von zwei zweisprachigen Pädagoginnen betreut werden. "Aber ich will ja deutsch sprechen - schließlich lebe ich in diesem Land."

Sprache als Empowerment

Doris Schützeneder sind die Sprachfortschritte ihrer Schülerinnen zu wenig. Sie sollen vielmehr - im Sinn des emanzipatorischen Ansatzes der "Mama lernt Deutsch"-Kurse - auch das "normale Leben der Mehrheitsgesellschaft" lernen. Zu diesem Zweck sind auch Exkursionen in das zuständige Bezirksamt, die städtische Bücherei und auf den Christkindlmarkt geplant. Für die meisten Frauen eine exotische Erfahrung, weiß Schützeneder: "Bei einem Kurs habe ich erlebt, dass 90 Prozent der Frauen noch nie im ersten Bezirk gewesen sind."

Diesmal steht freilich nur noch Bürokratisches am Programm - und die Abklärung allfälliger Fragen zum nächsten Vortrag über "Das soziale Netz": Wer kann mir helfen, wenn es Probleme mit der Wohnung gibt? Wie beantrage ich Familienbeihilfe? Und was macht das AMS eigentlich?

Lal, Asmaa und die anderen sechs Frauen ahnen es längst: "Memory" ist nichts dagegen ...

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