Ferienlager Kinder - © Foto: Anna Samoylova / Unsplash

Was im Ferienlager wichtig ist

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Im Idealfall bieten Feriencamps gleichsam persönliche Entwicklung und Erholung. Lager-Erprobte geben Auskunft über Qualität und Sinn.

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Im Idealfall bieten Feriencamps gleichsam persönliche Entwicklung und Erholung. Lager-Erprobte geben Auskunft über Qualität und Sinn.

Ferien bedeuten für Kinder und Jugendliche in erster Linie Durchatmen und Spaß unter Freunden. Genau das wollen Lerncamps bieten mit dem Zusatz, die Sprösslinge für das nächste Schuljahr fit zu machen. Eine öffentliche Instanz, die den Erfolg solcher Camps prüft, gibt es nicht.

Ferien bedeuten für Kinder und Jugendliche in erster Linie Durchatmen und Spaß unter Freunden. Genau das wollen Lerncamps bieten mit dem Zusatz, die Sprösslinge für das nächste Schuljahr fit zu machen. Eine öffentliche Instanz, die den Erfolg solcher Camps prüft, gibt es nicht.

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Dass Feriencamps Kinder in ihrer Entwicklung - sei es jetzt in sozialer, in sportlicher oder in schulischer Hinsicht - wesentlich unterstützen können, ist sich Mutter Sabine Decker aus ihrer Erfahrung sicher. Sie schickt ihre Kinder jährlich auf „mindestens ein Ferienlager“, wie die AHS-Lehrerin für Deutsch und Chemie erzählt. „Meine Kinder sollen solche Lager erfahren, weil mir in erster Linie der soziale Aspekt, das Gruppengefühl, wichtig ist.“

Deckers Töchter Helena (16) und Nausikaa (13) fahren hauptsächlich auf Sportcamps. „Das ist dann Sport intensiv mit zwei bis drei Trainings am Tag, beginnend mit einem Dauerlauf um sieben Uhr morgens.“ Nichts also für Kinder, die sich den Kurs nur einmal anschauen wollen. „Es geht darum, in der nächsten Saison gut vorbereitet zu sein.“ Die Mädchen spielen während des Jahres Volleyball im Verein.

Der Camp-Erfolg ist für die Mutter klar erkennbar: „Eine Woche Volleyballlager entspricht in etwa drei Monaten herkömmlichem Training. Sie sind dann einfach viel besser.“ Nausikaa und Helena haben nicht nur mit sportlichen Kletter-, Segel- oder Volleyballcamps Erfahrung. Auch eine Lernwoche in Kärnten haben sie hinter sich, bei der sie mit „native speakers“ ihr Englisch aufbesserten.

Frage des Anspruchs

Vom Ablauf her folgte dort nach einem gemeinsamen Frühstück die erste, 90-minütige Englisch-Einheit, in der sich die Lerngruppe spielerisch in der mündlichen Konversation übte. Die Abwechslung zum Englischunterricht stellte der Reitunterricht am Nachmittag dar oder das Baden im See. Ob die Töchter auf die Intention ihrer Mutter nicht trotzig reagieren, wenn sie in den Ferien lernen müssen? „Da gibt es keinen Ärger, den Mädels macht das Spaß. Bei mir müssen sie immer in den letzten drei Ferienwochen Englisch oder Mathe wiederholen“, betont die Lehrerin und schmunzelt: „Ich bin da keine sehr nette Mama.“

Wichtig ist, dass die Betreuer reflektierte Menschen sind und eine professionelle Einschätzung ihrer Rolle und ihrer Aufgaben haben.

Ruth Schwarzbauer, Wiener Institut für Freizeitpädagogik

Von der Qualität der einzelnen Camps hat sich Decker nie im Vorhinein überzeugt. „Wir sind einfach hingefahren und haben uns das angeschaut. Manchmal habe ich schon gewusst, wer die Betreuer sind, denen habe ich vertraut.“ Das einzig Störende an den Camps ist für die Lehrerin der Preis: „Sie kosten viel. Die Ferien-Organisation verdient mit, nicht nur die Betreuer oder das Quartier. Aber ich will mir das leisten. Im Vergleich: die Schul-Projektwoche, die ich bald mit meinen Schülern mache, kostet auch über 300 Euro.“

Die Qualität der Unterkunft oder des Essens seien für sie eher zweitrangig, auch ihre Töchter wären in dieser Hinsicht relativ anspruchslos. „Ich möchte nur, dass die Kinder von Leuten betreut werden, die sich verständnisvoll um sie kümmern.“

Reflektierte Betreuung

Die Frage nach der „richtigen“ Betreuung ist auch für Diplomsozialarbeiterin Ruth Schwarzbauer vom Wiener Institut für Freizeitpädagogik (ifp) wesentlich. Eine einheitliche, öffentlich anerkannte Ausbildung zum Betreuer für Ferienlager existiert nicht. „Da gibt es verschiedene Anstellungsträger, die haften für die Qualität ihrer Mitarbeiter“, erklärt Schwarzbauer.

„Meiner Einschätzung nach ist eine pädagogische Ausbildung im Umgang mit Kindern und Jugendlichen vonnöten, gleichzeitig spielt Erfahrung eine große Rolle. Wichtig ist, dass die Betreuer reflektierte Menschen sind und eine professionelle Einschätzung ihrer Rolle und ihrer Aufgaben haben.“

Für Jugendleiterinnen und -leiter bietet das ifp einen Grundkurs „Jugendarbeit“ an, der befähigen soll, Freizeitaktionen selbstständig durchzuführen und der sich etwa mit Gruppenphänomenen, Motivation oder psychologischen Grundlagen befasst. Ehrenamtlichen Jugendarbeitern werden die Kosten des 10-monatigen Kurses in der Höhe von 365 Euro rückerstattet. Den Abschluss bildet ein Prüfverfahren und ein Zertifikat, das die MA 13 für Jugend und Pädagogik ausstellt.

Nicht selten betreuen Lehramtsstudentinnen und -studenten Kinder auf Lerncamps, obwohl sie keine abgeschlossene Ausbildung haben. Das findet Schwarzbauer „durchaus legitim“. „Vom Studium und Praktikum hat man eine gewisse Erfahrung. Für erstsemestrige Betreuer wird es wohl eine größere Herausforderung, weil sie nur auf trockenes, theoretisches Wissen zurückgreifen können. Die haben es bestimmt schwieriger, mit einer Gruppe von Kindern, die verschiedene soziale Hintergründe mit sich bringen, umzugehen.“

Vernachlässigte Kinder

Die 23-jährige Mathematik- und Chemiestudentin Ines N. war bereits mehrmals im Zuge von Ferialjobs Betreuerin auf einem Lerncamp in Annaberg (NÖ). Die Herausforderung, mit Kindern unterschiedlicher Herkunft zu arbeiten, kennt sie, findet es aber wichtig, sich ihr schon während des Studiums zu stellen: „Wir hatten Kinder aus finanziell schwächeren Familien in der Gruppe, denen die Lagerkosten mit öffentlichen Geldern zum Teil rückerstattet wurden. Kinder zu fördern, die vielleicht auch von den Eltern vernachlässigt werden, ist eine tolle Sache. Der Umgang mit den unterschiedlichsten Persönlichkeiten ist eine wertvolle Erfahrung für den Beruf als Lehrerin.“

Das Tagesprogramm in Annaberg verlief die gesamten 18 Tage nach dem gleichen Muster: Nach dem gemeinsamen Frühstück lernten Volksschüler, Hauptschüler und Gymnasiasten in Kleingruppen von sechs bis sieben Schülern bis zu Mittag. In der anschließenden Pause nach dem Essen hatten einzelne Lerngruppen Hausübungen zu erledigen und Freiraum für Rückzug und Erholung. Am Abend stand Sport und Spiel am Programm.

Erfolg wider Willen?

Der Erfolg von Lerncamps hänge stark davon ab, ob die Kinder freiwillig am Lager sind oder von den Eltern zum Lernen verdonnert wurden. „Sicher wollen Schüler in den Ferien nicht lernen, andererseits sehen sie doch ein, dass sie einen Fünfer im Zeugnis gehabt haben und jetzt lernen müssen.“ Erfolge konnte die Studentin bei den Kindern durchgehend beobachten.

Auch sie unterstreicht die Wichtigkeit einer qualitätsvollen Betreuung. „Unser Veranstalter hat Prüfer ins Camp geschickt. Es gab auch immer wieder telefonische Rücksprachen bei Schwierigkeiten.“ Über manche Ferienlager hat die Studentin aber schon Negatives gehört, etwa „dass Betreuer am Nachmittag lieber etwas trinken gegangen sind, anstatt sich ausreichend um die Nachmittagsgestaltung zu kümmern.“

Eltern, die ihre Kleinen in guten Händen wissen möchten, rät sie: „Foren und Bewertungen im Internet helfen, die Qualität einzuschätzen und das passende Ferienlager zu finden.“

Die Autorin ist freie Journalistin.

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