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Gewaltbereite Kinder, hilflose Erwachsene

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Zwei Wiener Pädagoginnen bieten gezielte Hilfe für die Bewältigung von Gewaltbereitschaft in den Schulen an.

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Zwei Wiener Pädagoginnen bieten gezielte Hilfe für die Bewältigung von Gewaltbereitschaft in den Schulen an.

Laut Statistik ist jeder vierte Schüler heute als gewaltbereit einzustufen oder hat bereits Erfahrungen mit Gewalt gemacht. Psychoterror, Verbalattacken, Faustrecht - sie sind vielleicht unübersehbare Zeichen jugendlicher Verunsicherung oder Verzweiflung, denen auch Lehrer und Eltern oft ratlos gegenüberstehen.

In Wien sind zwei engagierte Pädagoginnen dabei, das Thema Aggression an Schulen von der positiven Seite her zu bearbeiten. Sie bieten nach einer längeren Ausbildung zu Mediatorinnen Konfliktlösungsmodelle für Schüler, Lehrer und Eltern an. Christine Nirschl, eine der beiden Mediatorinnen, selbst Lehrerin an der Gesamtschule in Wien-Atzgersdorf, hat mit der neuen Methode bereits gute Erfahrungen gemacht: "Junge Leute sind lernfähig. Ich erlebe bereits das dritte Jahr, wie Kinder ab dem Volksschulalter unter fachlicher Anleitung lernen, mit ihrem Aggressionspotential fertig zu werden." Ihre Kollegin Friederike Böttger holt noch weiter aus: "Nicht der Konflikt ist das jeweilige Problem, vielmehr die Art und Weise, wie damit umgegangen wird. Unser ,kooperatives Konfliktlösungstraining' zeigt Mittel und Wege, wie Schüler, Lehrer und auch Eltern Streitkultur erlernen und erleben können. Streitkultur gehört heute zu unserem Leben und kann als sehr konstruktive Kraft genützt werden."

Dazu sind neue pädagogische Modelle notwendig. Gewalt muss dort verhütet werden wo sie entsteht, Gewaltbekämpfung sollte der Gesellschaft ein wichtiges Anliegen sein. Böttger dazu: Unsere Gesellschaft müsse bereit sein zu erkennen, dass es ohne die traditionellen Werte wie Einfühlungsvermögen, Rücksichtnahme, Aufmerksamkeit, Toleranz und Verständnis kein Miteinander gibt. Weder in Schulen noch im Familien und natürlich auch nicht im Berufsleben. "Diese soziale Kompetenz - wir nennen sie Empathie - kann durchaus erlernt werden."

Erziehung zur Konfliktfähigkeit ist an unseren Schulen und in der Lehrerausbildung bisher allerdings (noch) kein konkretes Thema.

Christine Nirschl beginnt im Herbst an ihrer Schule neuerlich mit dem Unterricht zum Aufbau einer funktionierenden Konfliktkultur. Am Anfang steht eine wöchentliche Zusammenkunft mit Lehrern und Schülern, bei der das notwendige "Werkzeug" vorgegeben wird. Die Kinder werden bei diesen Schulungen so eingebunden, dass es ihnen später möglich wird, selbst als Konflikttrainer in ihrer Klasse zu arbeiten.

Die bisherigen Erfahrungen haben gezeigt, dass sich während des Trainings Schüler melden, die sich als Konfliktlotsen und Streithelfer ausbilden lassen möchten. Diese jungen Leute arbeiten dann an der eigenen Schule im Sinne der Peergroup-Erziehung, das heißt, Gleichaltrige helfen Gleichaltrigen bei der Bewältigung ihrer jugendspezifischen Probleme. Da jedoch alle Schüler die wichtigsten Richtlinien der erfolgreichen Konfliktbewältigung kennen müssen, steht bei der Ausbildung an erster Stelle die Sensibilisierung der ganzen Klasse mit Hilfe des Konfliktlösetrainings.

Die Ausbildung ist freiwillig, die Schüler dürfen sich nach Abschluss "Streithelfer" nennen und bekommen auch einen entsprechenden Vermerk ins Schulzeugnis. ("Tätig als Schulmediator"). Ergebnisse, die sich - nach erfolgter Schulung - im Schulalltag bemerkbar machen sind unter anderem: Ein konfliktärmeres Klassenklima, weniger Angst im Schulalltag, weniger disziplinäre Probleme, Erlernen eines gesunden Selbstvertrauens und einer angemessenen Selbstbehauptung, das Erfassen der Rechte und die Respektierung der Würde des anderen. Dazu kommt das Lernen, die eigenen Interessen zu wahren, ohne die des (Konflikt)-Partners zu missachten. Erwartet wird eine geringere Anfälligkeit für Suchtgifte und Drogen, wenn Jugendliche gelernt haben, Angst und Stress zu bewältigen.

Eltern machen mit Ein nicht unwesentliches Ziel der Ausbildung ist es auch, dass Schüler lernen, sich bei Konflikten Hilfe von außen zu holen. Positive Rückmeldungen von Eltern haben den Trainerinnen gezeigt, dass eine Ausbildung in Konfliktmanagement auch das Familienleben positiv beeinflusst und dass viele Probleme im Familienkreis leichter gelöst werden konnten als früher. Die beiden Pädagoginnen sind sich auch darüber einig, dass die Schulung sich auch im späteren Leben, auf der Ebene der Paar-Beziehung günstig auswirken wird.

Scheitert es am Geld?

Das Arbeiten der Mediatorinnen mit der ganzen Klasse unterscheidet sich wesentlich von der Arbeit der an der Schule angestellten Psychagogen. Diese arbeiten mit den Schülern in sogenannter "Einzelbetreuung". Die Mediation bezieht jedoch die ganze Klasse und den Klassenlehrer mit ein, da dieser ja die erworbenen Fähigkeiten der Schüler miterhalten und ausbauen helfen soll. Eine umfassende Information der Eltern und der am Programm interessierten Lehrerschaft ist ebenfalls Teil des Schulungsangebotes. Zusammengearbeitet wird mit einer Münchner Pädagogen- und Psychologengruppe, die bereits mit viel Erfolg das "Kooperative Konfliktlösetraining" als Grundlage und Vorstufe zur Konfliktlöse- und Friedensarbeit an Schulen praktiziert.

In Niederösterreich besteht eine Mediationsgruppe für Volksschulen (und in Zukunft wahrscheinlich auch für Kindergärten) unter der Leitung von Katharina Eder und Sabrina Fuchs. Auch seitens der Allgemein Bildenden Höheren Schulen (AHS) besteht Interesse an einem Ausbau der Ausbildung sowohl für Schulpsychologen als auch für Schüler.

Ein großes Fragezeichen ist die Finanzierung der Mediatoren. In Zeiten des Sparstiftes kann an eine Bezahlung seitens der Schulen nicht gedacht werden. Man hofft auf Elternvereine, Stiftungen oder Private, die sich für das Projekt interessieren ...

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