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"Mach Platz für dein Leben!"

Sieben Expertinnen und Experten haben in einem Arbeitskreis in Pernegg die aktuellen Entwicklungen in der Bildungslandschaft kritisch unter die Lupe genommen - und Verbesserungsvorschläge präsentiert.

Nie mehr Schule!": Wie sonst könnte wohl eine TV-Show heißen, die sich mit den individuellen Schulerfahrungen von Prominenten auseinander setzt? Und wer sonst als ein Kabarettist - diesmal Gerold Rudle - ist geeignet, in der Rolle des Lehrers dieser etwas anderen Schulklasse knifflige Fragen aus den Bereichen Physik und Mathematik, Deutsch und Englisch oder Chemie und Biologie zu stellen?

"Nie mehr Schule", die neue Freitag-Abend-Show des ORF, verbindet eben alle Klischees, die rund um die Bildungsinstitution Schule kursieren: ein Ort, der auch Jahrzehnte später noch negative Erfahrungen wach werden lässt; eine Einrichtung, in der einem die Lust am Lernen bald vergangen ist - ebenso rasch wie das Kurzzeitwissen; eine Lebensphase also, der man retrospektiv am besten mit Ironie begegnet.

Schule ohne Leben?

Dabei gebietet das eigentliche Ziel von Schule Ernsthaftigkeit. Schließlich geht es darum, möglichst vielen jungen Menschen das Rüstzeug zu vermitteln, ihre Fähigkeiten und ihr geistiges Potenzial für sich und das Gemeinwohl optimal auszubilden. Doch wie gelingt diese Kunst? Was muss bei der Organisation des Unterrichts, bei der Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer und beim täglichen Miteinander im Lebensraum Schule beachtet werden, damit ein kreatives Lern-Klima entsteht, bei dem weder schwächere noch besonders begabte Kinder auf der Strecke bleiben? Dieser Fülle an Fragen hat sich im Rahmen der 9. GLOBArt Academy ein Arbeitskreis gewidmet.

"Wir müssen uns vor allem darauf besinnen, dass Wissen nicht nur ,kaltes Wissen', also Faktenwissen ist", meinte Hanna Risku, Leiterin des Departments für Wissens-und Kommunikationsmanagement an der Donau-Universität Krems und gebürtige Finnin. "Der Lernprozess muss mit dem eigenen Leben zu tun haben - ganz im Sinn des aktuellen Ikea-Slogans: ,Mach Platz für dein Leben!'" Im PISA-Siegerland Finnland versuche man bereits seit den 1970er Jahren, dieses Motto durch eine Vielzahl an Maßnahmen im Schulsystem Wirklichkeit werden zu lassen - und zudem die Bildungschancen an alle Kinder fair zu verteilen. So gebe es in der gemeinsamen Schule für die Sieben-bis 15-Jährigen keine Leistungsgruppen, sondern Kleingruppen, in denen die Kinder individuell gefördert werden. In der zwei bis vier Jahre dauernden Oberschule könnten die Jugendlichen je nach Interesse Kurse wählen, bevor der Grundkanon des Wissens in einer landesweiten Zentralmatura abgeprüft werde. Spätere Veröffentlichung der Ergebnisse inklusive.

"Eine solche Veröffentlichung bringt eine enorme Konkurrenz zwischen den Schulen", kritisierte Norbert Pachler, Lehrerbildner und Fremdsprachendidaktiker an der University of London, prompt. Er wies auch darauf hin, dass die rasanten Entwicklungen im Bereich der Informations-und Kommunikationstechnologien schon sehr bald "Alternativen zur traditionellen Vorstellung von Schule" mit sich bringen würden.

Mehr Sympathie für die finnischen Schulen brachte der Dortmunder Soziologe Michael Hartmann (vgl. Seite 23) auf. Er schätzt vor allem die integrative Kraft der binnendifferenzierten finnischen Gemeinschaftsschulen: "Ich bin seit langem der Überzeugung, dass es anachronistisch ist, die Kinder im Alter von zehn Jahren aufzuteilen", meinte Hartmann. "In all unseren Untersuchungen hat sich gezeigt, dass es besser ist, wenn sie möglichst lange zusammenbleiben. In solchen heterogenen Einheiten lernen auch begabte Kinder noch dazu, weil sie es den anderen erklären wollen."

Die deutschen Gesamtschulen, die bei der letzten PISA-Studie vergleichsweise schlecht abgeschnitten haben, seien laut Hartmann keine solchen "heterogenen Einheiten", sondern "homogene Einheiten im schlechten Sinn": "In Deutschland hat man den Strukturfehler begangen, die Gesamtschulen parallel zu den Gymnasien zu etablieren - was dazu geführt hat, dass diejenigen, die bislang in die Hauptschulen gegangen sind, nun einfach in den Gesamtschulen landen." In Finnland freilich habe man sich aufgerafft, flächendeckend gemeinsame Schulen einzuführen.

Lehren ohne Motivation?

Von Fairness und Förderung à la finoise können Wiener Hauptschullehrerinnen und-lehrer indes nur träumen. "Das nahe Gymnasium saugt alle einigermaßen begabten Schüler ab - wie Nilfisk", klagte eine Teilnehmerin des Arbeitskreises. "Außerdem haben bei uns bis zu 75 Prozent der Kinder nicht Deutsch als Muttersprache." Statt verstärkt in die Förderung dieser Kinder zu investieren, seien Stellen für Stützlehrer gekürzt worden, kritisierte die Pädagogin. Kein Wunder, dass an ihrer Schule "sehr schlechte Voraussetzungen bezüglich Motivation" herrschten.

Auch Stefan Götz, Fachdidaktiker an der Fakultät für Mathematik der Universität Wien, kennt den Druck, dem die Pädagogen ausgesetzt sind. "Viele Lehrer gehen sehr motiviert in die Schule, werden aber durch straffe Lehrpläne sehr bald desillusioniert", meinte er in Pernegg. Um in Österreich den Rückstand bei der Didaktik-Forschung im Grund-und Vorschulbereich wettzumachen, hätte sich Götz eine gemeinsame universitäre Ausbildung aller Lehrerinnen und Lehrer gewünscht - ein Traum, der durch die Einrichtung spezieller Pädagogischer Hochschulen für die Pflichtschullehrer konterkariert wurde.

Nicht erfüllt wird mittelfristig wohl auch die Hoffnung des Salzburger Fachdidaktikers und Erziehungswissenschafters Fritz Schweiger auf mehr Team-Teaching an den Schulen. "Doch oft hat man den Eindruck, dass sich Lehrerinnen und Lehrer ungern in die Karten schauen lassen", meinte er in Pernegg. Um angehenden Pädagogen zumindest die Möglichkeit zu geben, offener zu werden und auch ihre eigenen Unterrichtserfahrungen aufzuarbeiten, wurde an der Universtität Salzburg eine eigene Lehrveranstaltung ins Leben gerufen.

Durchwegs rosiger als seine Kolleginnen und Kollegen im Arbeitskreis sah Thomas Mayr, Geschäftsführer des Instituts für Bildungsforscherung der Wirtschaft (IBW), die Situation des österreichischen Bildungssystems. "Tatsache ist, dass wir in Österreich einen sehr gut ausgebildeten, berufsbildenden Bereich haben", erklärte Mayr. Auch wenn man in Österreich eine Jugendarbeitslosigkeit von knapp zehn Prozent verzeichne, so liege diese Rate in Finnland mehr als doppelt so hoch. "Im konkreten Leben liegen wir also bedeutend besser." Als grundsätzlich positiv bezeichnete er auch die Initiativen im Bereich des "lebenslangen Lernens": "Wir müssen endlich beginnen, Bildung als völlig altersunabhängigen Prozess zu begreifen", wünschte sich Mayr in Pernegg.

Bildung ohne Barrieren!

Sich unabhängig vom Alter weiterzubilden, ist bei der "Megaphon-Uni" eine Selbstverständlichkeit. Seit dem Wintersemester 2004/2005 werden im Rahmen dieses Projekts an der Universität Graz verständliche, spannende und kostenlose Vorträge für all jene angeboten, die auf Grund ihrer Ausbildung, Herkunft oder sozialen Stellung kaum mit dem universitären Bildungsangebot in Berührung kommen - darunter etwa die Bewohner der Sozialeinrichtungen der Stadt Graz, der Caritas oder der Vinzenzgemeinschaft. Von Naturwissenschaften über Kochkunst bis hin zur Weltraumforschung reicht die Palette der gereichten Wissens-Bissen. "Es geht uns vor allem darum, Bildungsbarrieren abzubauen und zum Lernen zu motivieren", erklärte Gerhild Wrann, eine der Initiatorinnen dieses ehrenamtlichen Bildungsprojekts, dem staunenden Pernegger Publikum. "Außerdem holen wir die Menschen dort ab, wo sie stehen."

Mit diesem scheinbar simplen Motto erreicht die Grazer Megaphon-Uni das, was in vielen österreichischen Klassen noch so schmerzlich fehlt: Lust am Lernen - und Platz für's eigene Leben.

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