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Überschuss an Stoff trifft auf Defizit an Zeit

Erlagscheine ausfüllen, den Unterschied zwischen Brutto und Netto erkennen, lernen, wie ein Bankkonto funktioniert und was Zinsen sind: Wenn es nach dem Team Stronach geht, sollen österreichische Schüler "möglichst früh" wirtschaftliche Grundbegriffe in Form eines eigenen Unterrichtsfaches erlernen. "Man kann nicht früh genug beginnen, über Geld zu sprechen", erklärte Klubobfrau Kathrin Nachbaur etwa zur Halbzeit der Sommerferien. Auf diese Weise möchte man auch das heimische Unternehmertum fördern. Zur praktischen Ergänzung soll es Wirtschafts-oder Sozialpraktika geben.

Wirtschaft als Unterrichtsfach ist keine Neuheit: Schon zu Zeiten Maria Theresias waren Grundzüge der Ökonomie, der Landwirtschaftskunde und des allgemeinen Haushaltens, Teil des allgemeinen Pflichtschulunterrichts. Erst als im Jahr 1919, also nach 145 Jahren ganztägigem Unterricht, auf die Halbtagsschule umgeschwenkt wurde, nahm man Wirtschaft vom Lehrplan -dafür fehlte nun schlichtweg die Zeit.

Der Bildungsexperte und ehemalige Präsident des steirischen Landesschulrates, Bernd Schilcher, heißt die Forderung des Team Stronach willkommen: "Selbstverständlich braucht man Grundzüge des Wirtschaftens und Rechts in der Pflichtschulausbildung", meint er. Auch Brigitte Jank, VP-Bildungssprecherin und ehemalige Präsidentin der Wiener Wirtschaftskammer, sieht diesen Bedarf. Zwar werde teilweise schon mit Wirtschaftspartnern kooperiert, dennoch fehle es an der Vermittlung wirtschaftlicher Zusammenhänge. "Dafür ist der Geographie- und Wirtschaftskundeunterricht nicht ausreichend. Es geht aber auch um die Förderung des Unternehmergeistes an sich", meint sie und verweist auf eine Studie der EU-Kommission, derzufolge die Zahl der Menschen mit Gründungsneigung europaweit zurückgeht.

Separates Fach -oder Vernetzung?

Die Grünen und die SPÖ hingegen wollen kein zusätzliches Unterrichtsfach Wirtschaft etablieren: "Man muss aufpassen, dass man das System Schule nicht überfrachtet, indem man ständig neue Fächer erfindet", sagt SPÖ-Bildungssprecherin Elisabeth Grossmann. Anstelle einer eigenen Unterrichtseinheit sollten wirtschaftliche Inhalte stärker in bereits bestehende Fächer eingebaut werden; laut Grünen-Bildungssprecher Harald Walser werde auf diese Weise auch das vernetzte Denken der Kinder gefördert.

Der Vorschlag eines Wirtschafts- oder Sozialpraktikums in der letzten Schulwoche, das ab der siebenten Schulstufe absolviert werden soll, wird hingegen grundsätzlich positiv aufgenommen. In zahlreiche Schulen in der Schweiz oder in Deutschland ist das bereits Usus. "Schüler ab 15 Jahren gehen Ältere in Heimen besuchen und spazieren mit ihnen. So lernen sie sehr früh, sich sozial zu verorten", erklärt Schilcher. Berufspraktische Tage in Pflichtschulen gibt es auch hierzulande. Diese nach dem Vorschlag des Team Stronach in allen Schultypen zu forcieren, hält SPÖ-Bildungssprecherin Grossmann für eine gute Idee -allerdings auf freiwilliger Basis. "Man sollte dabei auch die geschlechterspezifische Segregation bekämpfen, etwa Mädchen motivieren, sich technische Bereiche anzusehen -und Burschen die sozialen Berufe näherbringen." Dennoch bringen diese Praxiserfahrungen auch Probleme mit sich: "Bei den berufspraktischen Tagen haben wir häufig zu wenige Plätze, außerdem kommt es leider oft vor, dass die Jugendlichen ausgenutzt werden", so Grossmann. Man müsse Rahmenbedingungen schaffen, um Derartiges künftig zu verhindern.

Beim Vermitteln der unter Jugendlichen oft weniger geschätzten Wirtschaftsthemen nehmen außerdem die Lehrer eine Schlüsselposition ein. "Viele AHS-Lehrer kommen direkt vom Studium und haben nichts vom praktischen Leben gesehen. Wie sie die Schüler auf eben dieses vorbereiten sollen, ist mir schleierhaft", so Bildungsexperte Schilcher. Für Jank soll die Wirtschaft deshalb nicht nur in die Schule, sondern auch in die Lehrerbildung Einzug halten: "Wirtschaftliches Basiswissen und ein Praktikum in einem Unternehmen muss obligatorischer Teil der Ausbildung werden. Ich wünsche mir auch viel mehr Lehrer und Lehrerinnen, die aus der Praxis kommen , so wie das auch in berufsbildenden Schulen der Fall ist." Reiner Theorieunterricht an Schulen habe laut Schilcher auch Auswirkungen auf die Gesellschaft: "Man erzieht damit Menschen, die alles wissen, aber noch nie geschaut haben, wie sich dieses Wissen auch umsetzen lässt. Dass wir in Österreich immer wieder Studien machen, die dann erst wieder nicht umgesetzt werden, hängt auch damit zusammen, dass das in unseren Schulen nicht vermittelt wird."

Die Forderung nach mehr Praxisnähe im Unterricht trifft dabei keineswegs nur auf die Wirtschaftsthematik zu. "Die Schüler brauchen auch die Möglichkeit, ihre haptischen und handwerklichen Fähigkeiten entwickeln zu können. Das geht bis hin zur angewandten Mathematik: Man kann dort beispielsweise kleine Häuschen bauen, um dann ihre Statik zu berechnen", so Schilcher. Aber auch die eigene Lebensführung sollte laut Elisabeth Grossmann in die bestehenden Fächer eingebaut werden: "Wie gehe ich mit meinem Geld und anderen Ressourcen um, wie ernähre ich mich gesund, identifiziere diverse Zusatzstoffe in Lebensmitteln und wie führe ich einen Haushalt -das alles sollte möglichst früh vermittelt werden."

Interesse an MINT fördern

Österreichweit besteht ein Mangel an Studierenden der sogenannten "MINT-Fächer" (Mathematik, Informatik, Mathematik und Technik"), ein Mangel, der sich wiederum auf die heimische Wirtschaft auswirkt. Auch diesem Umstand könne man laut dem Bildungsexperten Schilcher schon in der Schule entgegenwirken: "Wir brauchen das, was wir schon in den alten Lehrplänen hatten: Naturwissenschaften. Physik, Chemie und Biologie sind darin kombiniert und schwerpunktmäßig in Unterrichtseinheiten aufgeteilt." Ein System, das in nahezu allen europäischen und angloamerikanischen Ländern selbstverständlich ist. "Auf diese Weise zeigt man den Schülern, dass die Inhalte in vielen Fächern nicht voneinander losgelöst gesehen werden können", betont auch Grünen-Sprecher Walser. In Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Konflikte wünscht sich ÖVP-Sprecherin Jank zudem einen verpflichtenden Ethikunterricht für jene Schüler, die keinen konfessionellen Religionsunterricht besuchen.

Bei allen Ideen zu neuen oder integrierbaren Inhalten in die heimischen Lehrpläne wird jedoch schnell eines deutlich: Von früh morgens bis mittags sind diese kaum unterzubringen. "Versuchen Sie einmal, im Wörterbuch auf Französisch, Englisch oder Skandinavisch das Wort 'Ganztagsschule' zu finden. So etwas gibt es nicht, weil auf der ganzen Welt klar ist, dass Schule keine Halbtagseinrichtung ist", erklärt Harald Walser. Ganztägig soll aber nicht weniger Freizeit bedeuten: Auch Musikschulen und Sportvereine sollten ihmzufolge für dieses Projekt mit an Bord geholt werden, keinesfalls soll von morgens bis abends die Schulbank gedrückt werden. Auch SP-Bildungssprecherin Grossmann sieht hier -zugunsten der Schüler -Handlungsbedarf: "Das alles in unser Halbtagssystem hineinzustopfen und gleichzeitig noch Persönlichkeitsbildung zu betreiben, ist eine kaum zu bewerkstelligende Kunst."

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