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"Ethik sollte in allen Fächern Thema sein"

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Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ) über die Neuerfindung von Schule, Ethikunterricht und die Arbeitsmoral der Regierung.

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Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ) über die Neuerfindung von Schule, Ethikunterricht und die Arbeitsmoral der Regierung.

Im vergangenen Mai wurde Sonja Hammerschmid, damals noch parteifreie Rektorin der Veterinärmedizinischen Universität, von Familienministerin Sophie Karmasin (ÖVP) mit Energydrinks und dem Buch "Ankommen" von FURCHE-Feuilletonchefin Brigitte Schwens-Harrant begrüßt. Nun ist die Quereinsteigerin längst SPÖ-Mitglied -und im politischen Alltag gelandet. Zum Schulbeginn hat DIE FURCHE mit ihr gesprochen.

Die Furche: Frau Ministerin, Sie haben kürzlich in Alpbach gesagt: "Wir müssen die Schule neu erfinden." Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl forderte sogar eine "Revolution", denn das Schulsystem sei "im Keller". Würden Sie ihm beipflichten?

Sonja hammerschmid: Sie wissen, dass Christoph Leitl gern überzeichnet, aber es geht tatsächlich darum, neu an das Thema Schule heranzugehen: Was ist in 15 oder 20 Jahren? Wie bereiten wir unsere Jugendlichen vor? Es brechen riesige technologische Revolutionen über uns herein, die Digitalisierung ist nur eine davon. Skills wie Problemlösungskompetenz, Entrepreneurship, Kreativität, soziale Intelligenz und vor allem die Lust am Lernen rücken ins Zentrum. Deshalb habe ich in Alpbach den bisherigen Fächerkanon ein Stück weit in Frage gestellt. Mir schwebt ein themenspezifischer, stark an Projekten orientierter, interdisziplinärer Unterricht vor. Der Geograf könnte mit der Mathematikerin, dem Chemiker, der Biologin und dem Physiker etwa das Thema "Klimawandel" behandeln, damit die Kinder und Jugendlichen Zusammenhänge verstehen.

Die Furche: Aber das wird bei engagierten Lehrerteams doch schon jetzt gemacht

hammerschmid: Es braucht aber auch neue Strukturen. Im Rahmen der Schulautonomie könnte man etwa 20 Prozent des Unterrichts für Projekt-oder themenspezifischen Unterricht öffnen und die Lehrpläne entrümpeln. Hier können spannende, fächerübergreifende Projekte entstehen -und der Lehrer würde zum Coach.

Die Furche: Wobei die Lehrerpersönlichkeit bei allen Lernprozessen zentral ist, wie Forscher sagen. Sie haben sich nicht zuletzt deshalb dafür ausgesprochen, dass Schuldirektoren ihr Personal selbst aussuchen können. Wie wollen Sie sicherstellen, dass auch dezentrale Standorte oder Brennpunktschulen engagierte Lehrer bekommen?

hammerschmid: Ich glaube, mit dem Autonomiepaket und mehr pädagogischer Freiheit werden schon Anreize geschaffen, kreativ und innovativ zu werden. Und ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wir viele Pädagoginnen und Pädagogen haben, denen es auch ein Anliegen ist, an Schulen mit besonderen Herausforderungen zu gestalten.

Die Furche: Aber werden sie nicht überfordert? Die Lehrergewerkschaft hat geklagt, dass allein in Wien 1180 Lehrerposten für Sprachförderung und andere Unterstützungen fehlen würden -nicht zuletzt für die insgesamt 4000 Flüchtlingskinder

hammerschmid: Aber der Stadtschulratspräsident hat auch gesagt, dass genug Lehrerinnen und Lehrer an den Schulen sind. Und wir haben mit dem Integrationstopf dafür gesorgt, dass die Kinder gut integriert werden können. Wobei die zusätzlichen Fördermittel -heuer noch 40 Millionen und im nächsten Jahr 80 Millionen Euro -auf Basis eines "Chancenindex" anhand von zwei Indikatoren an den Schulen verteilt werden: dem Anteil der Kinder mit einer anderen Erstsprache als Deutsch und dem Bildungsabschluss der Eltern. Damit sollen treffsicher Sprachstartkurse, Sozialarbeiter, Integrationslehrerinnen und mobile Teams finanziert werden.

Die Furche: Tatsache ist, dass in einer Migrationsgesellschaft Themen wie Werte, aber auch religiöses Lernen in den Mittelpunkt rücken. Viele verlangen seit langem einen verpflichtenden Ethikunterricht für all jene, die sich vom konfessionellen Religionsunterricht abgemeldet haben. Andere, wie der Salzburger Religionspädagoge Anton Bucher, wünschen sich ein Fach "Ethik und Religionen". Was ist Ihre Position?

hammerschmid: Für mich ist Ethik im Grunde eine Querschnittsmaterie, die in allen Fächern behandelt werden und Thema sein sollte -von Deutsch über Geschichte bis zur Politischen Bildung. Was konkret den Ethikunterricht betrifft, so gibt es einen Schulversuch, in dem man das ausprobiert. Die Furche: Dieser Versuch läuft seit 1997!

hammerschmid: Hier gibt es sicher Weiterentwicklungsbedarf, wir müssen dieses Thema mit dem Koalitionspartner diskutieren.

Die Furche: Diskussionsbedarf gab es auch über islamische Kindergärten in Wien - sowie zwei islamische Privatschulen, die wegen antisemitischer Inhalte in Schulbüchern bzw. einem Eltern-Boykott des Musikunterrichts kritisiert wurden. Im April wurde eine Expertenkommission dazu angekündigt. Gibt es sie schon?

hammerschmid: Ja, sie wird die betroffenen Schulstandorte besuchen und die Unterrichtsqualität dort überprüfen bzw. weiterentwickeln. Aber insgesamt sind diese Schulen anderen konfessionellen Schulen gleichgestellt. Mein Anliegen ist freilich, dass wir die kulturelle Vielfalt und Durchmischung an unseren Schulen tatsächlich leben; und dass es uns gelingt, etwa Flüchtlingskinder in unserer Gesellschaft wirklich aufzunehmen, um ihnen unsere Kultur ein Stück weit zu vermitteln und auch anzubieten.

Die Furche: Kommen wir von "unserer Kultur" zu jener der Regierung, in der die Bildungspolitik seit jeher als ideologischer Reibebaum dient. Unlängst haben sich SPÖ und ÖVP sogar darüber gestritten, ob die 750 avisierten Millionen aus der Neuregelung der Bankenabgabe nur "echten" Ganztagsschulen zugute kommen soll, an denen sich Unterricht und Freizeit abwechseln, oder auch Halbtagsschulen mit Nachmittagsbetreuung.

hammerschmid: Wir haben nie darüber gestritten. Mein "Spiegel" in der Regierung, Staatssekretär Harald Mahrer (ÖVP, Anm.), und ich waren uns sehr schnell einig, dass wir offen anbieten müssen: Wichtig ist, dass die Standorte Konzepte liefern, die wirklich innovativ sind. Da ist es egal, ob man fünf, drei oder zwei Tage pro Woche eine verschränkte Ganztagsschule anbietet -und ansonsten offene Nachmittage für Kooperationen mit Musikschulen oder Sportvereinen. Die Furche: Insgesamt hat man das Gefühl, dass Ganztagsschule und Schulautonomie freudig genutzt werden, um die leidige "Gesamtschule"-Debatte hinter sich zu lassen. Ist die SPÖ-Forderung nach einer gemeinsamen Schule aller Sechs-bis 14-Jährigen überhaupt noch Ihr politisches Ziel?

hammerschmid: Mein Ziel ist Chancengleichheit, damit alle Kinder ihre Potenziale ausschöpfen können. Mit den ganztägigen Schulformen und dem Autonomiepaket erreichen wir hier schon sehr viel. Außerdem möchte ich, dass unsere Maßnahmen schnell bei den Kindern ankommen. Aber dass die Gesamtschule ein politisches Anliegen der Sozialdemokratie ist und wir das nicht aufgeben werden, steht außer Streit.

Die Furche: In den "Modellregionen" sollte die gemeinsame Schule zumindest partiell Realität werden -wenn auch auf Wunsch der ÖVP nur für 15 Prozent der Schüler. Die SPÖ und auch die Grünen, deren Zustimmung man für eine Zweidrittelmehrheit im Parlament bräuchte, sind gegen diese Deckelung. Wie laufen die Verhandlungen?

hammerschmid: Wir sind nach wie vor in Abstimmung mit dem Koalitionspartner. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Die Furche: Auch die Frage, wie die beschlossenen "Bildungsdirektionen" genau gestaltet werden sollen, ist noch offen. Wer soll in der Schulverwaltung für die Lehrer zuständig sein: der Bund oder die Länder?

hammerschmid: Ich wünsche mir jedenfalls ein Modell, das hochtransparent und effizient ist. Aber auch hier gilt, dass wir uns noch in Gesprächen befinden.

Die Furche: Und zur Arbeitsmoral generell in der Großen Koalition, der viele in diesem Herbst eine "allerletzte" Chance einräumen? hammerschmid: Ich kann nur für mein Ressort sprechen, und hier ist der Wille, Lösungen zu finden und rasch voranzukommen, wirklich groß.

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