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"Man darf die Lehrer nicht im Stich lassen"

Es gibt eine wahre Testindustrie. Die Frage ist, wie aussagekräftig eine punktuelle Feststellung ist. Wir wissen, dass sich vor allem die Zweitsprache oft sehr turbulent entwickelt. (Eva Vetter)

Kinder, denen bei der Schuleinschreibung Deutschmängel attestiert werden, sollen künftig einheitliche standardisierte Test durchlaufen müssen. Zeigt sich, dass sie die Unterrichtssprache nicht ausreichend beherrschen, müssen sie als außerordentliche Schüler "Deutschförderklassen" besuchen, wo sie im Umfang von 15 Wochenstunden (Volksschule) bzw. 20 Stunden (AHS-Unterstufe/NMS) gefördert werden. Fächer wie Turnen, Zeichnen oder Werken haben sie freilich gemeinsam mit Gleichaltrigen aus der Regelklasse, wohin sie nach ein bis vier Semestern wechseln können.

Geht es nach dem von der ÖVP nominierten Bildungsminister Heinz Faßmann, soll dieses Konzept bereits ab 2018/19 schrittweise eingeführt werden -mit Hilfe von 300 zusätzlichen Lehrern. Was ist davon zu halten? DIE FURCHE hat die Wiener Sprachwissenschafterin Eva Vetter gefragt.

DIE FURCHE: Der "Verband für angewandte Linguistik"(Verbal), dessen Vorsitzende Sie sind, hat letzte Woche die im Regierungsprogramm geforderten separaten "Deutschklassen" scharf kritisiert. Was sagen Sie nun zum Konzept der "Deutschförderklassen"?

Eva Vetter: Zuerst einmal ist es positiv, dass sich eine Regierung so rasch um das Thema Sprache kümmert. Und das Konzept, das Heinz Faßmann vorgelegt hat, ist auch wesentlich besser als das, was man nach Lektüre des Regierungsprogramms erwartet hätte. Eine konkrete Beurteilung ist allerdings schwierig, weil es noch viele offene Fragen gibt. Die erste ist schon, was "entsprechende Deutschkenntnisse" sind und woran man sie misst. Es gibt ja keine validen Tests.

DIE FURCHE: Laut Faßmann schon, sie sollen auch für mehr "Treffsicherheit" sorgen

Vetter: Natürlich gibt es viele Tests, eine wahre Testindustrie. Die Frage ist, wie aussagekräftig eine punktuelle Feststellung ist. Wir wissen, dass sich vor allem die Zweitsprache oft sehr turbulent entwickelt. Und gerade um den Schuleintritt herum gibt es Kinder, die in zwei Monaten eine Sprachentwicklung von zwei Jahren durchlaufen. Hier sind punktuelle Tests nicht verlässlich.

DIE FURCHE: Was wäre Ihre Alternative?

Vetter: Der Ort, wo es schon jetzt umfassende Sprachbeobachtungen gibt, ist der Kindergarten. Man sollte die Elementarpädagoginnen noch stärker darin schulen bzw. mit den nötigen Ressourcen ausstatten, entsprechende sprachliche Beobachtungstools anzuwenden. Auch die Spracharbeit im Kindergarten -inklusive Fördermaßnahmen wie bewusste sprachliche Interaktion oder Vorlesen -sollte ausgebaut werden. Was hier investiert wird, kommt hundertfach zurück. Ich plädiere insgesamt für die Einbindung der Menschen, die vor Ort mit den Kindern zu tun haben. Die Auslagerung an Sprachtests ist natürlich möglich, kann aber den individuellen Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern nicht gerecht werden. Es ist auch fraglich, ob ein Kind, das schon hier geboren ist oder einen bestimmten Dialekt spricht, und ein Kind, das neu zugewandert ist, so viel gemeinsam haben.

DIE FURCHE: Sie haben betont, dass "vor allem eine längerfristige Trennung von Kindern und Jugendlichen mit unterschiedlichen Deutschkenntnissen" nicht sinnvoll sei. Nun sollen Kinder schon nach einem Semester in die Regelklassen wechseln können

Vetter: Dass das nun früher möglich sein soll, ist positiv. Aber ein Semester ist auch noch lange. Und man muss jedenfalls davon ausgehen, dass der Spracherwerb noch lange nicht abgeschlossen ist. Es wäre eine totale Illusion, dass man nach einem oder auch vier Semestern bereit wäre, ohne Probleme dem "normalen Unterricht" zu folgen. Es braucht kontinuierliche Unterstützung.

DIE FURCHE: Laut Faßmann soll es auch im Anschluss sechs Zusatzstunden geben

Vetter: Ja, aber diese Stunden sind nur zusätzlich gedacht. Wie sieht es aber mit der integrativen Förderung aus -etwa konkret in Mathematik-oder Geografiestunden? Das ist ein Hebel, der noch zu wenig bearbeitet wurde. Es wäre kontraproduktiv, wenn alle neuen Ressourcen ausschließlich in diese Deutschförderklassen und nicht auch in den integrativen Unterricht gehen würden, wenn also die kontinuierliche Begleitung fehlt. Das Ziel sollte ja Teilhabe an Bildung sein. Und auch wenn ich noch so viele Lehrer in anfängliche Deutschkurse stecke, wäre das nur teilweise garantiert. Es braucht also einen massiven Ressourceneinsatz.

DIE FURCHE: Kritiker haben separate Deutschklassen als "Ghettoklassen" kritisiert. In den neuen "Deutschförderklassen" sollen Kinder nun zumindest mit Alterskollegen turnen, singen oder werken .

Vetter: Ich würde nicht mit dem starken Begriff "Ghettoklassen" kontern, aber der Vorwurf der Separierung ist nicht von der Hand zu weisen. Ob und wie sehr es tatsächlich zu Ausgrenzungen kommt, hängt von den Rahmenbedingungen ab. Für Kinder, die mit zwölf Jahren zuwandern, kann es schon hilfreich sein, Übergangsklassen zu kreieren, in denen intensivst Deutschunterricht angeboten wird. Aber gerade beim Schuleintritt sehe ich eine solche Separierung kritisch. Einem Kind, das hier aufgewachsen ist, zu sagen 'Du bist nicht schulreif', führt zu Entmutigung und dem Gefühl der Entwertung.

DIE FURCHE: Aber entmutigt könnten sich derzeit auch jene Schülerinnen und Schüler fühlen, die mit 80 oder mehr Prozent Klassenkollegen mit nichtdeutscher Umgangssprache unterrichtet werden und deshalb zu wenig Aufmerksamkeit erhalten ...

Vetter: Es darf natürlich nicht so sein, dass man alle Kinder einfach in eine Klasse steckt und mit nur einer Lehrperson ausstattet. Das wird zu Situationen führen, in denen sich viele nicht wahrgenommen fühlen, hier ist dringend Unterstützung nötig. Auf der anderen Seite zeigt sich, dass in Klassen, wo Kinder mit sehr vielen verschiedenen Sprachen sitzen, Deutsch die gemeinsame Sprache ist und untereinander sowie im Fachunterricht verwendet wird. In einer reinen Deutschförderklasse fehlt diese fachliche Komponente. Unsere Kritik geht ja dahin, dass dieses separate Deutschlernen auf Kosten des Fachlernens geht. Demgegenüber ist unsere Position jene, dass jede Lehrerin und jeder Lehrer im Grunde auch ein Sprachlehrer ist. Wenn ich so etwas sage, werden vermutlich alle Lehrer aufschreien und sagen: Wie soll das gehen? Und es kann tatsächlich nur mit zusätzlichen Ressourcen gehen. Man darf die Lehrer nicht im Stich lassen.

DIE FURCHE: Heißt das, dass quasi jeder Lehrer künftig auch ein Experte für "Deutsch als Zweitsprache"(DAZ) sein muss?

Vetter: Lehramtsstudierende sollten jedenfalls DAZ-Module durchlaufen und mit Mehrsprachigkeit umgehen können. In unserem Universitäts-Entwicklungsverbund Nord-Ost haben wir das schon als Querschnittsmaterie berücksichtigt, aber es könnte noch mehr sein. Und bereits tätige Lehrer müssten im Unterricht unterstützt werden, etwa durch Team-Teaching. Sehr viele Schulen haben aber schon jetzt gute Lösungen entwickelt. Dieses Bottom-up-Wissen sollte man heben und dazu die Lehrer fragen: Was würdet Ihr brauchen, damit es noch besser wird? Das kann auch mit den neuen "Deutschförderklassen" einhergehen. Problematisch wird es aber dort, wo man unter "normalem Unterricht" nach wie vor monolingualen Unterricht auf Deutsch versteht. Denn immer mehr Kinder -und auch Lehrerinnen -sind mehrsprachig. Wenn man den Menschen als sprachliches Wesen wahrnehmen will - und das sollte in einer humanistischen Bildung so sein, denn Sprache hat auch viel mit Bindungen und Identitäten zu tun -, dann kann man nicht einfach die Augen vor dieser Mehrsprachigkeit verschließen. Umso nötiger wäre es, auch die mitgebrachten Sprachen zu fördern. Doch dazu gibt es leider gar nichts im Regierungsprogramm.

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