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Ich spreche Du sprichst Er/Sie/Es spricht

200.000 Schüler in Österreich haben eine andere Muttersprache als Deutsch. Wie das Bildungssystem darauf reagieren soll, ist umstritten. Ein Wettbewerb zeigt, wie man Mehrsprachigkeit auch behandeln kann.

"Mein Name ist Aynur“. Mehr konnte das Mädchen an seinem ersten Schultag in Wien nicht sagen. Im Kindergarten hat Aynur nur mit türkischen Kinder gespielt, zu Hause wurde nur Türkisch gesprochen. Als die Lehrerin sie in der ersten Schulwoche an die Tafel rief, verstand Aynur nur ihren eigenen Namen. Eine Freundin, die ein bisschen Deutsch konnte, übersetzte für sie.

Heute, sechs Jahre später, steht Aynur auf der Bühne des Festsaals in einem Wiener Gymnasium. In weißer Bluse und mit glühenden Wangen spricht sie ins Mikrofon am Rednerpult. Auf Türkisch sprudelt sie los. Nach ein paar Sätzen wechselt sie fließend ins Deutsche und sagt, ohne einen Hauch von Akzent: "Es ist eine wichtige Aufgabe, dass wir einander tolerieren und uns die Händer reichen.“ Sie redet weiter: Von Unterstützung für Afrika, von bedrohten Tieren, von Haien und Eisbären, deren Lebensraum wir erhalten müssen. Mal auf Türkisch, mal auf Deutsch.

Die 12-Jährige hat es in die Regionalausscheidung des Redewettbewerbs "Sag’s multi“ geschafft, den der Verein "Wirtschaft für Integration“ heuer zum vierten Mal veranstaltet. Im Publikum sitzt der Obmann Georg Kraft-Kinz, Journalisten und Fernsehteams sind da, und rund 150 Schüler. Dass Aynur bei ihrer Rede nervös ist, merkt man ihr nicht an. Selbstbewusst und flüssig spricht sie fast sieben Minuten lang. "Ich habe zu viel gestottert“, bemerkt sie nachher selbstkritisch. Dem Publikum fiel das nicht auf.

"Recht, sein Talent zu beweisen“

Würde Aynur heuer eingeschult, dürfte sie nicht in die Volksschule gehen. In Wien müssen Schüler, die nicht ausreichend Deutsch können, zuerst eine Vorschule besuchen. "Wer nicht versteht, was gesagt wird oder geschrieben steht, hat in der Schule keine Chance“, erklärt Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl diese Entscheidung.

Integrationsstaatssekretär Kurz (ÖVP) will dieses Modell auf ganz Österreich ausdehnen, pocht auf eine Gesetzesänderung und ruft mit diesem Vorstoß eine bildungspolitische Debatte auf den Plan.

Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ) reagiert ablehnend: Sie warnt vor "Gettoklassen“. Die automatische Einstufung von Kindern mit Sprachproblemen in Vorschulklassen hält sie für "eindimensional“. Nach einem Ministerratsbeschluss im Dezember wird derzeit sowieso an einer Neuorganisation der Sprachförderung gearbeitet. Experten arbeiten an einem nachhaltigen Konzept, das bis März stehen soll.

Zahlen aus dem aktuellen Bildungsbericht untermauern dessen Bedarf: Die Zahl der Schüler mit einer anderen Erstsprache als Deutsch hat sich zwischen 1995 und 2011 verdoppelt. Zurzeit gibt es mehr als 200.000 Schüler mit Deutsch als Zweitsprache.

Während diese Tatsache auf der politischen Bühne als Problem behandelt wird, ist es im Festsaal des Gymnasiums bei "Sag’s multi“ ein Wettbewerbsvorteil. 406 Schüler und Schülerinnen, die neben Deutsch noch 45 andere Sprachen beherrschen, sind heuer dabei. In Vorbewerb und Regionalausscheidung argumentieren sie um einen Platz im Finale.

Die Nächste ist Negin, ebenfalls zwölf Jahre alt. Ihre Eltern stammen aus dem Iran, sie wurde in Österreich geboren. Jetzt geht sie in die dritte Klasse Gymnasium und ist ein echtes Rhetorik-Talent. Problemlos wechselt sie auf der Bühne zwischen Farsi und Deutsch. "Ich wünsche mir, dass in allen Ländern Freiheit herrscht. Denn jeder hat das Recht, sein Talent zu beweisen“, sagt sie.

Sie selbst bekam dazu die Chance, weil ihre Eltern viel Wert legten auf ihre Sprachbildung: "Wir reden Deutsch und Persisch gemischt.“ Nach drei Jahren im Kindergarten konnte sie sehr gut Deutsch, in der Schule kam sie locker mit. Ihre Schwester, die sich schwerer tat, besuchte vor der Volksschule noch eine Vorschule.

Segregation oder Integration?

Die Sprache entscheidet nicht nur über Sieg oder Niederlage beim Redewettbewerb, sondern über Bildungskarrieren und Berufslaufbahnen. Die Regierung investiert daher bis 2014 knapp 50 Millionen Euro für Förderunterricht für außerordentliche Schüler mit nicht deutscher Muttersprache. Das Institut für Germanistik der Universität Wien stellt dieser Maßnahme zwar ein gutes Zeugnis aus. Trotzdem komme sie zu spät, kritisieren Experten, die das Geld lieber schon im Kindergarten investiert sähen (siehe Interview links unten).

Auch mit dem Vorschlag des verpflichtenden Vorschuljahres sind viele Experten nicht glücklich: "Die angedachte Maßnahme erreicht das Gegenteil von dem, was sie intendiert - Segregation statt Integration“, warnt "Educare“, eine Plattform für Elementarpädagogik. Der "Alternative Integrations-ExpertInnenrat“ fordert eine Verbesserung der Diversitätskompetenz von Schulen und Kindergärten statt "Kinder auszusondern und ein Schuljahr verlieren zu lassen.“ Auch das "Netzwerk SprachenRechte“, das aus Wissenschaftern und Praktikern aus den Bereichen Integration und Spracherwerb besteht, fordert, Kinder mit Sprachproblemen in reguläre Volksschulklassen einzuschulen und die Ressourcen für Sprachförderung zur Verfügung zu stellen.

Dabei geht es nicht nur um materielle, sondern auch um personelle Ressourcen. Deshalb ließ Ministerin Schmied wissen, dass in der neuen Lehrerausbildung (an der seit drei Jahren gearbeitet wird) künftig alle angehenden Pädagogen in einem eigenen Pflichtfach lernen, wie sie Deutsch als Zweitsprache vermitteln können.

Bleibt noch die Frage, woher die angehenden Lehrer selbst das Know-how beziehen sollen. Denn zurzeit kann man an der Universität "Deutsch als Zweitsprache“ nur im Rahmen eines Deutsch-Lehramtsstudiums belegen. In ganz Österreich gibt es nur einen einzigen Lehrstuhl dafür, den die Deutsch-Türkin Inci Dirim seit 2010 leitet. Eine Riege von Universitätsprofessoren und Wissenschaftern fordert nun in einem offenen Brief auf, das schleunigst zu ändern.

Wie Sprachförderung funktioniert

Wie Sprachförderung funktionieren kann, zeigen Beispiele aus Deutschland: In Nordrhein-Westfalen müssen alle Lehramtsstudierenden Kurse in "Deutsch für Schüler mit Zuwanderungsgeschichte“ absolvieren. Die Hamburger Erziehungswissenschafterinnen Imke Lange und Ingrid Gogolin liefern Modelle, wie durchgängige Sprachbildung funktionieren kann: Durch Zusammenarbeit der Institutionen beim Übergang vom Kindergarten zur Volksschule und weiter zur Mittelschule. Durch Kooperationen zwischen Fächern, damit alle Lehrer ein gleiches Ziel verfolgen. Oder durch kleine Behelfe wie das Erstellen eines Glossars, in das systematisch alle schulisch relevanten Wörter und Wendungen aufgenommen werden.

Dass Sprachföderung funktionieren kann, zeigen aber auch Aynur und Negin: Schon drei Wochen nach dem Schreck am ersten Schultag konnte Aynur sich gut verständigen. Weil ihr Klassenkameraden halfen, die Lehrerin sie unterstützte und sie mit ihrer Mutter, die damals einen Deutschkurs besuchte, mitlernte. Heute spricht sie ein elegantes Hochdeutsch. Auch Negin ist sattelfest in Deutsch, eloquent und schlagfertig. Persisch fällt ihr zwar immer noch leichter, vor allem beim Schreiben. "Aber“, sagt sie "bei Aufsätzen geht es ja nicht nur um die Rechtschreibung, sondern auch darum, welche Ideen man hat.“

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