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Der, die, das Deutschdilemma

Vor einem Jahr einigte sich die Regierung auf Verschärfungen für Zuwanderer. Jetzt müssen sie schneller und besser Deutsch lernen. Hilft das der Integration?

An der Wand hängen bunte Blockbuchstaben, an der Tafel stehen einfache Wörter. Fünf Schülerinnen kopieren sie in ihre Heft, sie malen mehr, als dass sie schreiben. Vor ihnen liegen Bleistifte und Federpennale, auch der Radiergummi ist griffbereit. Die Schülerinnen, die an diesem Montag vormittag am Tisch sitzen, sind Mütter, allesamt Frauen in ihren 40ern. Sie sind in einem Alphabetisierungskurs für Migrantinnen vom Wiener Verein Piramidops. Sie sind aus der Türkei nach Österreich gekommen, weil ihre Männer schon lange hier leben, manche sogar mit Staatsbürgerschaft. Die Familienzusammenführung ermöglichte ihnen nach jahrelanger Fernbeziehung endlich, als Familie zusammenzuleben. Doch wie lange sie bleiben dürfen, ist unklar. Denn zuerst müssen sie Deutsch lernen.

Zeitdruck und Sanktionen

Vor einem Jahr, am 21. Februar, dem Internationalen Tag der Muttersprache, hat die Regierung sich auf ein neues Fremdenrecht geeinigt. In Kraft getreten ist es am 1. Juli. Seitdem müssen Zuwanderer besser und schneller Deutsch lernen, um nach Österreich zu kommen, oder hier bleiben zu dürfen. Davor hatte man fünf Jahre lang Zeit, um die Sprache auf dem Niveau A2 zu lernen. Jetzt muss bereits zwei Jahre nach der Einreise eine Deutsch-Prüfung bestanden werden. Wenn nicht, wird bestraft: mit Verwaltungsstrafen, Geldbußen - oder Ausweisung.

Die Linie ist klar: "Ohne Deutsch funktioniert es nicht“, ist Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz überzeugt und erntet dafür viel Applaus. Auch die Wiener SPÖ plakatiert flächendeckend: "Wer hier leben will, muss Deutsch können.“ Quer durchs politische Spektrum wird wie ein Mantra wiederholt: "Die Sprache ist der Schlüssel zu gelungener Integration.“ "Natürlich muss man Migranten zur Landessprache bringen“, meint der Sprachwissenschafter Hans-Jürgen Krumm dazu: "Aber ohne Zeitdruck und Sanktionen.“

Welche Konsequenzen die verschärften Sprachanforderung haben, weiß Gül Lüle. Sie ist Projektleiterin bei Piramidops, wo Sprach- und Alphabetisierungskurse für Frauen angeboten werden. Zu den Prüfungsterminen, erzählt sie, erscheinen viele Frauen mit Fieberblasen, zitternd vor Angst, nach Nächten mit Albträumen: "Für viele ist es die erste Prüfung in ihrem Leben. Und sie riskieren ihr Leben in Österreich.“

Manche der Frauen, die bei Lüle Gül einen Kurs besuchen, haben noch nie zuvor einen Bleistift gehalten. "Eine Schule gab es in unserem Dorf nicht, mein Mann hat beim Militär Lesen und Schreiben gelernt“, erzählt eine Teilnehmerin. "Ich habe acht jüngere Geschwister, auf die ich aufgepasst habe, und konnte nie in die Schule gehen“, eine andere. Dass die Frauen, die gerade ihre Muttersprache lesen lernen, bis Juni 2013 eine Deutschprüfung schaffen, bei der sie verstehen und schreiben müssen, scheint utopisch. "Für lernungewohnte Menschen, die bis zum Alter von 45 Jahren noch nie eine Sprache gelernt haben, ist das verlangte A2-Niveau in absehbarer Zeit nicht erreichbar“, bestätigt auch Hans-Jürgen Krumm: "Unseren Kindern geben wir sieben Jahre Zeit, um in ihrer Erstsprache so gut schreiben zu können, wie wir es von Zuwanderern nach zwei Jahren verlangen.“

Prüfungen ohne Evaluierung

Die einheitliche Prüfung, die nicht auf die unterschiedlichen Lebensumstände eingeht, hält Krumm für kontraproduktiv: "Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis, dass überhaupt und in welchem Umfang man Deutsch können muss, um hier erfolgreich sein zu können.“ EU-Staatsbürger könnten schließlich auch ohne Sprachnachweis hier leben und wären wirtschaftlich erfolgreich.Und für viele Arbeiter reiche es, wenn sie nicht fehlerfrei schreiben, aber lesen können und wissen, wie sie mit dem Chef, dem Arzt und am Amt reden müssen.

Ein weiterer Kritikpunkt an den Deutschprüfungen: Offenbar wurden sie noch nie evaluiert. Die Grüne Integrationssprecherin Alev Korun stellte schon im Mai letzten Jahres eine parlamentarische Anfrage an Innenministerin Johanna Mikl-Leitner, in der sie unter anderem wissen wollte, wie viele Menschen im Vorjahr die vorgeschriebenen Sprachkurse nicht erfolgreich abgeschlossen haben. Geantwortet wurde mit einer Zahl von Verwaltungsstrafen, die im Vorjahr auf Grundlage des Niederlassungsgesetzes verhängt wurden, und dem unbefriedigenden Zusatz: "Weitergehende Statistiken werden nicht geführt.“ Auch Hans-Jürgen Krumm kam bei seinen Recherchen nicht weiter: Die Frage nach der Erfolgsquote von Pflichtdeutschkursen konnte ihm im Jänner weder vom Österreichischen Integrationsfonds noch vom Innenministerium beantwortet werden.

Erst Sprache, dann Teilhabe?

Auch Korun ist für verpflichtende Deutschkurse für Zuwanderer, will allerdings nicht, dass das Aufenthaltsrecht von einer Prüfung abhängt. Ob die Integration erfolgreich ist, hängt schließlich nicht nur von der Sprache ab. Krumm verweist auf Generationen von europäischen Auswanderern in Südamerika: Die erste Generation ist unter sich geblieben und hat die Landessprache nur minimal beherrscht. Die zweite Generation ist zweisprachig aufgewachsen. Und die dritte Generation war schließlich voll integriert. "Die erste Auswanderergeneration sucht sich eine Wohnung, eine Arbeit und lernt die Sprache über die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben - nicht umgekehrt“, fasst der Sprachwissenschafter zusammen. Ab der zweiten Generation aber muss die Mehrsprachigkeit gefördert werden, und zwar so früh wie möglich (siehe links).

Die Kinder der Frauen im Alphabetisierungskurs von Gül Lüle tun sich beim Deutschlernen naturgemäß viel leichter als ihre Mütter. Sie werden in Österreich bleiben dürfen, auch wenn ihre Mütter die Prüfungen nicht bestehen. Spätestens 2013 steht Österreich vor der nächsten Herausforderung: Wird man Familien, die man über die Zuzugsquote vereint hat, wegen einer negativen Deutschprüfung wieder trennen?

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