Digital In Arbeit

Keine Angst mehr vor den Buchstaben

Wenn die anderen Kinder Schularbeiten geschrieben haben, hat mich der Lehrer in den Schulhof gehen lassen. Er hat mich aufgegeben", erzählt eine Stimme am Telefon. Der heute 44-Jährige, der Rainer genannt werden will, hat in den neun Jahren seiner Schulzeit weder halbwegs lesen noch schreiben gelernt. Seinen Eltern sagte der Volksschullehrer, der Bub könne das halt nicht, er werde schon eine passende körperliche Arbeit finden.

Heute ist der Analphabet von damals ein erfolgreicher Unternehmer und leitet eine Firma für Pflasterungsarbeiten. Und das, obwohl er seine Schulpflicht in der Volksschule abgesessen ist. Erst im Alter von 37 Jahren konnte er sich dazu durchringen, einen sogenannten Basisbildungs-Kurs zu besuchen. Ausschlaggebend für diese Entscheidung war der Schuleintritt seiner Tochter. "Ich wollte meinem eigenen Kind mit dem Lernen helfen können", erzählt Rainer.

Bei der Führerscheinprüfung konnte ihm ein eingeweihter Freund helfen, indem er Rainer vorlas. "So habe ich das gesamte Buch quasi auswendig gelernt", erinnert er sich. Jahrzehntelang gelang es Rainer, seine Leseprobleme erfolgreich vor seiner Umwelt, ja selbst vor seiner Partnerin, zu verbergen. Sie erledigte die Büroarbeit, er war für die praktischen Aufgaben zuständig. Bis heute weiß niemand Bescheid.

Nicht genug Fördermöglichkeiten

Das Schicksal von Rainer ist nicht so selten, wie man meinen möchte: Fast eine Million Erwachsene in Österreich haben laut einer 2013 veröffentlichten OECD-Studie Probleme beim Lesen: 17 Prozent der 16-bis 65-Jährigen wird nur eine geringe Lesekompetenz bescheinigt. Mit dem Schreiben haben noch mehr Leute Probleme. Weltweit können gar 781 Millionen Erwachsene nicht lesen und schreiben, vor allem in Ländern wie Indien, China und im subsaharischen Afrika. Davon sind zwei Drittel Frauen, weil in fast 40 Prozent der Staaten Mädchen nur eingeschränkten Zugang zu Bildung erhalten. Eine Chance auf Alphabetisierung im zweiten Bildungsweg bieten nur wenige Länder.

In Österreich gibt es in jedem Bundesland kostenfreie Angebote. "Manche müssen erst mühsam jeden einzelnen Buchstaben lernen, andere wollen nur ihre Rechtschreibung und Grammatik verbessern", weiß Sonja Muckenhuber, Leiterin des Linzer Instituts für Bildungsentwicklung (BILL). Wenn sich jemand für seine Fehler schämt und nicht schreiben getraut, ist der Effekt aber derselbe wie bei wirklichen Analphabeten, "denn wer nicht liest und schreibt, ist von vielen Dingen ausgeschlossen."

Wie es überhaupt sein kann, dass jedes Jahr über 18.000 Menschen ohne ausreichende Lese- und Schreibkenntnisse die heimischen Schulen verlassen? Immerhin verfügen die Betroffenen oft über einen positiven Pflichtschulabschluss und sind keinesfalls kognitiv beeinträchtigt. Vielfach stammen sie aus bildungs-und schriftfernen Familien und haben in der Schule oft gefehlt. "In unserem Schulsystem gibt es keine Fördermöglichkeiten für jene, die in der Hauptschule noch nicht lesen und schreiben können", kritisiert Muckenhuber.

Arbeitsalltag von Analphabeten

Leute mit Lese-und Schreibschwächen sollten solange in der Schule bleiben können, bis sie über ausreichende Grundkenntnisse verfügen, meint Peter Zeitler von der Abteilung Bildungspolitik der Wirtschaftskammer. Dieser Kernbildungs-Auftrag solle nicht den Betrieben zu Last fallen. In Deutschland kennen über ein Drittel der Beschäftigten und Unternehmer aus den Branchen Gastgewerbe, Transport, Logistik, und Bau mindestens einen Analphabeten, so die Stiftung "Lesen in Mainz". Im Arbeitsalltag werden diese für bestimmte Aufgaben nicht eingesetzt, Kollegen kompensieren ihr Defizit, oder Symbole ersetzen die Schrift.

Das Tabu ist jedenfalls groß, denn mit dem Lesen wird allgemein Intelligenz und Kultiviertheit verknüpft. "Meist outen sich die Leute erst im Laufe eines langen Gespräches als selbst Betroffene oder es rufen Mittler für sie an", erklärt Sabine Schinagl, die am Alfa-Telefon, der zuständigen Hilfs-Hotline, über Kurs-Möglichkeiten berät. Die meisten Menschen mit Lese-und Schreibschwächen haben ausgeklügelte Strategien entwickelt, um ihr Defizit zu verbergen und im Alltag zurecht zu kommen. "Im Lokal habe ich immer dasselbe Gericht bestellt wie die anderen", erzählt Rainer. Verreist ist er früher kaum, und wenn, nur in der Gruppe. Betroffene behaupten auch gerne, gerade ihre Lesebrille vergessen zu haben, keine schöne Schrift zu haben oder sich bei der Hand verletzt zu haben. "Das geht soweit, dass sich Leute die Hand bandagieren oder sich tatsächlich selbst verletzen", weiß Muckenhuber. Die meisten Betroffenen wagen sich erst im Alter zwischen 45 und 55 in einen Kurs. Für diesen Schritt braucht es immer einen gewissen Leidensdruck oder Bruch im Leben. "Die Leute sollen jene Energie in das Lernen investieren, das sie bisher in das Vermeiden und Kompensieren investiert haben", erklärt Brigitte Bauer, Leiterin des Basisbildungs-Zentrums ABC in Salzburg.

Eine neue Lebensqualität

Auch die 48-jährige Karin (Name geändert) vertraute sich erst im Vorjahr ihrer Betriebsrätin an, als der Reinigungskraft eine Umschulung nahegelegt wurde. Aus problematischen Verhältnissen stammend, kam sie als Sechsjährige gleich in die Sonderschule und fehlte auch dort oft, weil sie ihrer Mutter zu Hause helfen musste. "Rückblickend verstehe ich nicht, warum nie jemand auf meine langen Fehlzeiten aufmerksam wurde", sagt sie heute. Inzwischen hat sie in einem Basisbildungs-Kurs ausreichend lesen und schreiben gelernt. Früher war sie vor anderen so nervös, dass sie plötzlich ihren eigenen Namen nicht mehr schreiben konnte. "Im Kurs habe ich gesehen, dass es uns allen ähnlich geht, die Atmosphäre war viel positiver als in der Schule", sagt sie. Nun holt Karin sogar ihren Hauptschulabschluss nach. "Englisch fällt mir schwer, aber meine Tochter hilft mir dabei", erzählt sie. Denn Karin will sich weiterentwickeln.

Für Rainer hat das Lesen und Schreiben eine ganz neue Lebensphase eingeläutet. Endlich kann er mit Gelassenheit ein Formular ausfüllen oder eine E-Mail schreiben. "Und wenn ich einen Fehler mache, ist der halt da", sagt Rainer, "das passiert auch Akademikern." Inzwischen liest er gerne diverse Zeitungen und ist viel im Internet unterwegs. "Es ist einfach toll, ich habe einen ganz anderen Zugang zu Wissen, zu Bildung, zur Welt überhaupt gefunden", schwärmt er. Anderen Betroffenen möchte Rainer Mut machen: "Es ist nie zu spät und man ist nicht alleine. Man muss nur den ersten Schritt machen."

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau