Alleinerziehende

Alleinerziehende Mutter: "Ein Kind ohne Mann?"

1945 1960 1980 2000 2020

Christina ist eine von knapp 300.000 Alleinerziehenden in Österreich. Sie und ihre Tochter haben mit vielen Herausforderungen zu kämpfen – nicht nur finanziell. Das Porträt einer Mutter, die bereits vor der Geburt ihres Babys auf sich gestellt war.

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Christina ist eine von knapp 300.000 Alleinerziehenden in Österreich. Sie und ihre Tochter haben mit vielen Herausforderungen zu kämpfen – nicht nur finanziell. Das Porträt einer Mutter, die bereits vor der Geburt ihres Babys auf sich gestellt war.

Wenn Christina* von ihrer heute fünfjährigen Tochter Stella* erzählt, gerät sie ins Schwärmen. „Sie ist mein größter Schatz und war rückblickend betrachtet auch meine Rettung. Sie hat mir den Weg gezeigt. Und ja, sie war nicht geplant, aber sie ist gewollt.“

Christina ist Anfang 30, als sie schwanger wird. Mit ihrem Partner führt sie eine prekäre Beziehung. Alkoholmissbrauch ist ein Thema, das sie lange Zeit nicht wahrhaben will. „Er tat mir nicht gut, aber ich wollte mich in dieser Zeit, warum auch immer, schlecht fühlen. Dafür war diese Beziehung perfekt“, sagt sie. Christina hat einen herausfordernden und verantwortungsvollen Job, der ihr alles abverlangt, ihr aber auch Freude macht und sie ausfüllt. Sie holt sich dort das, was sie privat nicht bekommt: Gesehenwerden, Wertschätzung und Anerkennung. Dafür arbeitet sie rund um die Uhr.

Als Christina feststellt, dass sie schwanger ist, dreht Clemens* durch und übt psychischen Druck aus. Er, der eigentlich immer Kinder haben wollte, geht plötzlich in die Kirche, um zu beten, dass Christina dieses Kind nicht bekommt. Er droht mit Suizid und versucht, sie zu manipulieren. Wegen seiner Depressionen und des Alkoholmissbrauch hätten ihm Ärzte abgeraten, Kinder zu zeugen. „Er meinte auch, dass seine Eltern das Kind verstoßen würden“, erinnert sich Christina. Bis kurz vor der Geburt drängt er sie immer wieder zu einer Abtreibung in Holland. Doch für sie steht fest, dass sie dieses Kind auch alleine bekommen würde. „Clemens war die ganze Schwangerschaft kaum erreichbar, wollte auch zu keinem Termin mitkommen. Erst als ich ihn aus der Reserve gelockt und ihm eine Nachricht geschrieben hatte, ich würde ‚über Holland‘ nachdenken, stand er vor der Tür.

Wenn Christina* von ihrer heute fünfjährigen Tochter Stella* erzählt, gerät sie ins Schwärmen. „Sie ist mein größter Schatz und war rückblickend betrachtet auch meine Rettung. Sie hat mir den Weg gezeigt. Und ja, sie war nicht geplant, aber sie ist gewollt.“

Christina ist Anfang 30, als sie schwanger wird. Mit ihrem Partner führt sie eine prekäre Beziehung. Alkoholmissbrauch ist ein Thema, das sie lange Zeit nicht wahrhaben will. „Er tat mir nicht gut, aber ich wollte mich in dieser Zeit, warum auch immer, schlecht fühlen. Dafür war diese Beziehung perfekt“, sagt sie. Christina hat einen herausfordernden und verantwortungsvollen Job, der ihr alles abverlangt, ihr aber auch Freude macht und sie ausfüllt. Sie holt sich dort das, was sie privat nicht bekommt: Gesehenwerden, Wertschätzung und Anerkennung. Dafür arbeitet sie rund um die Uhr.

Als Christina feststellt, dass sie schwanger ist, dreht Clemens* durch und übt psychischen Druck aus. Er, der eigentlich immer Kinder haben wollte, geht plötzlich in die Kirche, um zu beten, dass Christina dieses Kind nicht bekommt. Er droht mit Suizid und versucht, sie zu manipulieren. Wegen seiner Depressionen und des Alkoholmissbrauch hätten ihm Ärzte abgeraten, Kinder zu zeugen. „Er meinte auch, dass seine Eltern das Kind verstoßen würden“, erinnert sich Christina. Bis kurz vor der Geburt drängt er sie immer wieder zu einer Abtreibung in Holland. Doch für sie steht fest, dass sie dieses Kind auch alleine bekommen würde. „Clemens war die ganze Schwangerschaft kaum erreichbar, wollte auch zu keinem Termin mitkommen. Erst als ich ihn aus der Reserve gelockt und ihm eine Nachricht geschrieben hatte, ich würde ‚über Holland‘ nachdenken, stand er vor der Tür.

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"Das war der Punkt, an dem für mich die Beziehung endgültig vorbei war“, erzählt sie. Zur Kraft, sich zu trennen – die Christina davor jahrelang nicht aufbringen konnte –, verhilft ihr nun das ungeborene Kind. Die Zeit bis zur Geburt nützt Christina, um sich über alle rechtlichen und finanziellen Themen zu informieren.

„Es gibt sehr viele und vor allem auch kostenlose Beratungsstellen in Wien, die ich alle aufgesucht habe. Das ist ein tolles Angebot, das jede, die in dieser Situation ist, auch nutzen sollte“, betont Christina. Den Geburtsvorbereitungskurs macht sie alleine. Bei der Geburt stehen ihr schließlich eine Freundin, Stellas Patentante und die Schwester bei. „Es war einer der schönsten Momente in meinem Leben“, erinnert sie sich. „Meine Tochter hat es mir sehr leicht gemacht.“

Clemens zeigt jedoch kein Interesse am Baby. Auch seine Eltern und Geschwister würden keinen Kontakt zum Kind haben wollen, behauptet er gegenüber Christina. Sie lädt sie trotzdem zur Taufe ein. „Mir war es wichtig, allen die Chance zu geben, Teil des Lebens ihrer Enkeltochter bzw. Nichte zu sein. Und was war? Der Onkel ist gekommen!“

Die Tochter wird stigmatisiert

Bis heute besteht Kontakt, zumindest zweimal im Jahr fahren die beiden die Verwandtschaft in Oberösterreich besuchen. Clemens zahlt zwar die vorgeschriebenen Alimente, ist aber sonst nicht existent. Besonders schmerzhaft bewusst wird Stella das bei Anlässen wie kürzlich am Vatertag. „Wochenlang vorher hab ich schlecht geschlafen, bis ich herausgefunden hab, was überhaupt los ist“, erzählt Christina. Im Kindergarten wurden Karten gebastelt, Stella sollte den Namen ihres Papas draufschreiben. „Da steht dann ‚Papa, du bist der Beste. Ich hab dich lieb‘. Muss das sein?“, ärgert sich Christina über die mangelnde Sensibilität der Pädagoginnen.

Und das Nachbarskind, das beim Wettrennen hinter Stella den zweiten Platz belegt, meint: „Du bist zwar schneller gelaufen, aber dafür hab ich einen Papa.“ Man könne sich noch so sehr darum bemühen, das eigene Kind zu schützen, es zu stärken und zu versuchen, immer das Positive zu sehen: Aber dennoch sei das Leben „manchmal einfach beinhart“, sagt Christina. Manchmal sind es auch nur die eigenen Gedanken und falschen Glaubenssätze, die Alleinerziehenden wie Christina im Weg stehen. „Ich habe sehr lange gebraucht, bis ich überhaupt sagen konnte, dass ich alleinerziehend bin. Ein Kind ohne Mann? Obwohl ich nicht besonders traditionell geprägt bin, hat das einfach nicht in mein Weltbild gepasst. Ich dachte mir: Was denken die Leute von mir?“

Der Vater verweigert den Kontakt. Doch Stella wurde im Kindergarten genötigt, eine Karte mit ‚Papa, du bist der Beste‘ zu basteln“.

Die meisten denken freilich ganz anders. Das ist Christina in den letzten Jahren auch bewusst geworden. Auch der Corona-Lockdown war für viele augenöffnend. „Ich höre, dass ich dafür bewundert werde, wie ich das mit meinem Kind alleine geschafft habe.“ Doch wenn Freundinnen sagen, sie könne so froh darüber sein, dass sie sich die Diskussionen mit einem Partner erspare, lächelt Christina.

„Es hilft ja nichts, mich aufzuregen. Mir geht kein Partner ab, wenn es darum geht, Aufgaben aufzuteilen. Das schaffe ich gut allein. Aber mir fehlt der Partner dann, wenn es etwas Wichtiges zu feiern gibt: die ersten Worte, die ersten Schritte. Und er fehlt mir im Gespräch.“ Sie müsse darauf achten, ihre Tochter nicht mit Erwachsenenthemen zu überfordern. „Aber sie ist eben meine wichtigste Gesprächspartnerin.“

Nach einem Jahr Karenz möchte Christina zurück in den Job. Als ihr Antrag auf einen Kinderbetreuungsplatz abgelehnt wird, fällt sie aus allen Wolken. Erst nach einem persönlichen Vorsprechen beim Magistrat klappt es schließlich. „Aber ich frage mich, warum Alleinerziehende im System nicht automatisch vorgereiht werden. Überhaupt habe ich noch nie einen Vorteil gesehen, alleinerziehend zu sein. Wenigstens hier wäre eine Bevorzugung angebracht gewesen.“

Vom Chef gedemütigt

Rücksicht auf Christinas Situation gibt es aber auch in ihrer Firma nicht. Die Elternteilzeit wird zwar offiziell akzeptiert, im Grunde wird sie dafür aber gemobbt. „Ich habe nur noch funktioniert, bin im Dauerlauf von Wohnung in die Kinderkrippe, von dort ins Büro und wieder zurück. Stella war oft krank und ich musste eine Pflegefreistellung beantragen. Obwohl mein Chef selbst eine junge Familie hatte, wollte er von mir schriftlich bestätigt haben, dass das nicht mehr vorkommen wird.“ Die Demütigung und die Tatsache, dass Christina zwischen die Fronten neuer Geschäftsführer gerät, zwingen sie zu einer Kündigung. Mit AMS-Unterstützung ist es aber nicht schwer, einen neuen Job zu finden. Zumal sie ihre eigenen Ansprüche extrem herunterschraubt. „Für den Job, den ich heute mache, bin ich überqualifiziert“, sagt Christina. Vor kurzem habe sie die Möglichkeit gehabt, ihre Mietwohnung zu kaufen. Aber die Kreditwürdigkeit einer Alleinerziehenden ohne große Eigenmittel gehe gegen Null. Bleibt der generelle Wunsch nach mehr Gerechtigkeit und Empathie. „Ich habe lernen müssen, aktiv um Hilfe zu bitten“, meint Christina. „Es wäre schön, wenn die Realität anders wäre.“

Andrea Burchhart ist freischaffende Autorin und Kolumnistin in der WIENERIN.

*Namen aus persönlichkeitsrechtlichem Schutz von der Redaktion geändert.

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