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Frau sein

DISKURS
Mutter - © Foto: IStock/Big Joe

Streitschrift zum Mutter sein: Nicht-Mütter haben keine Ahnung!

1945 1960 1980 2000 2020

Die Belange einer Mutter versteht nur eine andere Mutter – oder ein Mensch, der sich wahrhaftig auf ein Kind einlässt. Über das Leben auf einem anderen Planeten. Eine Streitschrift.

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Die Belange einer Mutter versteht nur eine andere Mutter – oder ein Mensch, der sich wahrhaftig auf ein Kind einlässt. Über das Leben auf einem anderen Planeten. Eine Streitschrift.

Das letzte Wort, das ein Mensch sagt, bevor er stirbt, lautet Mama. Nicht immer, aber außerordentlich häufig. Das berichten Hospizbegleiterinnen, Pflegerinnen, Angehörige, Ärztinnen. Ist ein Text über die Mutterschaft in einer Ausgabe zum Weltfrauentag deplatziert? Die Antwort ist nein. Mutterschaft und Frausein sind eng miteinander verwoben und ohne einander nicht denkbar. Das Geschlecht, das potenziell in der Lage ist, die Eizellen für die Fortpflanzung bereitzustellen, kommt nicht umhin, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Dabei ist es gleichgültig, ob ein Kinderwunsch vorhanden ist oder nicht.

Die Tatsache, dass man schwanger werden könnte, ist für eine sexuell aktive Person relevant. Umgekehrt kann sich auch eine unfruchtbare (biologische) Frau dem Thema Mutterschaft nicht entziehen. Von klein auf ist ein Mädchen damit konfrontiert, dass Babys im Bauch einer Frau, wie es es später sein wird, wachsen. Ja, es gibt die Reproduktion im Labor – aber nicht im Alltagsdenken der Mehrheitsgesellschaft. Eine Frau im gebärfähigen Alter, die kinderlos ist (ganz egal aus welchen Gründen), kommt immer wieder in die Situation, sich erklären zu müssen. Sie ist einem gesellschaftlichen Rechtfertigungsdruck ausgesetzt. Das ist ungerecht und falsch – aber dennoch ein Faktum.

Nicht alle Mütter sind Frauen

Dass nicht alle Frauen Mütter sind, bedeutet nicht, dass automatisch alle Mütter Frauen sein müssen. Der Begriff Mutter steht Pate für die Bezugsperson(en) Nummer eins. Mutter sein ist mehr als die Bereitstellung einer Eizelle. Es ist ein Gefühl, ein (Ausnahme-)Zustand, eine Denkrichtung, ein Umzug zu einem fremden Planeten, eine Bewusstseinsveränderung, ein Perspektivenwechsel, eine Gehirnwäsche. Das Ich wird zum Wir. Mutter sein bedeutet, die Verantwortung für einen Menschen zu übernehmen, der einem zu 100 Prozent ausgeliefert ist.

Es bedeutet jede Entscheidung im Hinblick darauf zu treffen, welche Konsequenzen sich daraus für das Kind ergeben. Bei einer biologischen Mutter beginnt das bereits in der Schwangerschaft. Sie muss sich dessen bewusst sein, dass jedes eingenommene Medikament, jeder Schluck Wein, jeder Stressmoment Auswirkungen auf das Ungeborene haben kann. Alle anderen „Mütter“ sind mit dieser Verantwortung erst dann direkt konfrontiert, wenn das Kind auf der Welt ist. Die Mutter übernimmt Obhut und Fürsorge. Die Mutter können beide Eltern gleichermaßen sein. Die Mutter können auch der Vater sein oder zwei Väter oder die Oma oder die Tante oder eine SOS-Kinderdorf-Betreuerin.

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