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Frauen im Osten: gleich berechtigt?

1945 1960 1980 2000 2020

Durch die politischen Veränderun- gen geraten auch die Frauen im Osten in den Blick: Olga Havlovä, Botschafterin Magda Vasariova. Aber wie lebt die Durchschnitts- frau, wie bewältigt sie ihr Leben, sind ihre Probleme auch die unse- ren? Was unterscheidet uns?

1945 1960 1980 2000 2020

Durch die politischen Veränderun- gen geraten auch die Frauen im Osten in den Blick: Olga Havlovä, Botschafterin Magda Vasariova. Aber wie lebt die Durchschnitts- frau, wie bewältigt sie ihr Leben, sind ihre Probleme auch die unse- ren? Was unterscheidet uns?

Auch der „Wechselkurs" der ■ menschlichen Beziehungen wird das Verhältnis eins zu eins haben müssen, wenn wir Frauen im Westen mit den Frauen des ehema- ligen Ostblocks solidarisch sein wol- len. Und mehr Zeit als in wirtschaft- liche Aufholprozesse wird in Vor- gänge der Bewußtseinsbildung, der Problemerkundung, der Auseinan- dersetzung und der Schlußfolge- rungen daraus zu investieren sein. Für die Frauen in Ungarn, Polen, der CSFR, Rumänien, Bulgarien, der DDR und der Sowjetunion wird die Schlußfolgerung sein, ihr Le- ben auch selbst in die Hand zu nehmen, ihre Eigenständigkeit in vielen kleinen Schritten mühsam zu gewinnen. Was durch die Jahr- zehnte lang gewohnte Abgabe von Eigenverantwortlichkeit an den kommunistischen Staat nicht gera- de erleichtert wird.

Gleichberechtigung der Frau, ihre Befreiung von Unterdrückung und Ausbeutung hatten die ideologi- schen Gründerväter Karl Marx und Friedrich Engels freilich schon durch die Teilnahme der Frauen am Produktionsprozeß und durch die allgemeine Abschaffung des Privateigentums an Produktions- mitteln herbeiführen wollen. Ne- ben der ökonomischen Unabhän- gigkeit der Frauen von den Män- nern durch Teilnahme am Arbeits- prozeß waren die frühen Ziele marxistisch-leninistischer Frauen- politik die rechtliche Gleichstellung von Frauen und Männern in allen Lebensbereichen, im Beruf und in der Familie.

Ein ausreichendes Angebot an gesellschaftlicher Kinderbetreuung sollte den Frauen ihre Berufstätig- keit ermöglichen und gleichzeitig damit auch den „bürgerlichen Ein- fluß" der Familie zurückdrängen. Durch hauswirtschaftliche Ge- meinschaftseinrichtungen sollten die Frauen von monotoner, unpro- duktiver Hausarbeit entlastet wer- den. Daß in dieser Sichtweise we- der der Bewertung von bezahlter Berufsarbeit und unbezahlter Hausarbeit, noch der Bedeutung des veränderten familiären Zusammen- lebens im 20. Jahrhundert Rech- nung getragen wurde, liegt auf der Hand. Von der Unterschätzung der psychischen Faktoren im Verhält- nis zwischen Frauen und Männern und den sich anbahnenden Verän- derungen darin gar nicht zu re- den. ..

So wurde in der UdSSR die im Jahr 1919 gegründete Parteiorga- nisation für Frauenfragen 1930 wieder aufgelöst, aus der Sicht der darüber entscheidenden Männer schien gesellschaftlich und sozial die Gleichstellung der Frauen er- reicht.

Nicht nur aus ideologischen, sondern vor allem aus wirtschaftli- chen Gründen wurden Programme für eine qualifizierte Ausbildung der Frauen forciert. Für ihre neuen Tätigkeiten hatten sie laut Gesetz für die gleiche Arbeit den gleichen Lohn wie die Männer zu erhalten.

Während des Zweiten Weltkrie- ges und in der Phase des Wieder- aufbaues war der Einsatz der Fraur en unverzichtbar. Später machte die eintretende Normalisierung die „erwünschte" Rückkehr in die al- ten Geschlechterrrollen auf der Grundlage der physischen und psychischen Unterschiedlichkeit der Geschlechter möglich. Diese Grundannahme verhindert die Veränderung der Arbeitsbedingun- gen im Erwerbsleben, gleichzeitig macht das zu geringe Einkommen der Männer aber die Berufstätig- keit der Frauen und ihren finan- ziellen Beitrag zur Familienerhal- tung notwendig.

Wie im Westen arbeiten die Frau- en etwa in der Sowjetunion haupt- sächlich in Industriezweigen wie der Textil-, Konfektions- und Lebensmittelindustrie, oder sie sind in der Krankenpflege, im Unter- richts- und Dienstleistungssektor tätig. Und verdienen dafür im Durchschnitt nur die Hälfte der Summe, die Männer für ihre quali- fizierten Tätigkeiten, in ihren lei- tenden Positionen erhalten.

Ihre eigene mangelnde Anpas- sungsfähigkeit an eine männlich geprägte Arbeitswelt empfinden die Frauen als dafür verantwortlich, daß sie - wie im Westen - mit der Doppelbelastung von Berufstätig- keit und „Familienarbeit" nicht zurechtkommen. Rückzug in Schuldgefühle und persönliches Versagen ersetzt die Auseinander- setzung mit den Widersprüchen einer in sich unvereinbaren Situa- tion. Für uns im Westen bedarf es einiger Phantasie, um sich die mühevolle Alltags-Abwicklung in unzulänglichen Wohnverhältnis- sen, mit dem schlechten Warenan- gebot, dem Schlangestehen in den Geschäften, den ermüdenden Fahr- ten zwischen Wohnung, Arbeits- platz, Kinderkrippe/Kindergarten/ Schule vorzustellen.

Und da Männerarbeit im allge- meinen höher geschätzt und besser bezahlt wird - ein Schweißer ver- dient doppelt soviel wie eine Ärz- tin! - ist es in Ordnung, daß die berufstätigen Frauen die Hausar- beit allein erledigen, sie sich in erster Linie um die Kinder kümmern. (Die Notwendigkeit der Einbeziehung der Großeltern ist unter diesen Bedingungen unverzichtbar.)

Um der Überforderung zu begeg- nen, wird der Arbeitsplatz unter dem Gesichtspunkt der günstigen Versorgungsmöglichkeit der Fami- lie oder der Kinderunterbringung gewählt, werden sonstige berufli- che Nachteile in Kauf genommen. Und so schließt sich der Kreis, be- rufliche Höherqualifikation und Aufstiegschancen haben in erster Linie die Männer.

Eine weitere Möglichkeit der Ent- lastung der Frauen liegt in der Re- duktion der Kinderzahl, Geburten- rückgänge sind in allen östlichen Nachbarländern zu verzeichnen.

Zwischen einer erreichten Pseu- do-Gleichberechtigung und dem Mythos der Weiblichkeit hin- und hergerissen, richten Frauen ihre Er- wartungen an die Männer an den Staat, die Situation der Frauen zu verändern. Doch warum sollten sie?

Als Ergebnis der Recherchen war für die Verfasserin am überra- schendsten, daß die Entwicklun- gen in den östlichen Nachbarlän- dern ziemlich parallel verlaufen. Weder historische Abläufe, noch unterschiedliche Nationalitäten, noch religiöse Prägungen waren in Ungarn, Polen, in der Tschechoslo wakei, der DDR oder der Sowjet- union stärker als mehrere Jahrzehn- te sozialistischer Herrschaft, ideo- logischer Beeinflussung und kom- munistischer Gesetzgebung. Sie haben den vorher gelebten Struk- turen und überkommenen Tradi- tionen in viel stärkerem Maß als angenommen den Stempel aufge- drückt. Und die Emanzipationsbe- wegungen des vorigen Jahrhunderts haben - j e nach Industrialisierungs- grad der Länder - den Boden berei- tet.

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