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Schluß mit männlich -weiblich!

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Wie konsequent die Gleichstellung heute gedacht wird, zeigen die Debatten vor und während der Weltfrauenkonferenz in Peking.

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Wie konsequent die Gleichstellung heute gedacht wird, zeigen die Debatten vor und während der Weltfrauenkonferenz in Peking.

Besonders umstritten war die Verwendung des englischen Begriffs „Gen-der". Man kann ihn mit „Geschlecht" übersetzen. Welches Problem kann es mit der Verwendung des Wortes geben? Üblicherweise versteht man darunter die Tatsache, daß Lebewesen in zwei Ausprägungsformen existieren, eben männlich oder weiblich sind.

Genau diese Selbstverständlichkeit versucht der Begriff „Gender" aufzuheben. Dies macht etwa eine Wortmeldung von Bella Abzug, einer ehemaligen US-Kongreß-Abgeordneten und namhaften feministischen Sprecherin in Peking deutlich, als sie feststellte:. „Wir werden uns nicht auf das ,Biologie als Schicksal'-Konzept zurückdrängen lassen. Es versucht, Frauen aufgrund ihrer physischen Geschlechtsmerkmale zu definieren, einzugrenzen und abzuwerten ... Das Wort Geschlecht („Gender") hat sich in einer vom Wort „Sex" abgelösten Weise entwickelt, um die Tatsache auszudrücken, daß weibliche und männliche Rollen und ihr Status gesellschaftliche Gebilde und dem Wandel unterworfen sind."

Eine ähnliche Sichtweise macht sich ein Dokument zu eigen, das auf der Konferenz zur Vorbereitung auf Peking in Mar del Plata beschlossen wurde. Darin heißt es: „Die Berücksichtigung der vielen Arten, in denen das Geschlecht („Gender") dargestellt, interpretiert und organisiert wird, führt uns zu einer „anti-wesentlichen" („anti-essential") Position — das heißt, es gibt weder von Natur aus den Mann noch die Frau, keine Merkmalskonstellation oder Verhaltensweise die nur einem Geschlecht zugeschrieben werden könnte, auch nicht im psychischen Leben."

Und: „Weil es kein weibliches und männliches Wesen gibt, können wir die vermeintliche „Überlegenheit" des einen Geschlechtes über das andere verwerfen und so weit wie möglich in Frage stellen, ob es so etwas wie eine „natürliche" Form menschlicher Sexualität überhaupt gibt."

Und schließlich: „Pschoanalytische Überlegungen, wie sie in bestimmten Kreisen vorangetrieben wurden, haben zur schrittweisen Anerkennung der Homosexualität als gleichwertige Option zur psychologisch bestimmten Heterosexualität geführt. Anders ausgedrückt: Heterosexualität ist das Ergebnis eines psychologischen Prozesses — sie ist nicht ,natürlich'."

Hier wird deutlich erkennbar, wie weitreichend die Folgen der konsequent fortgedachten Aufhebung der Geschlechtsunterschiede sind.

Immer weniger wird das „natürlich" Angetroffene als für den Menschen wegweisend angesehen. Dazu die Feministin Shulamith Firestone: „Das ,Natürliche' ist nicht notwendigerweise ein ,menschlicher' Wert. Die Menschheit ist dabei, der Natur zu entwachsen. Wir können nicht mehr die Aufrechterhaltung eines diskriminierenden Geschlechts-Klassen-Systems auf der Grundlage seines Ursprungs in der Natur aufrechterhalten. Aus praktischen Gründen sieht es so aus, als müßten wir davon loskommen." („The Dialect of Sex, New York 1970)

Die Familie steht verständlicherweise einer solchen Veränderung im Wege, wird sie doch als Ort der Entstehung sexueller Unterschiede gedeutet: „Die Familie gibt uns den ersten Unterricht in der Klassenideologie ... Sie baut auf einer bestimmten Beziehung zwischen Männern und Frauen auf, die die Sexualität, insbesondere jene der Frauen, unterdrückt," diagnostizierte etwa die Feministin Christine Riddiough und ergänzt: „Die Schwu-len-Lesben-Kultur kann als subversive Kraft, die die Vorherrschaft des Konzeptes von Familie in Frage stellt, angesehen werden..."

Was vor 15 und mehr Jahren in sozialwissenschaftlichen Publikationen vorausgedacht worden ist, hat mittlerweile Eingang in offizielle Dokumente gefunden. So liest man in der Stellungnahme des Europarates für die Konferenz in Peking: „Das Recht der freien Wahl in Fragen der Fortpflanzung und des Lebensstils wurde als grundlegend wichtig für die Frauen angesehen. In den Genuß von sexuellen und reproduktiven Rechten zu kommen, ist für Frauen eine Vorbedingung dafür, daß sie über echte Selbstbestimmung verfügen."

Um den Stellenwert dieser Aussagen richtig einordnen zu können, muß man wissen, daß „freie Wahl in Fortpflanzungsfragen" ein Recht auf Abtreibung impliziert und daß „freie Wahl des Lebensstils" für die Gleichwertigkeit von Homosexualität, Les-bentum und andere nicht-eheliche Lebensformen mit der Ehe steht.

Deutlicher artikuliert wird dies an einer anderen Stelle des Dokumentes, wo es heißt: „... das Sexualleben ist nicht nur an die Ehe gebunden. Das führt zu dem Recht, sich in Fragen der sexuellen Vorlieben und des Lebensstils anders zu verhalten - die Wahl, in der Familie oder allein zu leben, mit oder ohne Kindern. Die Reproduktionsrechte lesbischer Frauen sollten anerkannt werden."

In diesen Aussagen wird, wie gesagt, die Aufhebung der Geschlechtsunterschiede bis in die letzte Konsequenz bedacht und als Modell für die Zukunft - jedenfalls in den Industrieländern - ins Auge gefaßt: „Nichts anderes als eine radikale Änderung der Beziehung zwischen Männern und Frauen wird es ermöglichen, den Herausforderung des neuen Jahrtausends gerecht zu werden." So jedenfalls das Papier für die Pekinger Konferenz.

Somit zeichnet sich heute eine auch politisch sehr wirksame Vorstellung von der anzustrebenden Gestaltung der Beziehung von Mann und Frau ab, die auf folgendes abzielt:

■ Die Begriffe männlich-weiblich sollten in den Hintergrund treten, weil es sich dabei um gesellschaftliche Konstrukte handle, die man Menschen aufzwingt und damit eine Benachteiligung der Frauen produziert.

■ Einen wesentlichen Beitrag dazu leistet die Abkehr von traditionellen Vorstellungen von Familie, von den Rollen von Vater und Mutter, Ehemann und -frau.* Vor allem in der Mutterschaft wird ein Instrument weiblicher Unterdrückung gesehen.

■ In der Berufswelt müsse man die geschlechtstypische Arbeitsteilung beseitigen. Echte Befreiung der Frauen findet in der gleichen Mitwirkung an der gesellschaftlichen Produktion ihre Erfüllung. Man dürfe auch einigen Privilegierten nicht die Wahl zwischen Hausfrauendasein und Berufswelt lassen, stellte schon Simone de Beauvoir in einem Interview mit Betty Friedan fest: „Wir glauben nicht, daß Frauen die Wahl haben sollten. Keine Frau sollte das Recht haben, zu Hause zu bleiben, um ihre Kinder aufzuziehen. Die Gesellschaft sollte ganz anders sein. Frauen sollten nicht wählen können, eben weil zu viele von ihnen - wenn es diese Wahlmöglichkeit gibt - sich für dafür entscheiden würden."

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