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Ein Hauch Gefühl

Das, was die Waschmittelwerber schon lange erkannt haben, bereitet den politischen Propagandisten heftiges Kopfzerbrechen: Frauen entscheiden nach dem Gefühl, sie entscheiden sich für das, was ihnen „nett, sauber und anständig“ erscheint, ohne sich auch zu vergewissern, ob das zutrifft. Und der Re-

kordumsatz an Waschmitteln scheint den Werbeleuten recht zu geben: Frauen wählen weiß!

Und gerade das wollen die politischen Propagandisten verhindern. Bei den kommenden Nationalratswahlen am 10. Oktober sollen die Frauen nicht weiß — sprich: ungültig — wählen, sondern sich für schwarz, rot oder blau entscheiden. Die Parteizentralen lassen nichts unversucht, die Frauenstimmen für sich zu gewinnen, denn sie — und nicht die Männer — geben in der Endabrechnung den Ausschlag. Von den rund 5 Millionen wahlberechtigten Österreichern gehören an die 5fr Prozent dem „schwachen Geschlecht“ an. Grund genug also, um die weibliche Gunst zu werben.

Doch während „Bauknecht weiß, was Frauen wünschen“, rätseln die Politiker nach den geheimen Wünschen der Frauen: mit Untersuchungen und Meinungsumfragen soll ihr entscheidendes „Gefühl“ durchleuchtet werden. Die ÖVP hat jetzt eine Studie darüber in Auftrag gegeben.

Nun, bevor man diese Frage beantworten kann, ist wohl eine „Bestandsaufnahme“ notwendig. Um es gleich vorweg zu nehmen: grundsätzlich muß man zwischen berufstätigen Frauen und „lupenreinen" Hausfrauen unterscheiden. Während sich die Zahl der berufstätigen Frauen seit der Republikgründung nur unwesentlich geändert hat — laut Volkszählung 1961 sind es 1,3 Millionen Frauen — steigt der

Anteil der Verheirateten mit Kindern im Berufsleben sehr stark an. 1961 hatten nur 26,2 Prozent der berufstätigen Frauen daheim auch noch Kinder zu versorgen, der Mikrozen- sus 1968 weist aber schon 46,5 Prozent aus. Vielleicht ist auch darin der Grund zu suchen, daß Frauen andere Sorgen als die Politik haben.

Ihre Frauenrolle haben sowohl die Berufstätigen wie auch die Hausfrauen in gesellschaftlichen Stereotypen übernommen, sind aber grundsätzlich damit nicht ganz zufrieden. Rund die Hälfte der österreichischen Frauen macht aus dieser Unzufriedenheit kein Hehl. Die Berufstätigen klagen über die Doppelbelastung Familie-Beruf, über ihre Aufstiegsmöglichkeiten, über die geringe Entlohnung und über die allgemeine soziale Situation. Ihre Kolleginnen am Herd hingegen sind mit der Abhängigkeit vom „Angetrauten“ unzufrieden und beklagen, daß sie „um jeden Groschen betteln" müssen. Einen Ausweg sehen die Frauen nur in einer guten Ausbildung, damit die Frau auch auf eigenen Füßen stehen kann. Was an ihnen versäumt wurde, wollen sie an ihren Töchtern nachholen.

Obwohl fast ein Drittel die Ehe als Versorgungsinstitution empfindet, hat man doch Angst, daß dem Gatten etwas zustoßen könnte, daß man ihn verliere. Mehr als vor dem Tod des Mannes fürchten sich die Österreicherinnen vor Untreue und Scheidung. Angst haben die Frauen schließlich auch noch vor unerwünschter Schwangerschaft; eine Angst, aus der — wie in letzter Zeit hinreichend bekannt — Politiker Kapital schlagen wollen.

Und während die Politiker schon eine zweite Emanzipation der Frau propagieren, hat sich die Österreicherin noch nicht einmal mit der ersten abgefunden: 30 Prozent lehnen die Emanzipation mit dem Argument ab, daß diese auf die Frau abfärbt und sie maskulin mache. Nur 30 Prozent bejahen die Selbständigkeit mit allen ihren Konsequenzen, der Rest spricht sich mit Einschränkungen dafür aus. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Feststellung, daß sich vor allem die Frauen im konservativen Lager für die Emanzipation aussprechen, während ein Großteil der Frauen, die sich zum sozialistischen Lager bekennen, der Gleichberechtigung eher reserviert gegenübersteht. Emanzipation, so scheint es, ist heute in Österreich von der Bildung der Frau abhängig.

Nicht unwesentlich wird aber die Haltung der Frauen von den männlichen Zeitgenossen bestimmt: die Hälfte des „starken Geschlechts“ steht der Gleichberechtigung abweisend gegenüber, nur 25 Prozent befürworten sie, jedoch mit der Einschränkung, daß „alles in seinem Rahmen“ bleiben müsse. Diese emanzipationsfeindliche Stellung beruht aber wiederum auf der Meinung der Frau, daß der Mann auf jeden Fall für sie aufzukommen habe.. Der Widerspruch, in den sich die österreichische Frau hineinmanövriert hat, liegt klar auf der Hand: Einerseits lehnt sie die Abhängigkeit ab, anderseits will sie ihre Lage nicht bewußt verändern.

Die Klage der Frauen, die letzthin auch durch den österreichischen Blätterwald gerauscht hat — zuwenig Frauen im Parlament — ist also nichts anderes als eine selbst ausgelegte Fußangel. Die Meinungsumfrage hat ergeben, daß die österreichische Frau wenig Interesse und Bereitschaft für die Übernahme politischer Aufgaben zeigt. Eher möchte man schon beratend mitreden, etwa im vorpolitischen Raum,

Es wäre jedoch verfehlt, diesen Mißstand den Männern in die Schuhe schieben zu wollen, vielmehr ist er in der Einstellung der Frau zur Politik begründet: Durch die traditionelle Frauenrolle ist die Ansicht, Politik sei Männersache, weit verbreitet. Auch über die Frage „Woher beziehen die Frauen ihre politische Einstellung?“ herrscht heute Klarheit. Hier dominiert der Einfluß des Elternhauses — speziell der Einfluß des Vaters — und „das färbt ab“, wie Frauen das selbst bestätigen.

Nach dem Vater ist es dann der Gatte, der „politisiert“. Doch die Frauen können auch an diesem „Biertischpolitisieren“ nicht teilhaben. Sie wissen zuwenig und haben deshalb kein Interesse am politischen Gespräch, und die wenigen, die interessiert wären, bedauern, daß sie als Gesprächspartner nicht ernst genommen werden. Das ist ein Kreislauf, bei dem sich die Katze in ihren sprichwörtlichen Schwanz beißt.

Weil also die Frauen keine motivierte politische Einstellung haben, neigen sie dazu, Parteien wie Waschmittel auszuprobieren. Das bedeutet mit anderen Worten: die Wechselwahlbereitschaft ist bei den Frauen besonders groß.

Die Österreicherinnen erachten die Ideologie einer Partei als vollkommen nebensächlich, sie sind aber von Schlagworten fasziniert. Alles, was auf „besser machen“ und „modern gestalten“ hinweist, wird begrüßt.

Wie überhaupt die Frauen die Parteien mit anderen Augen sehen als die Männer: Man glaubt an die Allmächtigkeit bei der Wohnungsvergabe, kurz: man erhofft sich Vorteile, ist aber nicht bereit, auch Dankbarkeit bei der Stimmabgabe zu üben.

Nur rund zwei Drittel der Frauen sind über die Parteien informiert, doch handelt es sich dabei nur um überlieferte Vorstellungen, die nicht durch tageispolitische Ereignisse bestimmt sind.

Ausschlaggebend für die Wahlentscheidung der Frau ist weniger die Partei und ihr Programm als vielmehr der Spitzenpolitiker. Und in diesem Bereich sind Frauen sehr feinfühlig.

Unter den politischen Parteien wird der SPÖ zugute gehalten, daß sie sympathisch und modern sei und sich außerdem für benachteiligte Gruppen einsetze. Allerdings werde viel begonnen und nichts beendet. Die ÖVP, so die landläufige Meinung der Frauen, „arbeitet mehr mit Hirn“, ist aber zu intellektuell und zudem häufig uneinig. Als taktisch klug und stets auf ihren Vorteil bedacht wird die FPÖ eingestuft, jedoch sollte die kleinste Partei nicht das entscheidende Zünglein an der Waage sein.

Alles in allem genommen wünscht man sich einen Politiker, gleich welcher Partei er angehört, der ein Mitteltyp zwischen Kennedy, Kreisky, Waldheim und Olof Palme ist. Wer dem am nächsten kommt, hat Chancen, Frauenstimmen einzuheimsen.

Interessant ist auch noch die Frage, wie sich die Frauen ihre Ge- schlechtsgenossinnen in der Politik vorstellen. Von ihnen wird Einfühlungsvermögen und Politik „mit mehr Gefühl als die Männer“ erwartet. Die weibliche Abgeordnete soll Eleganz und Weiblichkeit ausstrahlen. Die verstorbene SPÖ-Politikerin

Wondrack und die ÖVP-Abgeordnete Hubinek entsprechen den Vorstellungen am ehesten. Sehr schlecht schneiden Politikerinnen wie Fim- berg und — als ausländisches Beispiel angeführt — Goldą Meir in der Gunst ihrer Artgenossinnen ab. Ihr Typ wird als unweiblich qualifiziert.

So gesehen, ist das weibliche Wählerpotential ausgesprochen stabil, so daß keine Sensationen in der Politik erwartet werden dürfen. Erst eine nachfolgende Generation, die die Klischeeyorstellungen der „Frau 1971“ überwunden hat, kann efrie solche herbeiführen.

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