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Die Zeit der Quotenfrauen

1945 1960 1980 2000 2020

Erfolgreiche Frauen könnten mehr für ihre benachteiligten Schwestern tun. Wie frei ist die individuelle Entscheidung für oder gegen die Emanzipation eigentlich wirklich?

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Erfolgreiche Frauen könnten mehr für ihre benachteiligten Schwestern tun. Wie frei ist die individuelle Entscheidung für oder gegen die Emanzipation eigentlich wirklich?

Ungleichbehandlung und Benachteiligung von Frauen in der Politik, am Arbeitsplatz, bei der Ausbildung, in der wissenschaftlichen Forschung, auch im künstlerischen Bereich, belegt mit vielen Beispielen und Zahlenmaterial Ruth Paulis vor kurzem erschienenes Buch über die „Emanzipation in Österreich“. Die Autorin, erfolgreiche innenpolitische Redakteurin des ,.Kurier“, liefert mit diesem Buch aber gleichzeitig einen weiteren Beweis für die erstaunliche Tatsache, daß viele Frauen Emanzipation und Chancengleichheit zwar selbst in ihrem Leben zu verwirklichen versuchen, aber die in den gesellschaftlichen Strukturen liegenden Behinderungen aus dem Blick verlieren (verdrängen?).

So plädiert Ruth Pauli dafür — und mit ihr nicht wenige, die vermeintlich der Gleichberechtigung das Wort reden - den Frauen doch die „individuelle Entscheidung für oder gegen die Karriere nicht abzunehmen“. Denn „die Frauenfrage (sei) nur im persönlichen Bereich zu beantworten“.

An die selbstverständliche Tatsache, daß „jeder Frau die Wahl überlassen sein solle, wie sie ihr Leben gestalten“ wolle, knüpft Ruth Pauli die Forderung, „nur die Möglichkeiten zur Verwirklichung der selbstgewählten Vorstellungen“ sollten den Frauen eröffnet werden — „wie sie diese wahrnimmt, ist ihre Sache. Das wäre Gleichberechtigung“. Dieses Außerachtlassen gesellschaftlicher Zusammenhänge, diese Vernachlässigung sozialer Faktoren verblüfft, verärgert.

Wenn sogenannte erfolgreiche Frauen—ebenso wie viele männliche und weibliche Gleichberechtigungsgegner - für eine „Freiheit der individuellen Entscheidung“ eintreten, vergeben sie damit die Chance, aus der eigenen „Er-folgs“-Position heraus Benachteiligungen im Grundsätzlichen aufzuzeigen, dadurch anderen Frauen zu helfen und mit ihnen solidarisch zu sein. Sie lassen ihre Geschlechtsgenossinnen im Stich.

Als ob nicht solche vermeintlich freien Entscheidungen wesentlich vom Vorbild und Erziehung in Elternhaus und Milieu bestimmten eigenen Leitbild beeinflußt würden, ein solches Leitbild aber beileibe nicht den eigenen Fähigkeiten und Wünschen entsprechen muß. Als ob nicht mehr oder weniger nachdrückliche Erwartungen des ebenfalls durch eine bestimmte Sozialisation geprägten Partners eine ausschlaggebende Rolle bei diesen „freien Entscheidungen“ spielte.

Die Forderung an die Frauen, „den Vergleich mit der anderen Hälfte der Welt nicht zu scheuen“, kann wohl nur dann rechtens erhoben werden, wenn für diesen Vergleich analoge Ausgangspositionen vorausgesetzt werden können, was derzeit weder in der Politik noch in der Arbeitswelt, weder in der Wissenschaft noch in der Kultur der Fall ist.

Und zu solchen gleichen Startbedingungen wird es höchstwahrscheinlich auch weiterhin solange nicht kommen, als an den entscheidenden Schalthebeln Männer weiterhin Männer bevorzugen, ihnen eher entsprechende Leistungen zutrauen und weibliche Konkurrenz scheuen.

Für eine zugegebenermaßen als Ubergang zu betrachende Epoche, über deren Kürze man allerdings nicht zu optimistisch sein sollte, ist daher eine bewußte Förderung, eine verstärkte Einbeziehung von Frauen angebracht: her mit den Quotenfrauen also!

Wenn in dem eingangs angeführten Buch zu lesen steht, daß den Frauenorganisationen der Parlamentsparteien in Österreich weder Pressereferenten noch Dienstwagen mit Chauffeur zur Verfügung stehen und einschlägige fachliche Unterstützung zur Ausarbeitung von Vorlagen durch die Klubsekretariate die Ausnahme ist, kommen einem schon ernsthafte Zweifel am Demokratieverständnis unserer männlichen Parlamentarier. Da können die rein rhetorischen Bekenntnisse zur Gleichberechtigung in den SPÖ- und ÖVP-Par-teiprogrammen fast nicht mehr erschüttern, da ist die erfahrungsgemäß durch Karriereversprechen leicht zunichte zu machende Solidarität von Frauen nur ein Kopfschütteln wert.

Aber nicht nur Männer, sondern auch die Frauen selbst nehmen immer wieder Anstoß an einer dekretier-tierten Chancengleichheit — siehe den 1985 beschlossenen 25-Prozent-An-teil an Frauen in SPÖ-Bundes- und Landesorganisationen, gegen den Frauen selbst mit dem Argument Stellung beziehen, daß die durch Neid und Erwartungsdruck entstehende Belastung unzumutbar sei. Wohl kein CV-oder BSA-Mitglied hat noch die Förderung seines „Freundes“ aus Angst vor Schadenfreude im Falle der Erfolglosigkeit unterlassen.

Durch die Verankerung von Quoten werden männliche Funktionäre aller Ränge immerhin dazu gebracht, geeigneten, dazu bereiten Frauen dieselben Chancen einzuräumen wie sich selbst. Die „gutgemeinte“ Sorge um unzumutbare Doppelbelastungen der Mütter von Kleinkindern sollte nicht auch gegenüber Unverheirateten ins Treffen geführt werden. Aus materiellen Gründen sollten Berufstätige nicht mehr polemisch in einen Topf geworfen werden mit solchen, die sich von Hausarbeiten entlasten können.

Auch den durchaus ambivalent zu sehenden Alibifrauen kann in vielen Fällen und je nach persönlicher Fähigkeit eine wichtige Rolle zukommen, wenn sie nämlich Umdenkprozesse anregen, eine Eisbrecherin-Funktion wahrnehmen.

Bewußtseinsbildung ist also eine wichtige Voraussetzung für den partnerschaftlichen Umgang zwischen Männern und Frauen. Dazu gehören auch verstärkt Studien zur historischen Entwicklung der Situation von Frauen.

Interessenbedingt wird eine solche Frauenforschung in erster Linie von Frauen selbst betrieben werden. Nicht wissenschaftliche Ghettos werden mit Subventionen unterstützt, sondern viele Jahrhunderte ausgeklammerten Forschungsinhalten wird im Nachholvorgang Aufmerksamkeit zugewendet.

Auch die 1979 aus politischer Opportunität ins Leben gerufenen Staatssekretariate für Frauenfragen (im Bundeskanzleramt und im Sozialministerium) sind zunächst unabhängig von Leistungsbilanz und Effizienznachweis ein Zeichen dieser Aufmerksamkeit.

EMANZIPATION IN OSTERREICH. Der lange Marsch in die Sackgasse. Von Ruth Pauli. Böhlau-Verlag, Wien 1986. 163 Seiten, kart, öS 1%,-.

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