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Ein Herz für Männer

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Niemand leugnet, dass Männer auch ihre Probleme haben. Aber Frauen leiden deutlich mehr an Diskriminierungen und Ungerechtigkeiten. Auf den Generationen-, Frauen- und Männerminister Herbert Haupt wartet viel Arbeit.

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Niemand leugnet, dass Männer auch ihre Probleme haben. Aber Frauen leiden deutlich mehr an Diskriminierungen und Ungerechtigkeiten. Auf den Generationen-, Frauen- und Männerminister Herbert Haupt wartet viel Arbeit.

Zunächst einmal müsste man ja froh und dankbar sein, wenn Politiker soziale Probleme überhaupt thematisieren und dann gleich auch noch institutionelle Lösungsmöglichkeiten präsentieren. Dass die Idee, im Bundesministerium für Soziales und Generationen eine Männerabteilung einzurichten, trotzdem nicht mit uneingeschränktem Beifall bedacht wurde, hat eine ganze Reihe von Gründen.

Da ist nicht nur der offenkundige Zynismus, damit ausgerechnet am Höhepunkt des Faschings und kurz vor dem Weltfrauentag in die Öffentlichkeit zu gehen, und die symbolträchtige Referatsbezeichnung VI/6, die Widerspruch hervorgerufen haben. Gravierender ist da schon, dass es eine der ersten publicityträchtigen Aktionen eines männlichen Frauenministers zur Geschlechterfrage ist, sich ausgerechnet der Männerprobleme anzunehmen, und zwar in einer Art und Weise, die man bei noch so wichtigen Frauenthemen in der Regel vermisst. Und es macht die Optik um keinen Deut besser, dass gleichzeitig eine Abteilung etabliert wird, die sich mit Frauengesundheit und Gentechnik befasst - so wichtig das insgesamt sein mag, verweist es gerade wieder auf Aspekte der Frauenrolle, die man sehr stark ideologisch besetzen kann, denn sonst müsste die Gesundheit der Männer ja wohl gleichbedeutend mit erfasst sein.

Damit liegt eine wesentliche gesellschaftspolitische Grundfrage auf dem Tisch: in welchen Bereichen der Politik, bei welchen Fragestellungen ist ein Gender-Ansatz, d.h. ein geschlechtsspezifischer Zugang sinnvoll und notwenig ?

Man sollte ja davon ausgehen können, dass Politik im Sinne der Ordnung und Steuerung des Gemeinwesens bzw. in Bezug auf die Sicherung von Lebensqualität und Entfaltungsmöglichkeiten auf alle Bürger abgestellt ist - unabhängig von Geschlecht, Alter, regionaler Herkunft und anderen Merkmalen.

Wem gehört das Auto?

Eine vernünftige Außenpolitik etwa bezieht sich auf die Weltoffenheit unseres Landes, seine politische und wirtschaftliche Integration in größere Zusammenhänge einer immer kleiner werdenden Welt. Niemand käme auf die Idee, eine Außenpolitik speziell für Frauen oder für Männer zu fordern - sie betrifft einfach alle.

Oder: im Hinblick auf Verkehrspolitik kann man gesamtpolitisch eher auf öffentlichen Verkehr oder eher auf private Verkehrsmittel setzen - aber in jedem Fall soll doch die notwenige Mobilität für alle sichergestellt sein. Selbst überzeugte Feministinnen fordern keine frauenspezifische Verkehrspolitik - wenngleich klar ist, dass auch hier traditionelle gesellschaftliche Strukturen die Frauen benachteiligen: wem gehört, wer fährt das Familienauto, wenn es nur eines gibt?

Ähnlich die Gesundheitspolitik: so wie Grippeviren ohne Unterschied auf Männer und Frauen losgehen, erwartet man sich eigentlich (abgesehen davon, dass es nun eben Gynäkologen und Andrologen gibt) auch keine Männer- bzw. Frauenmedizin und vor allem keinen nach Geschlechtern differenzierten Versorgungsgrad mit Einrichtungen und Leistungen des Gesundheitswesens. Und zwar obwohl man weiß, dass Frauen und Männer im statistischen Durchschnitt nicht gleich alt werden, und unterschiedliche Todesursachen gehäuft auftreten. Dass mehr Männer als Folge von Verkehrsunfällen sterben, resultiert daraus, dass sie häufiger als Frauen mit dem Auto unterwegs sind und schneller fahren. Auch dass mehr Männer als Frauen durch Leberzirrhose zu Tode kommen, hat mehr mit dem Alkoholkonsum als mit dem biologischen und sozialen Geschlecht zu tun.

Damit ist aber bereits ein Beispiel angesprochen, das als Begründung für die notwendige Etablierung eines eigenen Männerresorts herangezogen - um nicht zu sagen missbraucht - wird. Es mag schon zutreffen, dass private Probleme und beruflicher Stress bei immer mehr Männern als Auslöser für Drogenabhängigkeit geortet werden. Aber zum einen gibt es genug Männer, die dieses Ventil nicht in Anspruch nehmen, obwohl sie im Beruf gemobbt werden oder vor der Scheidung stehen, und zum anderen wissen wir, dass die Anzahl suchtgefährdeter Frauen ebenfalls im Steigen begriffen ist - aus denselben Gründen.

Opfer und Täter Und letztlich: ambulante und stationäre Einrichtungen für Alkohol- und Drogenkranke gibt es seit Jahrzehnten - für Männer, Frauen und Jugendliche beiderlei Geschlechts. Vielleicht gibt es nicht genug davon, vielleicht ist noch höhere Professionalität und vor allem mehr Geld dafür erforderlich: das ist eine Frage, der sich aber die Gesundheits- und Sozialpolitik insgesamt zu stellen hat.

Männerminister Haupt fordert für seine Geschlechtsgenossen das "Recht auf Gleichbehandlung in sozialen Randsituationen" (Zitat aus der TV-Sendung Betrifft 4.3.01). Neben der Alkohol- und Drogenproblematik wird da etwa die höhere Betroffenheit von Männern durch Obdachlosigkeit angeführt - und nicht weiter hinterfragt. Denn auch hier sind die in der Regel nicht geschlechtsspezifisch differenzierten Einrichtungen mit einem immer höheren Frauen- und Jugendanteil (Burschen wie Mädchen) konfrontiert - abgesehen davon, dass Frauenobdachlosigkeit eher "verdeckt" stattfindet. Wohnungsgefährdung von Männern direkt oder indirekt als Folge von Scheidungen und Unterhaltszahlungen darzustellen, führt ein sozialpolitisches Thema auf die Ebene eines "Geschlechterkampfes" - die Frauen sind letztlich schuld an den Problemen der Männer. Zu diesen Problemen wird auch deren "Gewaltneigung" gezählt - und es wird geflissentlich übersehen, dass es in der Regel die Frauen sind, die hier als Opfer fungieren (und deshalb vom Wegweiserecht Gebrauch machen bzw. sich scheiden lassen - und damit schließt sich der Kreis zur Obdachlosigkeit).

Auch die zunehmende Verschuldung muss herhalten, und sie wird nicht etwa auf die fatalen Auswirkungen der Konsumgesellschaft einerseits und einer auf dem Senioritätsprinzip beruhenden Einkommenspolitik andererseits zurückgeführt. Gerade die bedingt, dass Jungfamilien mit geringen Anfangsbezügen Wohnraum schaffen, Kinder versorgen, per Auto mobil sein müssen - und eben auch "noch etwas vom Leben haben" wollen - und sei es auf Pump. Dass nach Scheidungen Frauen, denen die kleinen Kinder - mit allen Mühen - zugesprochen werden, Unterhaltsansprüche haben und nicht die gesamte Schuldenlast tragen müssen - ja, also das mag ein Männerproblem sein. Das damit korrespondierende Frauenproblem besteht darin, dass alleinerziehende Mütter samt ihren Kinder in unserer Wohlstandsgesellschaft die größte der von Armut betroffenen (respektive armutgefährdeten) Gruppen darstellen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil ihnen vielfach die Berufsrückkehr massiv erschwert wird (und ob die neue Kindergeldregelung sich hier segensreich auswirkt, bleibt abzuwarten.) - sie kommen daher gar nicht in die Lage, das auch als "neues Männerproblem" angeführte Mobbing im Beruf zu erleiden.

Frauen leiden mehr Und "gemobbte Männer": wird jemand tatsächlich von seinem Chef schikaniert, von den Kollegen nicht beachtet, unterdrückt, "hinausgeekelt", weil er ein Mann ist? Oder gar, weil er nicht nur Mann, sondern auch Vater ist? Oder weil der Führungsstil unprofessionell, das Arbeitsklima schlecht, der Konkurrenzdruck hoch ist?

Zunehmende Entsolidarisierungstendenzen in der Gesellschaft und auch im Berufsleben sind kein geschlechtsspezifisches Phänomen - auch hier sind Frauen betroffen, und in nicht geringerem Masse als Männer. Niemand leugnet, dass Männer Probleme haben - Menschen haben Probleme, die einen mehr, die anderen weniger.

Frauen leiden aber - und das wirklich im Gegensatz zu Männern - in vielen Lebensbereichen - in Politik und Gesellschaft, im Beruf und im Privatleben zusätzlich unter systemimmanenten Diskriminierungen, unter strukturellen Benachteiligungen, die ausschließlich auf ihrer Geschlechtszugehörigkeit und den geschlechtsspezifischen Rollenverteilungen basieren. Dazu gehört etwa die nicht durch Qualifikationsunterschiede rechtfertigbare Unterrepräsentation in leitenden Positionen, die sich immer noch vergrößernde Einkommensschere, die geringere Partizipation in (interessen)politischen Entscheidungsgremien, die Überforderung durch Mehrfachbelastung infolge familiärer Betreuungspflichten und beruflicher Herausforderung ...

Dass sich in dem einen oder anderen Lebensfeld - nicht zuletzt als Folge jahrzehntelanger engagierter Frauenpolitik - geringfügige Verbesserungen ergeben haben, spricht dafür, hier weiterzuarbeiten. Viele Frauen sind dabei, sich ein neues Rollenbild anzueignen und neue Partnerschaftsmuster zu entwickeln - die natürlich auch die Männer betreffen. Die nun "wehleidig" reagieren und sinnvolle Anpassungsleistungen mit der Begründung verweigern, ihre Geschlechtsidentität sei damit infrage gestellt - und mit allerhöchster Unterstützung und ressortmäßiger Verankerung durch den - ja, was nun: Sozial-, Generationen-, Frauen-, Männerminister? - rechnen können.

Aber immerhin: wenn man jüngsten Pressemeldungen trauen kann, will Minister Haupt auch tatsächliche Diskriminierungen in Angriff nehmen: die rechtliche Ungleichbehandlung von homosexuellen Paaren und das unterschiedliche Schutzalter. Da wird er noch viel Überzeugungsarbeit leisten müssen.

Die Autorin ist Professorin für Gesellschaftspolitik an der Universität Linz.

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