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Kein Bild von einem Mann

FOKUS
Mann Identität - © Collage: Rainer Messerklinger (unter Verwendung dreier Bildern von iStock/alvarez)

Minenfeld Männlichkeit: Die Provokation

1945 1960 1980 2000 2020

Wer sich mit den Problemen von Buben und Männern beschäftigt, stößt auf Misstrauen, sagt Männlichkeitsforscher Josef Christian Aigner. Über ein diskursives Minenfeld.

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Wer sich mit den Problemen von Buben und Männern beschäftigt, stößt auf Misstrauen, sagt Männlichkeitsforscher Josef Christian Aigner. Über ein diskursives Minenfeld.

Im Zusammenhang mit der Femizidrate in Österreich war zuletzt viel über männliche Täter zu hören. Dabei führt die verständliche moralische Empörung über derartige Verbrechen oft zu recht fragwürdigen Pauschalierungen: Schnell werden etwa Meinungen laut, die die Gewaltneigung fast „essenziell“ (also „quasi-natürlich“) dem männlichen Geschlecht zuordnen.

Auch in meiner akademischen Laufbahn als über Väter und Männlichkeit Forschender habe ich die Erfahrung gemacht, dass es eine starke Neigung zu pauschal-negativen Beschreibungen von Männern gibt. Stets habe ich dagegengehalten, dass Männer – wie Simone de Beauvoir es für die Frauen formulierte – nicht als solche geboren, sondern dazu gemacht werden. Allerdings verpuffen derartige Einwände meist wirkungslos. Oft hatte ich den Eindruck, dass allein schon die Befassung mit Problemen von Buben und Männern (noch dazu durch einen Mann) auf misstrauische Ablehnung stößt, vor allem, wenn es sich – wie in der Mädchen- und Frauenforschung üblich – um einen parteiischen Zugang handelt, also einen, der Buben und Männer mit ihren Problemen verstehen und unterstützen will.

Genderforschung = Frauenforschung?

Männerforschung ist mittlerweile zwar ein komplexes multidisziplinäres Feld, aber stark von Soziolog(inn)en dominiert, wobei die „Kritische Männlichkeitsforschung“ (mit großem „K“) offenbar den Alleinanspruch auf eine kritische Betrachtungsweise stellt. Übersehen wird dabei die Gefahr des „Soziologismus“ im Sinne eines eindimensionalen gesellschaftstheoretischen Zugangs, während die psychologischen Reaktionen der Männer auf bestimmte gesellschaftliche Bedingungen vernachlässigt oder ausgeblendet werden. Das gilt auch für die etwas gebetsmühlenartig vorgetragene Theorie der „hegemonialen Männlichkeit“ (nach Raewyn Connell), die einen männlichen Herrschaftsgewinn (die „patriarchale Dividende“) postuliert, dem sich de facto kein Mann entziehen könne. Dabei zählt nur das „Außen“ der Männer, nicht ihre Innenwelt, wie etwa männliches Leid an eben diesen Strukturen oder Hilflosigkeit, die ja oft erst Auslöser von Gewalt ist. Der Männlichkeitsforscher Lothar Böhnisch fordert deshalb explizit eine „Tiefenbetrachtung“, etwa in Form eines psychoanalytischen Zugangs.

Zudem meint „Genderforschung“ meistens Frauenforschung. Von den rund 250 Genderprofessuren in Deutschland sind fast alle mit Frauen besetzt – und die wenigen Männer verstehen sich als „pro-feministisch“. Nun besteht ja kein Zweifel an der Bedeutung feministischer Forschung für Genderfragen. Aber es gibt auch eigenständige männerbezogene Themenbereiche, die aus Frauen- und Feminismus-Sicht anders aussehen.

Apropos „Feminismus“. Der verbreitete Negativ-Diskurs über Männlichkeit hat auch bewirkt, dass das Pendant zum Feminismus, nämlich „Maskulismus“, durchwegs negativ konnotiert, zum Schimpfwort geworden ist. An sich wäre es der analoge Begriff zu Feminismus im Sinn von Selbstreflexion und Analyse bzw. Veränderung der männlichen Geschlechterrolle. Tatsächlich aber bleibt der Begriff heute nur für fragwürdige Männerrechtler reserviert.

Dagegen gibt es trotz zahlenmäßig überwiegender männlicher Gewaltvorkommen eine Mehrheit von Männern, die nicht gewalttätig ist und die nicht missbraucht, sondern in vielen gesellschaftlichen Bereichen sehr verdienstvoll ist. Sie scheint aber außer Blick zu geraten. Deshalb ist für mich auch die zum geflügelten Wort gewordene „toxische Männlichkeit“, die Hinz und Kunz flott über die Lippen geht, irreführend: „Toxisch“ meint bestimmte Eigenschaften durch patriarchale Prägung – was übrigens auch den Männern selbst schadet. Man sollte deshalb besser von toxischer Prägung von Männern sprechen. Zudem bedürfte es auch einer Kritik an traditioneller, „toxischer“ Prägung von Frauen, die an der „Gemachtheit“ von Männern mitwirken und das System stützen. In diesem Zusammenhang verschwindet auch die Beziehungsdimension. Traditionell männliche und weibliche Eigenschaften bedingen sich auch gegenseitig.

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