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Schlagende Verbindung

Häusliche Gewalt gegen Männer ist eine umstrittene Frage in der Gewaltforschung und ein Tabuthema in der öffentlichen Diskussion.

Klaus M. dreht die Stereoanlage auf volle Lautstärke. Die Rolling Stones übertönen das Geschrei und Geschimpfe, das die Nachbarn nicht hören sollen. Besser sie beschweren sich über den Lärm, als dass sie die Wahrheit erfahren: Seine Frau kratzt, würgt und schlägt ihn.

Ein Einzelfall? - Laut amtlicher Statistiken ja. In der Praxis der Beratung ebenso. "Männer kommen nicht zu uns, wenn ihre Ehefrauen sie schlagen", sagt Markus Hofer, Leiter der Männerberatungsstelle der Erzdiözese Vorarlberg. "Sie kommen wegen Scheidung, Alkoholproblemen und Jobverlust, und zwar erst, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht."

Empirischen Untersuchungen zufolge existiert Frauengewalt gegen Männer häufiger als angenommen. "Die Raten gewalttätiger Frauen und Männer weichen in den verschiedenen Befragungen maximal ein Drittel voneinander ab", resümiert der Gewaltbericht des österreichischen Sozialministeriums. Michael Bock, Professor für Kriminologie an der Universität Mainz, kommt in seinen Forschungsarbeiten sogar zu dem Schluss, dass mindestens genauso viele Männer von Frauen geschlagen werden wie umgekehrt.

Politisch unkorrekt?

Weshalb die Diskrepanz zwischen Statistiken und Studien? - "Offiziell gibt es nichts, was nicht sein darf", meint Markus Hofer. Frauengewalt öffentlich zu machen, wäre politisch unkorrekt. Es stört den feministisch geprägten Gender-Diskurs. Außerdem rüttelt die Vorstellung vom maskulinen Opfer an der noch immer herrschenden Vormachtstellung der Männer.

Klaus M. wirkt viril, gepflegt und gebildet. Er ist Anfang 40, weder "schwul" noch ein "Softie". Doch das oder Ähnliches, fürchtet er, würde sein Umfeld ihm nach einem Outing unterstellen. Einen "richtigen Kerl" darf die physische Gewalt seitens einer Partnerin nicht aus der Bahn werfen. In diesem Vorurteil liegt ein wesentlicher Grund für die Tabuisierung des Themas: Die Opferrolle widerspricht dem gängigen Männerbild von Stärke und Überlegenheit. Viele Betroffene schweigen aus Scham. Doch selbst wenn sie ihr Versteckspiel aufgäben - wer würde ihnen glauben?

Polizei und Gerichte jedenfalls selten, meint Kriminologe Bock. "Die Strafverfolgungsbehörden rechnen nicht mit männlichen Opfern, oder sie machen sie für ihr Schicksal selbst verantwortlich." Die nachträgliche Verleumdung trägt dazu bei, dass das Problem ignoriert wird. Denn Verständnis finden geschlagene Männer nicht, im Gegenteil - sie werden verdächtigt, durch eigenes Verschulden Opfer geworden zu sein. Sie hätten etwa die Frau provoziert, oder die Partnerin hätte in Notwehr gehandelt.

Der Gewaltbericht des Sozialministeriums räumt mit der verbreiteten Fehleinschätzung auf: Frauen sind von Natur aus nicht friedliebender als Männer, heißt es hier; auch sie würden Gewalttaten beginnen. Zudem bemerkt Michael Bock eine Ästhetisierung von Frauengewalt in Filmen und Werbespots. "Wir unterscheiden zwischen der bösen Gewalt des Verbrechers und der guten Gewalt des Polizisten, Soldaten und Agenten. Beides war lange Zeit Männersache. Jetzt findet eine kulturelle Verschiebung statt. Die böse Gewalt wird für Männer reserviert, die gute für Frauen." Als Beispiele nennt er Lara Croft, Charlies Engel oder rabiate tv-Kommissarinnen.

Schläge auf Distanz

Von seiner Arbeit in der Männerberatungsstelle kennt Markus Hofer körperliche Gewalt durch beide Geschlechter vorwiegend als Kommunikations-Spielart der unteren sozialen Schichten. Während Männer eher direkt zuschlagen und schwere Verletzungen an ihren weiblichen Opfern hervorrufen, halten Täterinnen auf Grund ihrer geringeren Kraft das männliche Opfer mehr auf Distanz. Dabei kommt nicht nur klischeehaft der Nudelwalker zum Einsatz, es wird auch getreten, verbrüht oder im Schlaf überrumpelt.

Noch verkennen viele Ärzte, Psychologen und Sozialarbeiter tätliche Übergriffe auf Männer. Der deutsche Sozialwissenschaftler Hans-Joachim Lenz erklärt sich die Ursache dafür so: "Männliche Opfer scheinen Beratern und Therapeuten Angst zu machen, weil sie eine dunkle Seite des Helfers berühren: die eigene Erfahrung des Sich-zur-Verfügung-Stellens." Der Helfer müsse sich mit seinem eigenen Opfersein und der - als weiblich denunzierten - vermeintlichen Schwäche auseinander gesetzt haben. "Dieser schmerzliche Prozess stellt mit großer Wahrscheinlichkeit das eigene Verständnis von Männlichkeit tief gehend in Frage."

Auch weiß man noch wenig über die Bewältigungsstrategien der misshandelten Männer. Das Ziehen von Konsequenzen scheint den Betroffenen jedenfalls schwer zu fallen. Künftige Unterhaltszahlungen und der Umstand, dass oft die Kinder der Partnerin zugesprochen werden, halten die meisten von einer Scheidung ab. Leichter fällt es ihnen, nach dem Motto "Ein Indianer kennt keinen Schmerz" die ihnen zugefügte Gewalt zu verharmlosen. Oder sie finden Entschuldigungen für die Frau - Alkoholisierung, Provokation, psychische Ausnahmesituation.

Übrigens war die Erste, die sich der heiklen Thematik annahm, eine Frau: Die amerikanische Soziologin Susanne Steinmetz sorgte mit ihrem Aufsatz "The Battered Husband Syndrom" Ende der siebziger Jahre für einen großen Medienrummel. In Talkshows bauschte man die Leiden der misshandelten Männer auf; oft stand die Absicht dahinter, die Gewalt gegen Frauen zu bagatellisieren. Als Folge wurden damals etliche Hilfsprogramme für weibliche Opfer eingeschränkt.

Aufgebauschtes Phänomen

In dieselbe Kerbe dürfe man heute keinesfalls schlagen, sind sich die Autoren des österreichischen Gewaltberichts einig. "Gewaltanwendung gegen Frauen stellt ein größeres Problem dar, weil Frauen schwerer verletzt werden und die aus Gewalthandlungen an ihnen resultierenden Konsequenzen gravierender sind."

Die Gründung von EuGeT, der Europäischen Gesellschaft Gewaltberatung Tätertherapie, trägt dieser Tatsache Rechnung. Ziel der Gesellschaft ist es, ein europaweites Angebot einer Telefon-Hotline für Täter aufzubauen, um sie zur Inanspruchnahme professioneller Beratung zu bewegen. Seit Ende Mai 2004 existiert auch in Österreich eine solche Hotline (08002/439258). Ein dem Frauenhaus adäquates "Männerhaus" gibt es hierzulande hingegen noch nicht.

Infos unter www.maennernet.at, www.maenner.at und www.euget.org

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