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Läßt sich Homosexualität „umpolen”?

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Homosexuellen Menschen schlägt in ihrem täglichen Leben meist nur Verständnislosig-keit, Verachtung oder Haß entgegen (zum Thema siehe auch Furche 32/1995). Ein Schweizer Psychotherapeut analysiert dieses Verhalten als Ergebnis einer Reihe von Vorurteilen und verzerrten Darstellungen.

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Homosexuellen Menschen schlägt in ihrem täglichen Leben meist nur Verständnislosig-keit, Verachtung oder Haß entgegen (zum Thema siehe auch Furche 32/1995). Ein Schweizer Psychotherapeut analysiert dieses Verhalten als Ergebnis einer Reihe von Vorurteilen und verzerrten Darstellungen.

Wir stellen uns gerne als aufgeschlossene und tolerante Menschen dar und halten auch vor uns selbst an diesem Bild mit großer Beharrlichkeit fest. Prüfen wir jedoch die Vorstellungen, die weite Kreise - und leider auch viele „Fachleute” aus den therapeutischen, sozialen und kirchlichen Berufen - von Lesben und Schwulen in sich tragen, so müssen wir feststellen, daß hier nach wie vor ungeprüft Bilder bestehen und weitergegeben werden, die wenig mit der Lebensrealität dieser Menschen zu tun haben und durch grobe Einseitigkeiten und Verzerrungen geprägt sind.

Wie entsteht Homosexualität, im) lä'sst sich die homosexuelle Orientierung verändern?

Homosexuelle sind wie heterosexuelle Orientierungen verschiedene Ausgänge spezifischer Entwicklungsverläufe. Die haben nichts mit psychischer Gesundheit oder Krankheit zu tun, sondern stellen gleichwertige Varianten des erotischen und sexuellen Erlebens und Verhaltens dar.

Wie allgemein bei der Entwicklung des Menschen müssen wir auch bei der Homosexualität von einer ererbten Disposition ausgehen. Familien- und Zwillingsuntersuchungen sowie in neuerer Zeit auch genetische Studien belegen diese Voraussetzung, wobei die Realisierung dieser Anlage aber offensichtlich auch wesentlich von lebensgeschichtlichen Erfahrungen mitbestimmt wird.

Aufgrund moderner entwicklungspsychologischer Kenntnisse verstehen wir die Geschlechtsidentität als Produkt aus drei „Bausteinen”:

■ Geschlechtsidentität (die etwa Ende des zweiten Lebensjahres etablierte und nicht wieder auflösbare Gewißheit, männlichen oder weiblichen Geschlechts zu sein);

■ Geschlechtsrolle (die verinnerlich-ten Vorstellungen über die Rollen von Mann und Frau);

■ Geschlechtspartner-Orientierung (die Ausrichtung auf bestimmte, gleich- oder gegengeschlechtliche, Partner und Partnerinnen).

Diese drei Bausteine werden wesentlich durch die Beziehungserfahrungen in Kindheit und Jugend geprägt und durchlaufen in einem komplizierten Prozeß bei homo— und heterosexuellen Menschen insofern verschiedene Entwicklungen, als sie an bestimmten „Weichen” in der frühen und späteren Kindheit auf je spezifische Weise mit lebensgeschichtlichen Erfahrungen angereichert werden und sich deshalb ausgestalten. Diese Weichenstellungen erfolgen vor allem in drei Entwicklungsstadien:

■ In der frühesten Kindheit, in der sich bei den späteren homosexuellen Menschen eine verstärkte Betonung der Autonomie (das heißt des Wunsches, sich durch Unabhängigkeit im Denken, Fühlen und Handeln zu definieren) herausbildet, während später heterosexuell Empfindende ihre Identitätsgefühle in erster Linie erleben, wenn sie sich in einer Polarität zu anderen Menschen sehen. Die Gründe für diese in den ersten Lebensjahren sich entwickelnden Unterschiede sind weitgehend unbekannt.

■ Die zweite Weichenstellung erfolgt (etwa im Alter von vier bis fünf Jahren) in der ödipalen Entwicklungsphase, in der es um die bewußtere Auseinandersetzung des Kindes mit Vater und Mutter als geschlechtlichen Wesen und mit den von ihnen vertretenen sozialen Rollen geht. In dieser Phase erlebt das später homosexuell empfindende Kind bereits deutlich die erotische und sexuelle Attraktion, die vom gleichgeschlechtlichen Elternteil ausgeht, und schlägt damit einen anderen Entwicklungsweg ein als heterosexuelle Kinder, die sich vor allem vom gegengeschlechtlichen Elternteil angesprochen fühlen.

■ Die dritte Weichen-Stellung erfolgt schließlich in der Jugend im Prozeß des Coming out, in dem homosexuelle Menschen sich ihrer spezifischen Identität immer deutlicher bewußt werden und sich ihrer Umgebung damit zu erkennen geben. Bei all diesen Entwicklungsschritten ist es von großer Bedeutung, daß die Kinder auf Bezugspersonen treffen, die sie in der spezifischen Art ihrer Gefühle, ihres Verhaltens und ihrer Selbstdefinition akzeptieren und unterstützen.

Die genannten Weichenstellungen sind - und dies sei noch einmal ausdrücklich betont - nicht Folge wie auch immer gearteter Traumatisierung mit pathologischem Ausgang, sondern es sind Entwicklungsstadien, die alle Menschen durchlaufen, die aber im einen Falle zur homosexuellen, im anderen zur heterosexuellen Orientierung führen. Diese Entwicklung liegt schon früh, spätestens bis zur Pubertät, in den wesentlichen Linien fest und besitzt damit von Jugend an eine relative Stabilität über die ganze Lebensspanne hinweg. Deshalb kann man bei der homosexuellen Entwicklung nicht davon sprechen, sie sei selbst gewählt oder gar Ausdruck eines übersättigten Sexuallebens mit dem Wunsch, es auch einmal mit gleichgeschlechtlichen Partnern zu „probieren”.

Aus diesen Überlegungen resultiert, daß einige in Diskussionen um die Homosexualität immer wieder angeführte Argumente jeglichen sachlichen Fundaments entbehren, beispielsweise, wenn auf die angebliche „Verführungsgefahr” hingewiesen wird, die Schwule (und, wenn sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, auch Lesben) für Kinder und Jugendliche darstellen sollen. Heranwachsende können nicht zu etwas verführt werden, das ihrer eigentlichen Orientierung nicht entspricht.

Ferner ist es eine völlig irrige Annahme, Schwule seien „weiblich”, Lesben „männlich” identifiziert. Bei dieser Klischeevorstellung werden die Aspekte der Kern-Geschlechtsidentität, der Geschlechtsrollen und der Geschlechtspartner-Orientierung in unzulässiger Weise miteinander vermischt. Lesbische Frauen zweifeln so wenig an ihrer Weiblichkeit wie heterosexuelle Frauen, und schwule Männer zweifeln wie heterosexuelle Männer in keiner Weise an ihrer Männlichkeit. Eine ebenso irrige Vorstellung ist es, anzunehmen, homosexuelle Menschen seien durch bestimmte Verhaltensmerkmale „auf den ersten Blick” zu erkennen, beispielsweise schwule Männer durch ein „tuntenhaftes” Auftreten oder lesbische Frauen durch demonstrativ zur Schau gestellte „Männlichkeit”. Homosexualität findet sich über alle Nationen, Berufe, soziale und politische Gruppierungen hinweg. Sie betrifft Menschen jedweder Art und nicht nur die Gruppe derer, die wegen ihres besonders auffallenden Auftretens oder infolge ihrer Arbeit in homosexuellen Emanzipationsgruppen von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden.

Immer wieder taucht in Diskussionen die Frage auf, ob sich die homosexuelle Orientierung verändern lasse. Derartige „Umpolungen” sind nicht nur unmöglich, weil es dabei ja um eine Veränderung der tief in die Persönlichkeit eingeschriebenen Orientierung ginge (so würde ja auch niemand den Versuch unternehmen, heterosexuelle Menschen in Richtung Homosexualität „umzupolen”). Solche Versuche sind auch unmenschlich und untherapeutisch, da sie die betreffenden Menschen nicht auf dem Weg ihrer Identitätsfmdung begleiten, sondern sie zwingen, an sich selbst vorbeizugehen und ihre eigentliche Identität zu veleugnen.

Selbst Vertreter der Ansicht, man solle und könne solche „Umpolungen” vornehmen, wissen nur sehr bescheiden von „Erfolgen” zu berichten. Eine grundsätzliche Änderung der sexuellen Orientierung, zu der neben dem manifesten sexuellen Verhalten vor allem auch die erotischen und sexuellen Phantasien, die sozialen Präferenzen und die Selbstdefinitionen gehören, ist nicht möglich. Eine „Umpolung” kann höchstens zu einer mehr oder weniger vordergründigen Anpassung an einen bestimmten Verhaltensstil führen, ohne daß aber die eigentliche Identität geändert wird. diskriminierungen:

Trotz aller angeblichen Aufgeschlossenheit, die wir uns gerne zugute halten, ist der Alltag homosexueller Menschen im Grunde nach wie vor voll von Diskriminierungen und Gewalt. Hier ist die hinreichend bekannte manifeste Gewalt in Form von Überfällen bis hin zum Mord an schwulen Männern zu denken. Es spricht etliches dafür, daß die offene Gewalt gegen lesbische Frauen nicht viel geringer ist; sie kommt aber, da sie in der Regel von Männern aus dem nächsten Umkreis der Frauen verübt wird, weniger zur Anzeige.

Diskriminierungen vielfältiger Art erleben Lesben und Schwule auch im beruflichen und privaten Alltag und nicht zuletzt sogar in unseren Kirchen.

Ursachen der Diskriminierungen

Wenn wir den Hintergründen der Homophobie (der Angst vor homosexuellen und des Hasses gegen homosexuelle Menschen) in unserer Gesellschaft nachspüren, stellen wir fest, daß der Hauptmotor, wie meistens bei Diskriminierungen und Gewalt, die Angst ist. Lesbische und schwule Menschen stellen durch ihre Gefühle und ihre Lebensformen in zweierlei Hinsicht zentrale Normvorstellungen unserer Gesellschaft in Frage:

Sie stellen zum einen einen „Angriff” auf die traditionelle Familie dar, indem durch das Zusammenleben von zwei Frauen oder zwei Männern die in der traditionellen Familie immer noch geltende, für „natürlich” gehaltene Rollen- und Machthierarchie Vater-Mutter-Kind als nicht selbstverständlich entlarvt wird. Dies trifft natürlich vor allem die Männer, die viel an Macht zu verlieren fürchten, besonders hart. Dadurch erklärt sich wohl auch die Tatsache, daß Homophobie unter Männern im allgemeinen weitaus verbreiteter und ausgeprägter ist als unter Frauen.

Zum anderen stellen schwule Männer (und gegen sie richtet sich die Homophobie ja in erster Linie) die

Männlichkeitsideale von Härte, rivalisierendem Verhalten und insbesondere die Haltung von emotionaler Un-berührbarkeit in Frage. Auch wenn nicht alle heterosexuellen Männer ein Macho-Ideal vor Augen haben und eine „neue”, auch „weichere” Seiten zulassende Männlichkeit propagiert wird, gilt es doch nach wie vor für Knaben und Männer, daß Gefühle „Frauensache” seien und daß ein „echter” Mann „hart” sein müsse, wobei Gefühle, weiblich und schwul, in verhängnisvoller Weise gleichgesetzt werden.

Schließlich ist zu berücksichtigen, daß die Ablehnung homosexueller Frauen und Männer oft gar nichts mit ihnen selbst zu tun hat, sondern daß sie als „Abweichende” stigmatisiert werden und damit (wie irgendeine andere als „Minorität” ausgegrenzte Gruppe) in die Rolle von Sündenböcken geraten können, an denen die aus ganz anderen Quellen stammenden Gefühle von Haß und Wut ausgelebt werden.

Was können betroffene Eltern

TUN?

Es gilt insbesondere, Eltern gleichgeschlechtlich empfindender Kinder von Schuldgefühlen zu befreien. Sie haben in der Erziehung nichts falsch gemacht (wie ihnen von Gruppierungen, zum Teil aber auch von psychologisch-psychiatrischen Autoren vorgehalten wird). Das Beste, was sie für ihre Kinder tun können, ist: deren sexuelle Orientierung zu akzeptieren und die Heranwachsenden in ihrer Identitätsfmdung und im Prozeß des Coming out einfühlsam zu begleiten. Diese Erziehungsaufgabe können Eltern allerdings nur dann erfüllen, wenn sie von Seiten der Fachleute, der breiteren Öffentlichkeit und insbesondere auch von den Vertretern der Kirchen nicht durch völlig falsche Kli -Scheevorstellungen und Vorurteile irritiert und mit Schuldgefühlen beladen werden, sondern Unterstützung und Akzeptanz finden.

Unmenschliche Zerreißprobe

Wie mir meine eigenen Erfahrungen aus meiner psychotherapeutischen Tätigkeit zeigen, können bei der -vorurteilsfreien! - Begleitung und Beratung homosexueller Adoleszenten und Erwachsenen und ihrer Familien auch Psychotherapeutinnen und -the-rapeuten eine wichtige Funktion erfüllen.

Das Ziel solcher Behandlungen liegt, wie bei jeder anderen Psychotherapie, darin, die Ratsuchenden auf ihrem Weg der Selbstfindung und Selbstakzeptanz zu begleiten. Solange jedoch aufgrund kirchlicher Machtstrukturen und gesellschaftlicher Diskriminierungen homosexuelle Menschen ihre Orientierung verheimlichen müssen, wird eine konstruktive psychotherapeutische Arbeit im Grunde immer wieder unterhöhlt. Die homosexuell Empfindenden werden einer unmenschlichen - und nach meinem Verständnis auch unchristlichen - Zerreißprobe ausgesetzt, die indes nichts mit ihrer sexuellen Orientierung zu tun hat, sondern allein durch eine verständnislose, mit Zwang und Entwertung arbeitende Umgebung bedingt ist.

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