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Sexualität - verleiblichte Beziehung

"Der Mensch" und seine Sexualität sind älter als "der Christ". Daher muss "beim Menschen" nachgefragt werden, um realitätsgerechte Einsichten zu gewinnen: Orientierungspunkte für den Umgang mit Sexualität. von kurt loewit

Wenn es um "Religion und Sexualität" bzw. um das christliche Menschenbild und Sexualität geht, so müsste zunächst zwischen der genuin biblisch-christlichen Botschaft und ihrer je lehramtlichen Auslegung unterschieden werden. Das kann hier nicht Thema sein. Jedenfalls muss aber daran erinnert werden, dass "der Mensch" und seine Sexualität älter sind als "der Christ" und dass daher "beim Menschen" nachgefragt werden muss, um realitätsgerechte Einsichten zu gewinnen. Religionen müssen die Gültigkeit ihrer Lehrsätze am genuin Menschlichen prüfen und nicht umgekehrt. Was lässt sich also beispielsweise zum spezifisch Menschlichen unserer Sexualität sagen?

Spätantiker Dualismus

Zunächst muss immer noch betont werden, dass Sexualität den Menschen in seiner untrennbaren körperlich-geistig-sozialen Einheit betrifft, also nur ganzheitlich, biopsychosozial zu verstehen ist. Gerade die vom Christentum übernommene spätantike dualistische Trennung von Körper und Geist und die Zuordnung der Sexualität, besonders der sexuellen Lust, zur abgewerteten körperlichen Seite des Menschen, stehen an der Wurzel bis heute virulenter Probleme: Das "Fleisch" angeblich als Feind des "Geistes", anstatt Sexualität, Sexus und Eros zusammen, als Kronzeuge fleischlich-geistiger Einheit.

Des weiteren erweist sich Sexualität, stammesgeschichtlich gesehen, als multifunktional, d.h. sie hat verschiedene Aufgaben: So hat sich ihre Fortpflanzungsfunktion erst spät in der Geschichte des Lebens aus der Parasexualität bei Einzellern entwickelt, die der Durchmischung des Erbgutes (genetische Rekombination) und somit indirekt der Evolution diente, mit der - ungeschlechtlichen - Fortpflanzung aber nichts zu tun hatte. Erst höhere Organismen haben genetische Rekombination und Fortpflanzung miteinander gekoppelt und somit die Zweigeschlechtlichkeit "erfunden". Dabei geht die Entwicklung in Richtung Entkoppelung von Paarung und Fortpflanzung, wie vor allem das allmähliche Verschwinden der Brunstzeiten aufzeigt.

Soziale Bindung durch Sex

Jahrtausendelang wurde aber die Fortpflanzungsfunktion als die eigentliche und wichtigste Aufgabe der Sexualität angesehen. Dabei blieb ihre soziale Bindungsfunktion teils unbekannt, teils unterschätzt. Sie ist in der Stammesgeschichte ab den Vögeln und Säugetieren entstanden und erlangte ihre größte Bedeutung bei den Primaten. Sie resultiert aus der Tatsache, dass Paarungsverhalten im Tierreich durch die notwendige Unterdrückung von Aggressions- und Fluchttendenzen sowie die Überwindung von Rangunterschieden und Territorialität den Zusammenhalt der Gruppe und Bindungen zwischen ihren Mitgliedern fördert.

Kopulationen, bei denen das Männchen keinen Samen ausstößt, dienen nicht mehr der Fortpflanzung, wohl aber dem sozialen Frieden, was besonders deutlich bei den Bonobos als den nächsten Verwandten des Menschen zu beobachten ist. Auch völlig losgelöst von Sexualverhalten dient z.B. Genitalpräsentieren in ausschließlich sozialer Bedeutung denselben Zielen. Sexualverhalten ist damit mehrdeutig und missverständlich geworden. Beim Menschen kann die soziale Bindungsfunktion in spezifischer Weise zur kommunikativen Funktion werden.

Auf etwas anderer Ebene liegt die Lustfunktion der Sexualität. Subjektiv und als Antrieb steht sie zumeist im Vordergrund sexuellen Erlebens. Dabei ist sie in mehrfacher Weise komplexer Art: Einerseits hängt sie von körperlichen und psychosozialen Voraussetzungen ab, bei deren Fehlen sie sehr rasch vergehen kann, ist also eher sekundärer Natur, andererseits beschränkt sie sich nicht auf die genitalbezogene Lust, sondern umfasst auch die Beziehungs- und fallweise die Fortpflanzungslust. Sie steht also nicht als dritte Funktion neben den beiden erstgenannten, sondern alle drei können sich überschneiden.

Sexuelle Welt-Anschauung

Gerade im "christlichen Abendland" befand sich die sexuelle Lust von Anfang an im Spannungsfeld zwischen Verteufelung und Verherrlichung, ist also so oder so nicht unbelastet. Der je subjektive Anteil bzw. Grad der Befriedigung dieser drei Dimensionen von Sexualität in Phantasie und Wirklichkeit bestimmen beim Einzelnen wesentlich über die "sexuelle Welt-Anschauung" sowie das konkrete Sexualverhalten und innerhalb eines Paares über Harmonie und/oder Disharmonie gelebter Sexualität bzw. den Grad sexueller (Un-)Zufriedenheit.

Das im Unterschied zur tierischen Sexualität spezifisch Menschliche hängt mit den qualitativ neuen, eben auch kommunikativen Fähigkeiten des Menschen zusammen: Nur er verfügt neben non-verbalen (Körpersprache) auch über verbale (Wortsprache) Verständigungsweisen, also über Sprache mit Grammatik, über Schrift als nicht Gen-gebundener Möglichkeit der Informationsweitergabe, insgesamt über Kultur, wie sie Tiere nicht in vergleichbarer Weise besitzen. Der Mensch wurde seit alters her am besten als "Sozial- oder Beziehungswesen" definiert. Beziehung kann sich nur über Kommunikation verwirklichen und ihre Qualität kommt im so genannten Beziehungsaspekt von Kommunikation zum Ausdruck, sodass die Begriffe Beziehung und Kommunikation so gut wie austauschbar sind. Dementsprechend findet sich das "spezifisch menschliche" nicht in den biologischen Sexualfunktionen oder neuen Verhaltensweisen, sondern im kommunikativen Potenzial menschlicher Sexualität. Dieses muss wie alle Potenziale erst vom Einzelnen verwirklicht werden, sonst bleibt auch menschliches Sexualverhalten auf der Ebene des Reflexhaften, das "von selber" kommt.

Zentrale Grundbedürfnisse

Fragt man beim Menschen nach, was letztlich die Qualität positiv erlebter Beziehungen ausmacht, so stößt man auf die universalen psychosozialen Grundbedürfnisse (und ihre vormenschlichen Wurzeln), wie sie seit Urzeiten und vor aller kulturellen oder individuellen Verschiedenheit für alle Menschen Geltung haben. Das kann jede/r bei sich selbst verifizieren, wenn sie oder er sich fragen, welche Inhalte ihr/ihm für eine glückende Beziehung wesentlich sind? Die Antworten werden immer Begriffe enthalten wie: Annahme und Wertschätzung, Geltung, Zuwendung, Offenheit, Ehrlichkeit, Vertrauen, Nähe und Wärme, daraus Geborgenheit und Sicherheit in verlässlicher Beziehung und ähnliches mehr, letztlich Beheimatung in Beziehung.

Diese universalen Grundbedürfnisse stellen einen primären gemeinsamen Nenner für alle Menschen dar und sind somit die Basis mitmenschlicher Begegnung und keine sozialromantische Realitätsverkennung, auch wenn ihre Erfüllung weithin im Argen liegt. Sie machen den unverzichtbaren Kern aller Beziehungen, insbesondere von Liebesbeziehungen aus. In diesen Grundbedürfnissen liegen die Wurzeln des für die meisten Religionen zentralen Liebesgebotes.

Durch Sexualität sprechen

Wenn also Lebensqualität und Sinnerfahrung des Menschen von der Qualität seiner Beziehungen abhängen und diese wiederum von der Erfüllung zentraler Grundbedürfnisse nach Akzeptanz, Nähe, Wärme, Geborgenheit ..., welche Rolle kann dann das kommunikative Potenzial unserer Sexualität spielen? Dabei interessiert hier weniger die verbale Kommunikation, also das Sprechen über Sexualität (mit den bekannten Problemen tabubedingter Hemmungen und fehlenden Vokabulars), sondern vielmehr das Sprechen durch Sexualität, also Sexualverhalten als eine Form von Körpersprache. Eigentlich müsste man fragen, wieso im Gegensatz zu allem übrigen Verhalten, sexuelles Verhalten nicht als Botschaftsträger wie Mimik und Gestik verstanden wird?

Die Frage, was es für sie heiße, miteinander zu schlafen, ist jedoch vielen Paaren neu und kann nicht in gleicher Klarheit beantwortet werden wie etwa die Frage nach der Botschaft von Zärtlichkeiten. Körpersprache macht die Ganzheitlichkeit des Menschen deutlich, indem sie abstrakte Begriffe, auch Werte, körperlich-sinnenhaft durch Verhalten zum Ausdruck bringt, also verkörpert, "inkarniert".

Dasselbe gilt für die sexuelle Körpersprache im weiten und im engeren Sinn, also z.B. für das Verhalten beim Koitus. Es umfasst Blickkontakt (Ansehen?), Aufeinander-Zugehen (Entgegenkommen, Zuneigung?), Sich-Nahe-Sein , Sich-Öffnen und Aufeinander-Eingehen (Nähe, Offenheit, Annahme, Einfühlsamkeit?) Beieinander-Ein-und-Aus-Gehen (Daheim-Sein, Beheimatung?) Sich-Festhalten (Zusammenhalt?) und wieder Voneinander-Lassen (Einheit und Getrennt-Sein, Autonomie?) und so fort.

Auch christlich nicht falsch...

Die Übersetzung der Botschaft hängt vom positiven, negativen oder ambivalenten Vorzeichen auf der Beziehungsebene ab: Ansehen oder Respektlosigkeit? Aufeinander zugehen oder aufeinander losgehen? Sich nahe stehen oder zu nahe treten? Sich in die Arme fallen oder übereinander herfallen? Sexualverhalten kann also (und nicht bloß beim Koitus) die in Beziehungen erhofften unverzichtbaren psychosozialen Grundbedürfnisse zum Ausdruck bringen und zugleich in psycho-physischer Einheit verwirklichen, also ganzheitlich erfüllen: Sexualität als verleiblichte Beziehung zu erleben bietet die größten Chancen ihr gesamtes Potenzial voll auszuschöpfen. Daraus ergibt sich ja gerade ihre mit den dürren Worten einer Abhandlung nicht zu vermittelnde leidenschaftlich-ekstatische Qualität. Das setzt Übereinstimmung zwischen dem sexuellen Tun, dem gefühlsmäßigen Empfinden und der partnerschaftlichen Wirklichkeit insgesamt voraus, muss also erlernt und erliebt werden. Ethisch geht es um Fragen der Wahrhaftigkeit und Ver-Antwortung im Sinne lebensspendender(?) Antworten auf die Grundbedürfnisse des/der Anderen.

Vor diesem Hintergrund lassen sich auf Fragen von z.B. Selbstbefriedigung, nicht-ehelicher Sexualität, Empfängnisverhütung, Sexualität bei Geschiedenen und Wiederverheirateten, von gleichgeschlechtlicher sexueller Orientierung, Priesterzölibat, von Kondomverwendung im Rahmen der Aids-Prophylaxe, schulischer Sexualerziehung etc. menschlich "richtige" Antworten suchen und finden. Sexualität als Verleiblichung der Beziehung verstanden, kann dabei das Fundament und den ethischen Maßstab bilden. Nur um dieses Fundament ist es hier gegangen, es bleibt Aufgabe jedes/r Einzelnen, sich darauf sein eigenes Haus zu bauen, wissend, dass christlich nicht falsch sein kann, was menschlich richtig ist.

Der Autor ist em. Professor für Sexualmedizin an der Universität Innsbruck.

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