Bonobos - © iStock / Jeff McCurry
Feuilleton

Tierisch aus der Krise

1945 1960 1980 2000 2020

Können Wirtschaft und Gesellschaft von der Natur lernen? Oliver Tanzer unternimmt in seinem neuen Buch einen interessanten Versuch, die Probleme der Gegenwart zu bewältigen.

1945 1960 1980 2000 2020

Können Wirtschaft und Gesellschaft von der Natur lernen? Oliver Tanzer unternimmt in seinem neuen Buch einen interessanten Versuch, die Probleme der Gegenwart zu bewältigen.

Von der neuen Jugendbewegung „Fridays for Future“ bis zu immer größeren Kreisen der Wissenschaft und der Politik sind sich viele darüber einig: Wir stecken aktuell in einer Krise fest, weil unser Wirtschaftssystem häufig falsche Anreize setzt und damit zu unnötigem Mehrverbrauch von Ressourcen bis zur drohenden Zerstörung der Ökosphäre führt. Die Krise scheint ihren Ursprung aber in genau jenem Programm zu haben, das großen Teilen der Menschheit über die vergangenen 200 Jahre ein immer besseres Leben ermöglicht hat: Von der Lebenserwartung über die gesunkene Kindersterblichkeit bis zum fast unbegrenzten Zugriff auf Energie zum Heizen, Reisen und Konsumieren lebt der Durchschnittsbürger heute messbar besser als Könige und Fürsten vor 200 Jahren. Andererseits wird der Preis dafür aber auch immer deutlicher sichtbar. Oliver Tanzer, FURCHE-Redakteur und Wirtschaftsautor, formuliert es in seinem neuen Buch „Animal Spirits“ so: „Wir erkaufen den Aufschwung mit Klimaschäden und Artenvernichtung, die Schonung des Planeten würden wir mit einer Wachstumskrise erkaufen – die Krise des ökonomischen Systems steht gegen die Krise der Biosphäre und des Klimas.“

Wo liegt die Ursache dieses Dilemmas?

Aristoteles, der Erfinder des Begriffs „Ökonomie“, ordnete das Tier- und Pflanzenreich hierarchisch nach dem Vorbild der griechischen Gesellschaft seiner Zeit. Er unterstellte der Natur Machthierarchien und baute eine Wertungspyramide vom Wertlosen zum Wertvollen. Das ging bis zur – wie man heute weiß: fiktiven – Rolle eines männlichen Bienenkönigs (!) als Heerführer im Bienenvolk, was bis ins 17. Jahrhundert eine patriarchale Vorstellung des Bienenstocks zeitigte. Nicht nur die Kirche übernahm die aristotelische Ordnung der Ökonomie, instrumentalisierte sie und stärkte damit ihre Autorität, auch der Kapitalismus folgte diesem Denkmuster und ordnete die Welt danach – mit weitreichender Wirksamkeit: Überall wurden hierarchische Pyramiden gesehen, an deren Spitzen die Besten (zumeist Männer) thronten. Der Mensch wird in dieser Ordnung zum passiven Teilchen eines übermächtigen Systems, das seinen Instinkten folgt: zum Homo oeconomicus.

Mit einem Blick auf die Ideengeschichte regt Tanzer an, diesen Begriff der „Ökonomie“ durch jenen der „Katallaxie“ zu ersetzen, der auf Aristotelesʼ Zeitgenossen Xenophon zurückgeht. Deren etymologischer Ursprung, „katallatein“, bedeutet so viel wie „tauschen, sich den Feind zum Freund machen“. Auf dem Marktplatz der Katallaxie würden einander die Marktteilnehmer auf werttauschender und wertschätzender Basis begegnen.

Um den Begriff der Katallaxie gedanklich umzusetzen, betritt Tanzer im zweiten Teil seines Buches weitgehend Neuland. Er beschreibt Beispiele praktischer Lösungen von Krisen, die sich in der Natur bewährt haben und auf unser System des Wirtschaftens übertragbar erscheinen. Diese Methode ist in der angewandten Technik als Bionik bekannt, Tanzer wendet seinen bionischen Ansatz aber auf der Systemebene an.

Pantoffeltierchen etwa – Einzeller – haben für den Krisenfall eine über Hunderte Jahrmillionen bewährte Strategie der Krisenbewältigung entwickelt: Wenn sich die äußeren Bedingungen verschlechtern, schalten sie von Zellteilung auf sexuelle Fortpflanzung um, steigern damit die genetische Vielfalt, neue Kreuzungen entstehen, und die besten Neukombinationen übertauchen die Krise. Tanzer sieht diese Strategie ansatzweise im „New Deal“ des US-Präsidenten Roosevelt als Reaktion auf die große Depression verwirklicht, nämlich als „Verschmelzung“ von öffentlichen Investitionen und privatem Kapital.

Ein anderes Beispiel: Die Jagd auf einen Bison, das größte Beutetier im nordamerikanischen Westen, ist für ein gewöhnliches Wolfsrudel von etwa acht Individuen ein nicht bewältigbares Großprojekt. So vereinigen sich zeitweise mehrere Wolfsrudel zwanglos zu Gruppen von mindestens 25 Tieren, schwächere Tiere übernehmen die Spurarbeit im Schnee, stärkere sparen ihre Kraft für die eigentliche Jagd. Die oft berichtete „Hackordnung“ in Wolfsrudeln existiert nur dort, wo sie sich in Gefangenschaft um knappe Ressourcen streiten müssen. In der Natur findet man vertikale Hierarchien meist nur in Familienverbänden und Clans überschaubarer Größe, größere Strukturen weisen durchwegs flache Hierarchien auf. Ein Bienenschwarm beispielsweise befindet sich nach dem Ausschwärmen in einer sehr gefährlichen Situation: Er ist ungeschützt und lebt von wenigen Reserven. Um rasch ein neues Nest zu finden, wird die Entscheidung auf flachestmöglicher Hierarchieebene getroffen: Jede Biene, die einen möglicherweise geeigneten Nestplatz findet, preist diesen in der bekannten Bienensprache an. Dieser Platz wird nun von anderen Bienen geprüft, die Informationsfülle nimmt zu, irgendwann entscheidet sich der Schwarm „basisdemokratisch“.

Von der neuen Jugendbewegung „Fridays for Future“ bis zu immer größeren Kreisen der Wissenschaft und der Politik sind sich viele darüber einig: Wir stecken aktuell in einer Krise fest, weil unser Wirtschaftssystem häufig falsche Anreize setzt und damit zu unnötigem Mehrverbrauch von Ressourcen bis zur drohenden Zerstörung der Ökosphäre führt. Die Krise scheint ihren Ursprung aber in genau jenem Programm zu haben, das großen Teilen der Menschheit über die vergangenen 200 Jahre ein immer besseres Leben ermöglicht hat: Von der Lebenserwartung über die gesunkene Kindersterblichkeit bis zum fast unbegrenzten Zugriff auf Energie zum Heizen, Reisen und Konsumieren lebt der Durchschnittsbürger heute messbar besser als Könige und Fürsten vor 200 Jahren. Andererseits wird der Preis dafür aber auch immer deutlicher sichtbar. Oliver Tanzer, FURCHE-Redakteur und Wirtschaftsautor, formuliert es in seinem neuen Buch „Animal Spirits“ so: „Wir erkaufen den Aufschwung mit Klimaschäden und Artenvernichtung, die Schonung des Planeten würden wir mit einer Wachstumskrise erkaufen – die Krise des ökonomischen Systems steht gegen die Krise der Biosphäre und des Klimas.“

Wo liegt die Ursache dieses Dilemmas?

Aristoteles, der Erfinder des Begriffs „Ökonomie“, ordnete das Tier- und Pflanzenreich hierarchisch nach dem Vorbild der griechischen Gesellschaft seiner Zeit. Er unterstellte der Natur Machthierarchien und baute eine Wertungspyramide vom Wertlosen zum Wertvollen. Das ging bis zur – wie man heute weiß: fiktiven – Rolle eines männlichen Bienenkönigs (!) als Heerführer im Bienenvolk, was bis ins 17. Jahrhundert eine patriarchale Vorstellung des Bienenstocks zeitigte. Nicht nur die Kirche übernahm die aristotelische Ordnung der Ökonomie, instrumentalisierte sie und stärkte damit ihre Autorität, auch der Kapitalismus folgte diesem Denkmuster und ordnete die Welt danach – mit weitreichender Wirksamkeit: Überall wurden hierarchische Pyramiden gesehen, an deren Spitzen die Besten (zumeist Männer) thronten. Der Mensch wird in dieser Ordnung zum passiven Teilchen eines übermächtigen Systems, das seinen Instinkten folgt: zum Homo oeconomicus.

Mit einem Blick auf die Ideengeschichte regt Tanzer an, diesen Begriff der „Ökonomie“ durch jenen der „Katallaxie“ zu ersetzen, der auf Aristotelesʼ Zeitgenossen Xenophon zurückgeht. Deren etymologischer Ursprung, „katallatein“, bedeutet so viel wie „tauschen, sich den Feind zum Freund machen“. Auf dem Marktplatz der Katallaxie würden einander die Marktteilnehmer auf werttauschender und wertschätzender Basis begegnen.

Um den Begriff der Katallaxie gedanklich umzusetzen, betritt Tanzer im zweiten Teil seines Buches weitgehend Neuland. Er beschreibt Beispiele praktischer Lösungen von Krisen, die sich in der Natur bewährt haben und auf unser System des Wirtschaftens übertragbar erscheinen. Diese Methode ist in der angewandten Technik als Bionik bekannt, Tanzer wendet seinen bionischen Ansatz aber auf der Systemebene an.

Pantoffeltierchen etwa – Einzeller – haben für den Krisenfall eine über Hunderte Jahrmillionen bewährte Strategie der Krisenbewältigung entwickelt: Wenn sich die äußeren Bedingungen verschlechtern, schalten sie von Zellteilung auf sexuelle Fortpflanzung um, steigern damit die genetische Vielfalt, neue Kreuzungen entstehen, und die besten Neukombinationen übertauchen die Krise. Tanzer sieht diese Strategie ansatzweise im „New Deal“ des US-Präsidenten Roosevelt als Reaktion auf die große Depression verwirklicht, nämlich als „Verschmelzung“ von öffentlichen Investitionen und privatem Kapital.

Ein anderes Beispiel: Die Jagd auf einen Bison, das größte Beutetier im nordamerikanischen Westen, ist für ein gewöhnliches Wolfsrudel von etwa acht Individuen ein nicht bewältigbares Großprojekt. So vereinigen sich zeitweise mehrere Wolfsrudel zwanglos zu Gruppen von mindestens 25 Tieren, schwächere Tiere übernehmen die Spurarbeit im Schnee, stärkere sparen ihre Kraft für die eigentliche Jagd. Die oft berichtete „Hackordnung“ in Wolfsrudeln existiert nur dort, wo sie sich in Gefangenschaft um knappe Ressourcen streiten müssen. In der Natur findet man vertikale Hierarchien meist nur in Familienverbänden und Clans überschaubarer Größe, größere Strukturen weisen durchwegs flache Hierarchien auf. Ein Bienenschwarm beispielsweise befindet sich nach dem Ausschwärmen in einer sehr gefährlichen Situation: Er ist ungeschützt und lebt von wenigen Reserven. Um rasch ein neues Nest zu finden, wird die Entscheidung auf flachestmöglicher Hierarchieebene getroffen: Jede Biene, die einen möglicherweise geeigneten Nestplatz findet, preist diesen in der bekannten Bienensprache an. Dieser Platz wird nun von anderen Bienen geprüft, die Informationsfülle nimmt zu, irgendwann entscheidet sich der Schwarm „basisdemokratisch“.

Man staunt über die Fülle natürlicher Lösungsmöglichkeiten. Zugleich fragt man sich, wie eine Systemänderung beim Menschen gelingen könnte.

Animal Spirits - © Verlagsgruppe Styria
© Verlagsgruppe Styria

Fledermäusliche Fütterung

Fledermäuse sind soziale Wesen mit sehr geringer Fortpflanzungsrate. Um fliegen zu können, müssen sie sparsam mit Gewicht und Fettreserven umgehen. Finden einige Tiere keine Nahrung, werden sie von anderen gefüttert. Schert ein Tier aus und verweigert seinem hungrigen Nachbarn das Futter, obwohl es selbst Nahrung gefunden hat, so wird es in der Folge selbst von den anderen nicht mehr gefüttert. Es gibt bei den Fledermäusen keine stärkeren Sanktionen, ein sanftes „Tit-for-Tat-Nudging“ reicht, um Egoisten wieder ins Gruppenleben zurückzuholen.

Kooperation ist – wie Konkurrenz – kein moralischer Wert für sich, sondern ein Instrument zur Zielerreichung. Bonobo-Affen, nahe Verwandte der Schimpansen, regeln Konflikte innerhalb und zwischen Gruppen, indem sie Nahrung und Sex anbieten. Sex dient der Stärkung von Beziehungen, nicht der Unterwerfung.

Man staunt angesichts dieser Fülle von Lösungen über den Erfindungsreichtum der Natur. Zugleich bleibt die Frage, wie sys­tematische Änderungen der Anreizstruktur in Form einer politischen Ökonomie – oder eben Katallaxie – gelingen könnten. Wenn man nicht mehr darauf vertraut, unsere Ökonomie werde die Probleme kraft ihrer Kreativität quasi von selbst lösen, könnte man die Frage so stellen: Wie bauen wir die Rahmenbedingungen, um uns das gemeinsame Weiterleben auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen und begrenzter Aufnahmefähigkeit für die ungewollten Produkte unseres Lebens zu sichern? Oder, systemisch-bionisch gefragt: Wie machte die Natur aus kriegerischen Schimpansen friedliche Bonobos und wie würde sie entsprechend aus ressourcenverschwendenden Menschen friedliche, zukunftsverträgliche Zeitgenossen machen?

Der Autor ist Energieexperte, Physiker und Essayist.

Buchtipp

Animal Spirits

Wie uns Fledermäuse, Pantoffeltierchen und Bonobos aus der Krise helfen
Von Oliver Tanzer
Molden 2019
240 S., Hardcover,
€ 24,00